Schlag dich durch, Bruder

Mit Stefano Vaglietti sprachen Fredi Lerch und Michael Stötzel

WoZ: Am Wochenende versucht Mike Tyson nach vier Jahren Zwangspause und drei Jahren Gefängnis sein Comeback. Ist es überhaupt vorstellbar, dass einer nach so langer Zeit wieder in den Ring steigt und Chancen hat zu gewinnen?

Stefano Vaglietti: Wenn sie ihn im Knast bevorzugt behandelt haben und ihn trainieren liessen, dann liegt das schon drin, sonst nicht. Ich habe ein wenig Angst, dass das Ganze zu einer Farce wird. Wenn Tyson im Gefängnis wirklich heiss trainiert hat, dann kriegt sein Gegner Peter McNeeley Prügel, dann ist die Paarung eigentlich eine Gemeinheit. 

Nun galt Tyson ja nicht gerade als guter Boxer.

Was heisst ein guter Boxer? Man kann nicht sagen, dass er technisch nicht gut sei. Seine Körpergrösse, seine Masse – der Erfolg gibt ihm recht. Wenn er die Giele getroffen hat, fielen sie immer. Dafür brauchst du ja übrigens nicht nur Kraft. Tyson hat zwar einen derartigen Hammer, wenn der dich trifft, dann ist Feierabend, wirklich. Aber er trifft auch genau. Er ist klein und übergewichtig, obwohl das alles Muskeln sind. Aber er muss diese Masse zwölf Runden lang schleppen: Er kann taktisch einteilen. Natürlich boxt er nicht wie Muhammad Ali. Ali war gross, der hat elegant geboxt, seine Schläge kamen von weit, er hat sich bewegt. Tyson dagegen ist ein kleiner Bullterrier, was er aus seiner Psyche und seinem Körper herausholt, ist einfach phantastisch. Beim Boxstil musst du tolerant sein. Wer stärker ist, ist eben stärker, auch wenn der andere schöner herumhüpft. Und Tyson zum Beispiel hat ja trotzdem etwas Schönes, diese gebündelte Kraft, wenn er loshackt.

In seinem letzten Jahr (1990/91) hat er allerdings nicht mehr besonders überzeugend geboxt und erstmals in seiner Karriere auch einen Kampf verloren.

Ja. Aber zuvor ist etwas passiert: Cus d’Amato, der amerikanische Boxpapst, der ihn zu Beginn seiner Karriere unter seine Fittiche genommen hatte, starb, und Tyson ging zu dem Manager Don King. Dort begann der Abstieg. Plötzlich war er nicht mehr jener Tyson, der für seine Welt und dafür, dass sie stimmt, boxen wollte. Sie haben ihn kaputt gemacht. 

Wird dieser Don King nicht schlecht gemacht, weil er schon mal über Politik redet, auch über Black power?

Nein, es tut mir leid. Diese Manager sind derart Verheizungsbrüder, die können nicht gut sein. Boxen ist immer so gewesen. Es ist von zuoberst bis zuunterst ein Schmutzgeschäft. Don King und seine Leute haben Tyson in eine ganz andere Szene hineingerissen. Als Boxer bist du ja ein Einzelkämpfer. Da gibt’s keinen Platz für andere Sachen, wenn du’s wirklich durchziehen willst. Darum geben sie ihm ja jetzt mit dem islamischen Glauben etwas zurück, das völlig in klaren Bahnen läuft. Damit, haben sie das Gefühl, können sie ihn wieder holen, damit komme all das zurück, was er nach dem Tod von Cus d’Amato verloren hat. Wie klar es dann wirklich ist, in jener Kultur, in der Tyson trotz allem leben muss, das sehen wir dann.

Der Kitzel bei seinen früheren Kämpfen lag doch immer darin, ob endlich einer komme, der ihn verhauen könne. Sein Geschäft war es, den Underdog abzugeben, den schwarzen Schläger, der eigentlich nichts kann. Jetzt kommt noch seine Vorstrafe wegen Vergewaltigung hinzu. Die Leute wollen doch nur noch, dass er verliert. 

Interessant ist jetzt zu sehen, wie Tyson es verdaut hat, dass man ihn in den Knast schickte. Ich habe das Gefühl, das gibt ihm die genau gleiche Wut, die er als Kind gehabt hat. Der war voller Wut, voller Hass und voller Enttäuschung, das ist sein Motor gewesen. In dieser Vergewaltigungsgeschichte, die man ihm 1991 angehängt hat, ist ja bis zum Schluss nicht sicher gewesen, hat er’s gemacht, oder hat er’s nicht gemacht. Wenn er wirklich innerlich sauber ist, wenn er sich sagen kann: Ich habe dieser Frau nichts gemacht, ich bin unschuldig im Knast gesessen – dann muss er total Hunger haben und geladen sein wie ein Tier. Das spielt aus meiner Sicht für ihn eine grosse Rolle, für den Motor, wieder zu boxen. Ich würde es ihm gönnen, wenn er gleich wieder aufräumen würde. 

Aber das ist nicht gut für das Geschäft. 

Deswegen ist er ja verschwunden. Die Leute wollten nicht mehr bezahlen für diese Erstrunden-K.o’s. Die wollen fünfzehn Runden, vier, fünf Niederschläge, Blut aus Ohren und Nase. Das ist gut. Einer wie Tyson konnte da nicht mitspielen. Vor dem Kampf gegen Buster Douglas, der ihn [am 10.2.1990, fl.] als bisher einziger in 42 Profikämpfen geschlagen hat, haben sie ihn psychisch so demoliert, dass er schliesslich verschwinden musste.

Und doch steigt Tyson jetzt wieder in diese Mühle ein, und wenn er jetzt noch als Black Muslim ankommt, bedient er noch ein Feindbild mehr.

Vielleicht ist das einfach auch das, was er braucht und was die anderen von ihm wollen: der böse Schwarze. Nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft wurde Mike Tyson ein anerkannter Mensch. Er ist überall eingeladen worden, man hat ihm zugehört. So hat man ihm mit der Zeit sein Feindbild der bösen Welt weggenommen. Er ist nicht mehr wirklich überall angemotzt und ausgestossen worden. Unterdessen hat sich das wieder geändert, er spürt die böse Welt wieder. Das soll nun offenbar beim Comeback sein Kampfmotor sein. Sie nehmen ihn wirklich aus, ideologisch, psychisch, physisch. Meine Hoffnung für ihn ist, dass ihm die Ungerechtigkeit seiner Verurteilung genügend Kraft gibt, mindestens noch ein paarmal zu boxen, seine Milliönchen zu nehmen, und danach fertig. Als Boxerkollege würde ich ihm das gönnen. Wenn er schlau ist. Aber Don King hat kein Interesse an Tysons Schlauheit. Ob er also aufhören darf, ist die Frage.

Rechtzeitig aufhören konnte offenbar nicht mal Muhammad Ali. Jetzt ist er ein schwerkranker Mensch.

Ali leidet am Parkinson-Syndrom. Ob das eine Folge der Schläge ist, die er einstecken musste, ist nicht klar. Er hat halt auch den Schabernack mit den Drogen betrieben. So wie er immer drauf war, da musst du schon ein bisschen was nehmen. Das kenne ich von mir, seien wir ehrlich. Das macht jeder. Jeder nimmt Amphetamine, obschon deren Einnahme überhaupt nicht gerechtfertigt ist. Wenn du ein solches Präparat dann absetzt, nimmst du zwangsläufig zu, auch wenn du weitertrainierst. Deshalb bekommt jeder Boxer nach seiner Karriere einen Wampen, jeder. Nicht weil er nicht mehr trainiert, sondern weil er das Zeug nicht mehr frisst.

Tyson hat im Gefängnis erheblich abgenommen. Das sah man auf den Bildern nach seiner Entlassung.

Das ist auch so was: Vier Jahre Knast mit normalem Knastleben, da nimmst du mindestens dreissig Kilo zu. Da ist wieder eine grosse Lüge. Tyson muss im Knast irgend etwas gefressen haben. Die haben ihn wieder vollgestopft, was andererseits mit seinem Muslim-Zeug nicht mehr aufgeht. Hast du je diesen Muskelaufbau gesehen, den er hat? Weisst du, wieviel Fleisch du fressen müsstest, bis du das hinkriegst? Ohne Anabolika und Amphetamine, ohne Doping stehst du sicher nicht in einem Ring um die Weltmeisterschaft. Woher willst du auch die Energie nehmen, sechs Stunden durchzutrainieren bei einer normalen Ernährung? Dabei sagt dir niemand, wie die Medikamente wirken: Wenn du nach dem Absetzen nicht ausgleichst mit Mineralien, dann drehst du durch, dann wirst du depressiv, kommst schlecht drauf. Das sagt dir niemand.

Wenn Tyson nun doch verliert, was dann?

Dann ist er erledigt. Er ist so prädestiniert, in der Gosse zu landen, dass er wohl dann gleich ganz hinunterfällt, dann dreht er endgültig durch und wird endlich so, wie man ihm immer vorgeworfen hat, dass er sei. So oder so bist du das Opfer. Du musst bezahlen. Es hat einen unheimlichen Preis, dass du dir im Ring ein klein wenig von dem reinziehen kannst, was du brauchst. Aber irgendwann haben dich die Leute soweit überzeugt, dass du das brauchst, dass dir alles egal ist. Du hast sehr selten die Möglichkeit, Leute zu treffen, wo du dich geistig findest und dieses brutal-beschissene Ellbögeln nicht nötig ist. Du boxt nicht einfach so, weil’s dir sehr gut geht und du aus lauter Langeweile findest: Jetzt will ich mir mal die Birne verklopfen lassen oder einem anderen die Birne verklopfen. Das kommt wirklich von innen heraus. Du musst kämpfen, du musst es den anderen zeigen. Boxer sind komplizierte Leute, ihre Komplexe sind der Motor. Und das wird ausgenützt. Das ist so gemein.

Den Boxkampf gegen Peter McNeeley, vor dem Tyson bei seinem Comeback damals stand, gewann er am 19. August 1995 durch K.o. nach 89 Sekunden. Zur Biografie und zur weiteren Karriere Tysons siehe hier. Der Interviewpartner Stefano Vaglietti hatte ein gutes Jahr zuvor der WoZ seine eigene Geschichte erzählt (siehe «Und jeder Schuss ein WM-Kampf»). – Ich danke Michael Stötzel für sein Einverständnis, diesen Beitrag an dieser Stelle zweitzuveröffentlichen.