Tanz-«Fuer» mit Nachspiel

Auf dem Areal der ehemaligen Buntmetallfirma Selve AG in Thun gebe es heute «Wildwuchs», sagt der Chef der Stadtpolizei Thun, Erwin Rohrbach. Damit meint er ein wenig Alternativgewerbe und ein wenig Alternativkultur. Um die Übersicht zu behalten, führe die Polizei einen Katasterplan, in dem Nutzungsänderungen laufend eingetragen würden. Laut diesem Plan war die alte Giesserei am Samstag, 12. Februar 1994, von der R+S AG Montage und Demontage gemietet.

An diesem Abend wurde sie allerdings alternativ genutzt. Seit Tagen waren Handzettel des «Random Strike Collective» im Umlauf: «Dampfschiffmuseum, Gelder für Sportvereine usw. haben uns dazu bewogen, der Stadt zu zeigen, dass es in Thun auch Jugendkultur gibt. Jugendkultur von Jungen, die um ihre Freiräume kämpfen.» Mit dem Zettel wurde zu einer grossen Tanz-«Fuer» mit Funk, Soul, Hiphop und Hardtrance-Techno eingeladen. In der Nacht zum Sonntag kamen gut 500 Leute aufs Selve-Areal und unterstrichen so das Bedürfnis nach alternativem Kulturraum in Thun. Die vorbeischauenden Polizeistreifen kehrten unverrichteter Dinge zurück, weil ihnen der Eintritt verwehrt wurde, wie Rohrbach berichtet. Die Fuer, an der sich allerdings nicht nur die Aufgestellten, sondern auch die Frustrierten auslebten, dauerte bis am Morgen.

Am folgenden Dienstag griff der jüngste Redaktor des «Thuner Tagblatts» (TT), Marco Oswald, zur Feder. Unter dem Titel «Vandalenakt in Selve-Halle: 30’000 Fr. Schaden» verfasste er einen vorbildlichen Polizeirapport («Zigarettenstummel, ein Meer von Scherben, Coca-Cola-Becher»). Darüber hinaus schrieb Oswald einen Kommentar, worin er festhielt, dass «die Randalierer zum Aufmarsch ins Selveareal» aufgefordert hätten. Damit unterschob er der organisierenden Gruppe, mit den «Randalierern» identisch zu sein.

Am 19. Februar kam im TT dann die veranstaltende Gruppe selber zu Wort. Sie verurteilte «die gewalttätigen Vorkommnisse aufs Schärfste» und fuhr fort: «Die heutige desolate Lage unserer Stadt punkto Jugendkultur hat uns veranlasst, selber etwas auf die Beine zu stellen. Das positive Echo der BesucherInnen auf dieser Party hat uns gezeigt, dass ein Bedürfnis für solche Anlässe vorhanden ist. Leider gibt es immer wieder Leute, die ihre Frustration destruktiv zum Ausdruck bringen. Bedenklich stimmt uns aber auch die Tatsache, dass es möglich ist, mit einer solchen Berichterstattung eine Wand von Vorurteilen gegenüber allen Jugendlichen aufzubauen.»

Zu dieser Stellungnahme im TT ist ein Sprecher des «Random Strike Collective» mit seinem Namen gestanden. Das kann teuer werden. Beim zuständigen Untersuchungsrichter Thomas Hiltpold ist unterdessen eine Anzeige auf Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung und Diebstahl eingegangen. Das Kollektiv läuft nun Gefahr, für den Schaden zur Kasse gebeten zu werden. Trotzdem will es weitermachen.

Unterstützt von Udo Michel, Juso-Stadtrat und Jugendbetreuer der Gewerkschaft Bau & Industrie, will es eine Petition mit dem Titel «Freiraum dank Petition» (FdP) lancieren. Folgende inhaltlichen Schwerpunkte diskutieren die Thuner Jugendlichen zur Zeit: Öffentliche Unterstützung von nicht-kommerzieller Jugendkultur; eine Halle im Selve-Areal als Freiraum; ein Jugendparlament; bessere Unterstützung von arbeitslosen Jugendlichen.

Der letzte Satz mit den politischen Forderungen ist für den Zeitungsdruck weggestrichen worden.