Zu Peter Lehmanns «Der chemische Knebel»

 

Die Worddatei in meinem elektronischen Textarchiv trägt den Namen «1989-18 WoZ Lehmann, Knebel», letzte Änderung: Juni 2013. Entweder habe ich 2013 eine uralte Worddatei umbenannt (aber im Januar 1989 schrieb ich nicht mit Schreibmaschine) oder ich habe den Text damals aus einer Papiervorlage transkribiert, die ich nicht mehr finde. Tatsache ist: In der WoZ Nr. 18/1989 wurde dieser Text nicht gedruckt (und auch nicht kurz vorher oder nachher). Zudem: Wie es meine Gewohnheit ist, habe ich in Lehmanns Buch, das auf meinem Büchergestell steht, das Datum des Lektüreabschlusses auf dem Vorsatzblatt vermerkt, in diesem Fall «11.88-6.1.89». Am 20. Januar 1989 habe ich in der WoZ die Reportage «Die Schweiz braucht eine Irren-Offensive» veröffentlicht. Darin wird zwar Lehmanns Buch nicht erwähnt, aber Lehmanns Wortwechsel mit dem Psychiater Berthold Rothschild im Radio LoRa ist wörtlich gleich wie untenstehend dokumentiert. Eine solche Doublette drucken zu wollen, war keinesfalls meine Absicht. 

Ich nehme deshalb an, dass ich zuerst den nachfolgenden Text als Rezension schrieb, unter dem Druck der Aktualität dann umdisponierte, stattdessen die Reportage veröffentlichte und in der Folge auf die Rezension verzichtete (immerhin war Lehmanns Buch schon mehr als zwei Jahre auf dem Markt). Trotzdem ist diese liegengebliebene Rezension im Rückblick ein interessanter Text: Vermutlich hat mich damals nichts stärker zur antipsychiatrischen Sicht der Dinge geführt als die Lektüre dieses Buches – man merkt’s, was den Text als Rezension eher missglücken liess, aber ihn zum Lesen bis heute spannend macht. (11.3.2019)

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Am Larcactil-Symposium in der psychiatrischen Universitätsklinik in Basel sagte der Psychiater John Eugen Staehelin am 28. November 1953 über die ersten Erfahrungen mit der neuartigen Substanz Larcactil, dem ersten Neuroleptikum: «Es ist kein Zufall, dass unser Personal von der ersten Kur ausserordentlich befriedigt, ja begeistert ist und sich selbst übertraf bei der Behandlung der teilweise völlig a- oder antisozialen Patienten.» Die Psychiatrie trat in den frühen 1950er Jahren in eine neue Phase ihrer Entwicklung. Nun konnten die «Therapie»formen der brachialen Gewalt, der Insulin- und Elektroschocks und der hirnchirurgischen Eingriffe (Lobotomien) dosierter eingesetzt werden. Nun gab es eine neue Allerweltswaffe gegen «Wahnsinn», «Schizophrenie» und «Psychosen»: Mit Neuroleptika – die von psychiatrischer Seite später als «pharmakologischer Ersatz für Lobotomie» gefeiert worden sind – war es ein leichtes, Menschen, die sich aus irgendwelchen Gründen auf Zeit oder endgültig der Sprache der herrschenden Vernunft verschlossen hatten, auf Zimmerlautstärke zu dämpfen und weitgehend bewegungsunfähig zu machen.

1977 wurde der Student Peter Lehmann gewaltsam in eine psychiatrische Anstalt verbracht. Die Norm-Diagnose «Schizophrenie» rechtfertigte als «Therapie» den massiven Einsatz von Neuroleptika. Lehmann wurde mit Taxilan, Truxal, Imap, Semap, Orap, Haloperidol, Triperidol, dazu mit dem Antiparkinson-Medikament Akineton «abgespritzt und abgefüttert» (S. XI). Nach seiner Freilassung setzte er die Medikamente eigenmächtig ab und begann, über das Gift zu recherchieren, mit dem man ihn in der Klinik chemisch geknebelt hatte. Er trug alle erreichbaren Unterlagen zusammen, die Exponenten der herrschenden Psychiatrie als «wissenschaftliche Literatur» über die Neuroleptika und ihre Wirkungsweise publiziert hatten; insgesamt 1125 Quellen. Gestützt auf dieses Material verfasste er das Buch «Der chemische Knebel», eine enzyklopädische Abrechnung mit den «Nervendämpfern» Neuroleptika («neuron» = Nerv und «leptos» = dünn, niedrig, abgeschwächt). Das Herzstück des Buchs ist die 150seitige Zusammenstellung aller «Neuroleptika-Auswirkungen», die von Psychiatern nach wie vor grösstenteils schamvoll als «Nebenwirkungen» bezeichnet werden. Lehmann kommt zu folgendem Schluss: Mit Neuroleptika werden heutzutage 95 Prozent aller «Schizophrenen» «behandelt», obschon diese zum Beispiel zu Formen des Parkinsonismus, zu tardiver Dyskinesie (bleibende, veitstanzartige Bewegungsstörungen), zu Krebs und zum Herzstillstand führen können. Als Ergebnisse der Neuroleptika-Behandung konstatiert Lehmann: «Hirn-, Geistes-, Bewegungs-, vegetative und speziell Hormonstörungen, psychische Störungen wie Dahindämmern und Benommenheit – allesamt vorsätzlich hergestellte, zum Teil irreversible, zum Teil tödliche Schädigungen.» Die Konsequenz aus dieser Erkenntnis ist klar: «Für einen einigermassen vernünftig denkenden und sensiblen Menschen ist dieser Tatbestand nicht als Hilfeleistung, sondern – zumindest – als Tatbestand der Körperverletzung zu werten.» (S. 308)

Mit seinem Buch hat der betroffene Laie Peter Lehmann die herrschende Psychiatrie vor unabsehbare Legitimationsprobleme gestellt. Der Text ist so exakt gearbeitet, dass ihm die Seriosität und die Kompetenz nicht abgesprochen werden können. Deshalb gerät die Psychiatrie in eine Zwickmühle: Einerseits hat sie Neuroleptika immer lauthals als medizinischen Fortschritt gefeiert, andererseits kann die Psychiatrie Lehmann schon deshalb nicht widerlegen, weil dieser anhand ihrer eigenen Publikationen nachweist, dass Neuroleptika in ersten Linie eine menschenverachtende, im Extremfall menschenvernichtende Waffe sind, mit der nicht-ordnungsgemäss funktionierende Menschen neutralisiert werden. Lehmann legt offen, dass Psychiatrie auch heute vorab das ist, was sie immer schon war: Ein sozialpolitisches Herrschaftsinstrument, das sich mit einem permanenten pseudo-medizinischen Diskurs ideologisch legitimiert. PsychiaterInnen nennt Lehmann deshalb «Fachleute für Normalität und Re-Normalisierung». Was Normalität ist, entwickelt er naheliegenderweiser aus den Taten und Worten der PsychaterInnen und umschreibt sie wie folgt:

« 1. Widersprüchlichkeit und Zynismus;

2. Kaltherzigkeit (gestörte Emotionalität), Hass und Misstrauen;  

3. Herrschaftsansprüche und Machtbegierde bei gleichzeitiger Unterordnung unter bestehende Machtstrukturen;

4. Gewalttätigkeit, einhergehend mit Ablehnung jeglicher Verantwortung für die Folgen des eigenen Handelns;

5. umfassende Intoleranz;

6. Abtötung von Lebensvielfalt.» (S. 369)

«Ich habe nie zuvor bei einem Buch so deutlich gemerkt, dass da Herrschaftswissen enteignet und von einer neuen Souveränität angeeignet worden ist», kommentiert die Rezensentin von «Psychologie & Gesellschaftskritik» Lehmanns Arbeit. «Der chemische Knebel» ist in der Tat eine häretische Schrift, die die Welt der herrschenden Psychiatrie auf den Kopf stellt. Sie lässt diesem Anhängsel der allmächtigen chemischen Industrie, das mit Menschenversuchen dem fortgesetzten neuroleptischen Fortschritt zu dienen hat, keine Perspektive auf irgendeine Reformierbarkeit. 

Die Rezeption des Buches seit seinem Erscheinen vor drei Jahren verläuft entsprechend: Es wird von der Fachwelt weitestgehend ignoriert oder doch totgeschwiegen, denn widerlegbar ist es offensichtlich nicht. Vereinzelte engagierte Stimmen anerkennen seinen Wert: «Peter Lehmann ist mit diesem Buch eine bisher einmalige Synthese der wissenschaftlichen Literatur über Psychopharmaka gelungen», so die deutsche Psychiaterin Carola Burkhardt. Der Zürcher Psychiater Marc Rufer schreibt: «Im deutschen Sprachraum, ja sogar weltweit, fehlte ein Buch mit dieser Fülle von verständlich dargestellter Information.» Einige wenige Fachleute tragen Lehmanns radikale Neuroleptika-Kritik öffentlich mit. So hegt der Psychiater Thomas S. Szasz «keinen Zweifel, dass in den nächsten zehn Jahren Hunderttausende Menschen auf der Strasse liegen werden, deren Hirn mit Psychopharmaka vergiftet und zerstört worden ist» (S. 3). Für den schwedischen Arzt Lars Martensson ist das «Neuroleptika-Regime» eine «beispiellose Katastrophe in der Psychiatrie-Geschichte»: «Die Nazis ermordeten ihre nutzlosen Leute. Wir lassen die Körper leben, während wir die Seelen töten» («PMS aktuell», Nr. 3/1988). Deshalb fordert er «ein gesetzliches Verbot von Neuroleptika».

Lehmanns Kritik lässt aber auch keine Nische für eine linke Dennoch-Psychiatrie. Die einzig mögliche Antwort auf das menschenverachtende Herrschaftsinstrument ist der Widerstand der Anti-Psychiatrie. Ein Wortwechsel mit dem linken Zürcher Psychiater Bertold Rothschild in einer Diskussion des Radios «LoRa» vom 8. Januar 1989 illustriert Lehmanns untaktische anti-psychiatrische Konsequenz:

Rotschild: «Man müsste einmal schauen: Was passiert eigentlich mit der Ausgrenzung der Unvernunft, noch bevor sie auf die Psychiatrie trifft? Man kann nicht alles der Psychiatrie anlasten, sondern man muss den normativen Charakter der Gesellschaft miteinbeziehen.»

Lehmann: «Meinen Sie denn, dass die Psychiatrie auf der Seite der Vernunft steht?»

Rothschild: «Der Begriff der Vernunft wird sowohl von der Psychiatrie als auch ausserhalb der Psychiatrie vom durchschnittlichen Wohlverhalten monopolisiert. Wenn ich ‘Unvernunft’ sage, so rede ich von dem, was als ‘Unvernunft’ bezeichnet wird. Wenn sich ein Künstler oder ein Playboy unvernünftig verhält, braucht es länger, bis das als unvernünftig bezeichnet wird, als wenn das einer ist aus der Durchschnittsbevölkerung.»

Lehmann: «Möglicherweise gilt das auch für Psychiater und die Psychiatrie, dass es lange dauert, bis sie merken, dass sie die Unvernunft vertreten.»

Rothschild: «Ich will nicht bestreiten, dass die Psychiatrie eine Unvernunft vertritt. ich sage nur, sie ist nicht ausschliesslich damit beschäftigt, die Unvernunft zu vertreten.»

Eben dies unterstellt jedoch die konsequent antipsychiatrische Position Lehmanns jeder zurzeit praktizierten Psychiatrie. Nicht verwunderlich deshalb, dass eine seit Herbst 1988 unter anderen von Lehmann bestrittene Neuroleptika- und Psychiatriediskussion in der WoZ nur zu Wortmeldungen im kleinsten Kreis geführt hat. Wer sich aus dem Innern der Institution zu Wort gemeldet hätte, wäre aus dem anti-psychiatrischen Blickwinkel immer schon Teil des «Neuroleptika-Regimes» und also unglaubwürdig gewesen. 

Andererseits hat der psychiatrische Komplex in den mitteleuropäischen Gesellschaften zurzeit noch eine derartige Macht, dass antipsychiatrische Positionen keinen realpolitischen Spielraum haben: Zwar hat Lehmann als Mitbegründer der Berliner Irren-Offensive 1980 ein weiteres Mal Pionierarbeit geleistet. Zwar ist der aktuelle Versuch der Irren-Offensive, in Berlin ein «Weglaufhaus», eine Anlaufstelle für «Menschen, die der Gewalt der Psychiatrie entfliehen» wollen, im deutschsprachigen Raum einzigartig. Zwar ist am 14./15. Oktober 1989 in Nürnberg das «Forum anti-psychiatrischer Initiativen» (FAPI) gegründet worden, dessen erstes Ziel das «Verbot der hochpotenten und Depot-Neuroleptika» ist. Zwar hat sich anfangs 1989 im Sinne der Irren-Offensive auch in Zürich eine Selbsthilfegruppe von Psychiatrieüberlebenden, «Irre am Werk», konstituiert.

Trotz alledem gibt es zurzeit zwei gesellschaftlich sehr ungleich starke, unversöhnliche Wahrheiten über das Funktionieren der Psychiatrie: Jene machtlose Wahrheit, die Peter Lehmann in seinem Buch gültig festgeschrieben hat, dass Neuroleptika Menschen niemals heilen, sondern immer nur durch Zerstörung pflegeleicht machen. Und die unbeschränkt herrschende Wahrheit der Psychiatrie, die besagt, dass das, was heute unter Psychiatrie verstanden wird, keinen Tag länger funktionieren würde ohne den allumfassenden Einsatz des chemischen Knebels.

Peter Lehmann: Der chemische Knebel. Warum Psychiater Neuroleptika verabreichen. Berlin (Peter Lehmann Antipsychiatrie Verlag) 1986. Das Buch liegt seit 2010 in 6. Auflage vor.