Die Vision vom Hauptstadttheater

[WOZ, Nr. 15/2005]

Das Stadttheater Bern ist ein Dreispartentheater mit einem Budget von rund 24 Millionen Franken und wird von Eike Gramss regiert, der es sich «als jovialer Provinzfürst angenehm eingerichtet» hat («Bund», 2. April 2005). Zurzeit bemüht sich unter ihm das x-te eingeflogene künstlerische Team, «in Bern Leidenschaft und Feuer zu entfachen», indem es den Eingeborenen sagt, «was in der Luft liegt, was auf der Strasse und was im Verborgenen». (BZ, 1. November 2003) In Bern interessiert das wenige, und der Rest der Welt merkt nichts davon, weil – wie der ehemalige Leiter der Berner Schauspielschule, Paul Roland, einmal gesagt hat – «die auswärtigen Theaterberichterstatter, wenn sie nicht gerade über Zürich oder Basel berichten, meist an Bern vorbei[fahren], um Lausanne, Genf oder auch Luzern einen Besuch abzustatten». (BZ, 30. September 2000)

Die Suche nach einer Nachfolge für Gramss hat nun im Provinzfürstentum zu einem Eklat geführt: Die Regisseurin Meret Matter und der Regisseur Samuel Schwarz, die von der Findungskommission als Doppelintendanz abgelehnt worden sind, haben das Verdikt nicht schweigend hingenommen (siehe Kasten), sondern fordern eine öffentliche Debatte über ihre Theatervision für Bern, die sie in ihrem 26-seitigen Bewerbungsschreiben zu skizzieren begonnen haben.

Ihre Vision ist ein Theater, «das eine grosse Ausstrahlung hat, lokal, national und international zur Reden gäbe, ein Theater, das den Namen ‘Hauptstadt-Theater’ verdiente». Die Stadt Bern, die bereits über ein theaterwissenschaftliches Institut und eine Schauspielschule verfügt, soll zur Theaterstadt werden. Das Stadttheater solle sich, so Meret Matter, «nicht wie Basel und Zürich vor allem nach Deutschland hin orientieren, sondern einen klaren Schweizer Schwerpunkt setzen auf der Suche nach der eigenen Theateridentität». Dabei geht es nicht um die Rückbesinnung auf die vaterländische Scholle, so Samuel Schwarz, sondern darum, «mit dem zu arbeiten, was da ist», und das Erbe ernst zu nehmen. Matter: «Ich meine, die Autorinnen und Autoren in diesem Land haben wirklich auch etwas zu bieten.»

Wenn die beiden am Telefon erzählen – Matter von irgendwo unterwegs, Schwarz aus Berlin – dann sprudeln die Ideen. Ein Theaterlabor hätte es werden können, international ausgerichtet, mit einem kleinen, aber guten Ensemble, internationalen Regisseuren, mit einem Opernchef, der die Grundidee mitträgt, und eben: mit den Stoffen, die in Bern in der Luft, auf der Strasse und im Verborgenen liegen. Tatsächlich, in diesem Punkt tönt die Vision nicht ganz anders, als wenn Gramss ein neues künstlerisches Team vorstellt. Trotzdem ist von etwas ganz anderem die Rede.

Erstens stehen hinter Meret Matter und Samuel Schwarz die Produktionsnetzwerke der Theatergruppen Club 111 und 400asa und AutorInnen wie Lukas Bärfuss, Guy Krneta, Grazia Pergoletti oder Raphael Urweider. Und zweitens wissen Matter und Schwarz, wovon sie reden, wenn sie vom politischen, sozialen und kulturellen Phänomen Bern sprechen. Etwa, wenn Schwarz von Berns kafkaesker Laubenwelt und der spezifischen Paranoia spricht, die er sonst nur in den Beamtenstädten Berlin und Prag gefunden habe. Oder wenn Matter erzählt, wie sie Elsi, der seltsamen und leidenden Magd, auf der Bühne einen Chor gegenüberstellen möchte, der ungerührt die Landschaftsbeschreibungen in Gotthelfs Erzählung rezitiert.

Klar kann man sich fragen, warum Matter/Schwarz ihre Vision nicht damals zur Diskussion stellten, als sie beide noch in Bern arbeiteten, und so jetzt allen, die diese Diskussion nicht führen wollen, das Argument liefern, sie suchten die Abrechnung aus Frustration. Schwarz: «Das Stadttheater hat uns damals einfach nicht interessiert, und wir wären auch noch nicht kompetent gewesen, zu kritisieren.» Unterdessen haben sie beide bei eigenen Inszenierungen die innerbetrieblichen Abläufe in grossen Häusern verstehen gelernt. Samuel Schwarz sagt: «Wir haben eine neue Theatersprache definiert und geprägt. Jetzt ist unsere Generation dran, die Verantwortung zu übernehmen.» Und Meret Matter sagt: «Die Findungskommission hat unsere Doppelintendanz abgelehnt, weil sie das Risiko scheut und schliesslich einstimmig einen sicheren Kompromiss wählen wird. Das ist ein politischer Entscheid.»

[Kasten]

Der Weg zur Diskussion

Am 30. Oktober 2004 haben Meret Matter und Samuel Schwarz am Stadttheater Bern ihr Dossier eingereicht, mit dem sie sich «im Duo» für die Intendanz bewarben. Die Theaterleitung war ausgeschrieben geworden, weil Eike Gramss, ein gebürtiger Bremer, der 1990 als Intendant der Bühnen Krefeld-Mönchengladbach nach Bern gekommen war, 2007 in Pension geht.

Matter/Schwarz waren eine valable Kandidatur: Beide führen heute an grossen Theatern international erfolgreich Regie, kennen aber die Möglichkeiten und Grenzen des Stadttheaters Bern genauer als andere: Beide haben im Umfeld der Reitschule in Bern Theater zu machen begonnen – Meret Matter (geboren 1965) ab 1989 mit dem Theater Club 111, Samuel Schwarz (geboren 1971) seit 1998 mit der freien Film- und Theatergruppe 400asa.

Die Findungskommission mit dem Verwaltungsratspräsidenten des Stadttheaters, Henri Huber, zwei weiteren Verwaltungsratsmitgliedern, den Kultursekretären von Stadt und Kanton sowie mit Hans J. Ammann, dem Intendanten des Ensemble-Theaters Biel/Solothurn, als fachlichem Berater, nahm die Berner Bewerbung pro forma in die «engere Auswahl». Im Bewerbungsgespräch am 3. März sei dann die fachliche Unbedarftheit der Kommission schnell klar geworden: Das Duo wurde unter anderem gefragt, ob man sich vorstellen könnte, «auch einmal einen Klassiker zu inszenieren» – Matter hatte 2003 am Schauspielhaus Zürich Schillers «Wilhelm Tell», Schwarz im gleichen Jahr am Schauspielhaus Bochum Goethes «Clavigo» inszeniert.

Am 16. März – drei Tage, bevor sich die Findungskommission am Theater Basel bei der Premiere von Frischs «Andorra» über die aktuellste Arbeit von Schwarz hätte ins Bild setzen können – traf die Absage ein. Am 21. März traten Matter und Schwarz an die Öffentlichkeit: «[Wir] stellen die Kompetenz der Auswahlkommission grundsätzlich infrage und fürchten, dass die Chance zu einer nötigen Kehrtwende verpasst wird».

Huber sagte daraufhin in der «Berner Zeitung», die «Mischung von Bewerbung und Abrechnung» von Matter/Schwarz sei «schlicht unprofessionell». Zudem suche man «einen Theaterintentanten und nicht Regisseure». Gramss allerdings macht, das weiss vermutlich auch Huber, bis zu vier Inszenierungen pro Spielzeit selber.

Matter/Schwarz haben am 31. März einen Nachtrag zu ihrer Kritik veröffentlicht. Darin fordern sie die «Auflösung und Neubesetzung» der Findungskommission und wünschen Bern, so Meret Matter, «endlich ein aufregendes Theater, das etwas zu reden gibt».

[WOZ, Nr. 16/2005]

[Kommentar]

Eine WC-Pause zu viel

 «Was für ein Stadttheater will Bern?» Eine gute Frage, immerhin wählt man hier zurzeit die Nachfolge des Stadttheater-Intendanten Eike Gramss. Und seit das Duo Meret Matter/Samuel Schwarz eine Debatte gefordert hat, weil seine Bewerbung als Doppelintendanz gescheitert ist, interessiert diese Frage sogar die Öffentlichkeit. Das Schlachthaus Theater auf jeden Fall ist an diesem Sonntagnachmittag bis auf den letzten Platz voll. Das Thema der Podiumsdiskussion im Rahmen des Theatertreffens «auawirleben» war die Frage: «was für ein Stadttheater will Bern?»

Hier hat Meret Matter nun das geforderte Podium und Schwarz sitzt zwischenrufend in der ersten Reihe des Publikums. Nach einigem Vorgeplänkel ist es so weit: Matter geht in Offensive, sagt, jetzt gehe es «nach sechzehn Jahren Agonie in der Ära Gramss» um die künstlerischen Inhalte. Isabelle Jacobi, die Moderatorin, fragt nach: «Wie könnte sich heute das Stadttheater Bern künstlerisch optimal positionieren?» Matter: «Wir haben ganz klar eine Vision zu formulieren versucht, die… Säm, sonst kannst du mal etwas sagen…» Schwarz (erhebt sich rasch, dem Seitenausgang zustrebend): «Ich muss schnell aufs WC, ich komme gleich wieder.»

Unruhe, Gelächter, Matter versucht im entstandenen Lärm uninspiriert, ihre «Hauptstadttheater-Vision» zu resümieren. Christoph Reichenau, als städtischer Kultursekretär Mitglied der Findungskommission, antwortet: Dieses Konzept sei zwar spannend, aber es stehe beim jetzigen Stand des Auswahlverfahrens nicht mehr zur Diskussion. So weit die knapp drei Minuten, die die Debatte um die Theatervision gedauert hat. Als Schwarz vom WC zurückkommt, ist sie vorbei.

In der restlichen Zeit machten Matter und Schwarz das, was sie besser nicht getan hätten. Sie zelebrierten ihre Gekränktheit nach der Nichtwahl, sie wucherten selbstgerecht mit ihrem Ruf als Regietalente, sie höhnten über die Inkompetenz der Findungskommission und forderten mehrmals deren Rücktritt. Ihre Gegenspieler auf dem Podium – neben Reichenau Henri Huber, der Verwaltungsratspräsident des Stadttheaters – hatten als altgediente Verwaltungs- und Politfüchse keine Mühe, die moralische Empörung, die ihnen entgegenschlug, durch demonstrative Vernünftigkeit als kindisch erscheinen zu lassen.

Zwischendurch versuchte die DRS 2-Theaterkritikerin Dagmar Walser mit sachlich fundierten Inputs vergebens, Matter/Schwarz Stichworte zu liefern für die inhaltliche Diskussion, die diese eigentlich hätten führen wollen. Rätselhaft, warum sie nicht versuchten, das Publikum von ihrer Vision für das Stadttheater wirklich zu überzeugen und so eine «Warum-eigentlich-nicht?»-Stimmung heraufzubeschwören. Wäre das gelungen, hätten die beiden Findungskommissiönler einen weniger geruhsamen Auftritt gehabt. (Sie werden ja nicht von zwei, drei lauten Claqueuren im «Schlachthaus»-Publikum abgesetzt.)

An dieser Podiumsdiskussion ist es nicht um die Frage nach einem neuen Stadttheater gegangen, sondern darum: Zwei eloquente linksliberale Vaterfiguren mussten zwei verstockten ehemaligen ReitschulaktivistInnen beizubringen versuchen, dass sie an der grössten kantonalen Subventionsfutterkrippe nicht erste Wahl sind. Und die fanden’s to much ungerecht. Ein Generationenkonflikt also, inszeniert als Realsatire. Angekündigt gewesen war etwas anderes.