Nach dem Ende der Gewissheiten

 

Das Gespräch führten Alexandra Stäheli und Fredi Lerch

WoZ: In den neunziger Jahren hat die Literatur in der Schweiz offensichtlich ihre Bedeutung verändert. Aber wie und warum?

Tim Krohn: Verändert hat sich seit Ende der achtziger Jahre, nach dem Sieg des Kapitalismus, in erster Linie die Gesellschaft: das Nacheinander der Moden ist übergegangen in eine postmoderne Gesellschaft, in der sich verschiedene Kulturen in Parallelcodes abwickeln und die Leute von einem Code zum anderen hin- und hersurfen. Diese veränderte Lebenshaltung in der Gesellschaft hat aber natürlich Einfluss auf Funktion und Ästhetik von Literatur: Die Möglichkeit, den Strukturen der postmodernen Gesellschaft kreativ zu begegnen, ist die Kleidung der Literatur in Patchwork.

Peter Höner: Ich vermute: Was die Literatur verändert hat, ist die Tatsache, dass 1990 ein Feindbild weggefallen ist. Plötzlich war der Feind nicht mehr so klar benennbar als Feind aus einem bestimmten System. Andererseits meine ich, dass sich an der Aufgabe der Schreibenden letzten Endes wenig verändert hat. Was Sie als «Patchwork» bezeichnen, die Auseinandersetzung mit der enormen Themenbreite, der Informationsfülle unserer Zeit, führt zu komplexen, vielschichtig verwobenen Sprachgebilden, in denen sich Inhalt und Form nach wie vor in den Haaren liegen. Hier ein Sinn machendes Gleichgewicht zu finden, ist auch heute noch eine Aufgabe von Literatur.

Tim Krohn: Ich bin anderer Ansicht. Ich glaube, dass sich die Gesellschaft in der Schweiz in den letzten zehn, fünfzehn Jahren radikal verändert hat. Sie hat sich stark in die Breite aufgefächert. Damit haben sich auch die Machtverhältnisse verändert. Es gibt nicht mehr eine eindeutige Machtelite, die bestimmt, was die richtige Kultur und was die richtige Literatur ist. Es gibt keine vorherrschende Ästhetik mehr, sondern eine Unsicherheit, die eine schöne Unsicherheit ist, auch wenn die Gefahr besteht, dass sie von diesem Yuppie-Neokapitalismus besetzt wird. Die heutige Literatur muss das, was sich in der Gesellschaft ereignet hat in den letzten zehn Jahren, formal widerspiegeln. Diese Zerrissenheit, diese Vielfalt der kulturellen Codes, in denen wir uns bewegen, muss die Literatur formal repräsentieren, sonst ist sie der Komplexität der Wirklichkeit nicht mehr gewachsen. Als Problem kommt dazu, dass die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem, was passiert, schwieriger geworden ist dadurch, dass mehr Themen und mehr Denkweisen gesellschaftsfähig geworden sind. Die Vielfalt der Themen, die als literaturwürdig betrachtet werden, wird immer grösser.

Peter Höner: Verglichen mit Deutschland, wo die Auseinandersetzungen des Kalten Kriegs zwischen West und Ost viel schärfer geführt worden sind, betrieb die Schweizer Literatur vermutlich immer eine Nischenproduktion in dem Sinn, dass sie stets die Vielfältigkeit und die Möglichkeit hatte, Dinge aufzugreifen und zu erzählen, die quer zur Ideologie der Kalten Krieger lagen. Doch weil wir heute als Schreibende mit dem ganzen elektronischen Multimediaspektakel in einer viel grösseren Konkurrenz stehen als noch vor zehn, fünfzehn Jahren, haben sich die Ansprüche der Leser und Leserinnen verändert. Schlecht gebaute, schlecht erzählte Geschichten – von denen man früher vielleicht noch gesagt hätte: gut gedacht, gut gemeint – bringt man heute nicht mehr unter. Die Anforderungen an die literarische Qualität sind grösser geworden.

Tim Krohn: Ein Beispiel für die Auffächerung, wie ich sie verstehe: Die eigentliche Leistung von Herrn Vitali als Organisator des schweizerischen Auftritts an der Frankfurter Buchmesse war ja das Erstellen der Liste einer fünften Literatur, die zuvor kein Aspekt von «Schweizer Literatur» gewesen ist. In dem Moment, als er sagte: Diese nicht in einer der vier Landessprachen verfassten Arbeiten sind Teil des literarischen Schaffens der Schweiz, wurde eine Akzeptanz geschaffen nicht nur gegenüber Autoren und Autorinnen, sondern auch gegenüber ihren Themen, die sonst in der Schweiz nicht aufgegriffen würden. Das allein hat zu einer Verbreiterung des Themenspektrums geführt. Und solche Auffächerungen sieht man überall: in der Transsexuellenliteratur beispielsweise, oder der Literatur über Geschlechteridentität allgemein.

Peter Höner: Ich bin vorsichtiger mit grossen Analysen. was eine Literatur der neunziger Jahre und was eine der achtziger Jahre sei, weil es solche Aufbrüche immer wieder gegeben hat – zum Beispiel in der Literatur der zwanziger Jahre. Schreiben war immer eine mögliche Form der Kritik, der Reaktion auf die herrschenden Verhältnisse.

Tim Krohn: Darin liegen gerade die Möglichkeiten für die Literatur und auch für die Literaturverbände, einem breiteren Publikum gesellschaftliche und politische Inhalte zu vermitteln, die früher nicht vermittelbar waren.

WoZ: Was heisst denn das heute: sich literarisch mit Politik auseinander zu setzen?

Tim Krohn: Für mich hat das sehr viel mit der Wahl der Form zu tun. Das geradlinige, lineare Erzählen stützt meines Erachtens die Utopie eines ungebrochenen Individuums, die eine alte bildungsbürgerliche Utopie ist. In dem Moment, in dem man schon nur diese Zerbrochenheit des Individuums ernst nimmt und überhaupt erst mal davon ausgeht, dass es nicht das erstrebenswerte Ziel sei – in dem sich alle Leute verrennen und darüber die Gesellschaft vergessen –, sich selbst zu finden, sondern die Anforderungen der Gesellschaft ernst zu nehmen, ist schon ein grosser Schritt in Richtung einer politischen Literatur gemacht.

WoZ: Aber diese Demontage des ungebrochenen Ichs, des auktorialen Erzählens, hat ja die Moderne geleistet. Was ist denn neu an einer postmodernen Erzählposition?

Tim Krohn: Was die postmoderne Literatur leistet, ist nicht nur die Demontage des Individuums, sondern das Zelebrieren einer Stimmenvielfalt, das Spielen mit verschiedenen Codes – im Prinzip das Herstellen der stattfindenden gesellschaftlichen Reibung im Text. Texte repräsentieren nicht mehr die Schreibenden, sondern das Aufeinanderstossen von kulturellen Zeichensystemen.

Peter Höner: Einverstanden. Aber das schliesst nicht aus, dass nicht auch wieder auf die auktoriale Erzählposition zurückgegriffen werden kann. Formal sind im Moment alle Möglichkeiten offen. Ich sehe nicht, dass die Literatur sich in eine bestimmte Richtung entwickelt. Es ist eher so, dass jeder Autor seinen eigenen Weg suchen muss. Dass alle Wege offen sind, die Enttabuisierung der Themen hat der Literatur weitgehend die Möglichkeit der Provokation genommen. Das kann man bedauern. Doch inhaltlich und formal stehen den Schreibenden heute alle Möglichkeiten offen.

WoZ: Fragt sich, wie sich eine inhaltlich und formal derart offene Literatur vor der Beliebigkeit retten kann. Wenn alles möglich ist, was ist dann noch zwingend?

Peter Höner: Wenn man etwas erzählen will und sich überlegt: Wie erzähle ich das? Wie baue ich das auf? Welches sind meine Schwerpunkte? Dann ergibt sich daraus immer eine Einschränkung der Mittel. Aber am Anfang, wenn man vor dem leeren Blatt sitzt, ist alles offen. Die Gefahr der Beliebigkeit besteht, zugegeben, aber wenn zu guter Letzt das Resultat beliebig wirkt, dann ist es wohl misslungen.

Tim Krohn: Die Beliebigkeit ist ja die Krux eines relativistischen Zeitalters schlechthin. Natürlich ist alles beliebig geworden. Aber «beliebig» heisst ja nur, dass es kein übergeordnetes Organ mehr gibt, das eine Sichtweise oder ein Thema autorisiert. Um das nun auf Literatur anzuwenden: Seine Massstäbe, weshalb man einen Text in dieser oder jener Form schreibt, muss man finden; man muss sie definieren und gegen aussen begründen können. Von daher glaube ich, es ist heute wichtiger denn je, dass Autoren und Autorinnen über ihr Werk sprechen können. Ich schreibe ein Buch und alle in einer dermassen aufgefächerten Gesellschaft wissen, in welchem Kontext es zu situieren ist: Diese Position gibt es nicht mehr. Nur im Idealfall führt ein Werk sein gesamtes heterogenes Publikum zu einer Sichtweise, aus der heraus sich das ganze Werk erklärt.

Peter Höner: Ich würde das nicht als Idealfall bezeichnen. Wenn wir gezwungen sind, unsere Werke zu erklären, dann halte ich das für bedenklich. Auf der anderen Seite gibt es dieses Kontextproblem, das Sie ansprechen: Ich habe eben mit einer Gruppe junger Schauspieler und Schauspielerinnen ein Stück erarbeitet über die polnische Revolution von 1863/64. Darin schrieb ich irgendwo: «Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will.» Ich glaubte, dass jedermann weiss: Dieses Zitat ist von Georg Herwegh und wurde später zur Achtundsechziger-Parole, mit der wir durch die Strassen gezogen sind. Ich meinte, das Zitat stehe heute automatisch in diesem Kontext. Die jungen Leute aber kannten den Satz nicht und fanden ihn toll. Die heutige Breite der formalen Möglichkeiten hat hier ihre Grenzen. Wie wenn bereits das Pendel zurückschlagen würde. Ich weiss nicht, wie sich die Literatur weiterentwickelt, ob sie nicht plötzlich wieder – auch wenn ich das gefährlich finden würde – in einen bestimmten «Dienst» genommen wird.

WoZ: Hat denn die Geschichte der Gruppe Olten nicht genau mit einem solchen Literaturverständnis zu tun? In den Statuten steht ja nach wie vor: «Ihr Ziel ist eine demokratische sozialistische Gesellschaft.»

Peter Höner: Das stimmt, das ist der letzte Satz des Zweckartikels, zu dem ich als Ganzem auch heute noch stehen kann. Trotzdem würde ich sagen: Die Literatur steht nicht im Dienst einer bestimmten Ideologie, auch nicht einer sozialistischen. Das wäre genauso gefährlich, wie wenn man von der anderen Seite her behaupten würde: Wenn der Staat uns Geld gibt, dann müssen wir in seinem Dienst schreiben. Heute ist eine derart ideologische Schreibhaltung in der Gruppe Olten nicht mehr denkbar. Ich wüsste niemanden, der sie noch verteidigen würde.

WoZ: Abschied vom Schreiben in einem bestimmten Dienst also. Umgekehrt haben Sie, Herr Krohn, hier eine gesellschaftliche Analyse skizziert und daraus eine Literaturkonzeption abgeleitet. Eine Art, über Literatur nachzudenken, die man eher der Gruppe Olten zuordnen würde.

Tim Krohn: Ich glaube, es ist ein weitverbreitetes Missverständnis und eine unglückliche Polarisierung, pauschal die Gruppe Olten als links und den SSV als rechts zu betrachten. Im SSV ist unser wesentlicher Punkt: Wir wollen Meinungsfreiheit für unsere Mitglieder, das schliesst die politische Meinungsbildung ein. Und wir setzen auf Diskussion. Kürzlich zum Beispiel veranstalteten wir eine Podiumsdiskussion mit Befürwortern und Gegnern der Buchpreisbindung. Obwohl sich der SSV klar für die Buchpreisbindung ausspricht, haben wir gesagt: Wir wollen ein Podiumsgespräch, wir wollen, dass unsere Mitglieder beide Positionen kennen lernen und selber entscheiden können. Wir sind von klassischen Linken deshalb angegriffen worden: Es sei doch absolut klar, wo die Schreibenden zu stehen hätten in dieser Frage. Da habe ich allerdings ein anderes Verständnis von linker Kultur: Für mich ist das vor allem eine Kultur, die auf direkter, verbaler Auseinandersetzung beruht.

Peter Höner: In der Frage der Buchpreisbindung hat die Gruppe Olten schon vor einem halben Jahr die so genannte Leipziger Erklärung unterzeichnet, worin steht, dass wir uns zusammen mit den deutschen und den österreichischen Schriftstellerverbänden für die Beibehaltung der Buchpreisbindung einsetzen wollen – der SSV hat diese Erklärung mit unterzeichnet. Hier sehe ich die Aufgabe unseres Verbandes, einer Berufsgemeinschaft, die sich deshalb nicht gewerkschaftlich organisieren kann, weil ihre Mitglieder freischaffend sind. Trotzdem geht es um die Verbesserung und die Wahrnehmung der Interessen dieser Leute in Bezug auf ihre Arbeit, also um urheberrechtliche und vertragsrechtliche Probleme. Hier hat sich in den letzten zwanzig Jahren sehr viel verändert, und man kann dem SSV den Vorwurf nicht ersparen, dass er sich der Gruppe Olten einfach immer wieder «nur» angeschlossen hat. Wir haben da viel mühselige politische Arbeit geleistet, von der der SSV profitiert hat.

WoZ: Es ist ein offenes Geheimnis, dass in den letzten zehn Jahren in erster Linie Jochen Kelter als Sekretär der Gruppe Olten die Interessen der schweizerischen Schriftsteller und Schriftstellerinnen wahrgenommen hat. Herr Krohn, wäre es möglich, dass sie im Juni in Bezug auf Know How und Infrastruktur einen relativ desolaten Laden übernommen haben?

Tim Krohn: Es kommt einige Arbeit auf uns zu. Und wir müssen neidlos anerkennen, dass in den letzten Jahren die Gruppe Olten gerade in gewerkschaftlicher Hinsicht, also in Bezug auf die Vertretung der Berufsinteressen der Scheibenden, sehr viel mehr geleistet hat als der SSV. Was den desolaten Laden betrifft, würde ich sagen, er lief auf Sparflamme: Es gibt jetzt einiges zu ändern, und es gibt im SSV vieles neu aufzubauen, vor allem auf gewerkschaftlicher Ebene. Wir müssen beispielsweise eine kompetente juristische und inhaltliche Vertragsberatung bekommen. Mittlerweile sind die Vertragsverhältnisse im Literaturbetrieb derart komplex geworden, dass die Autoren und Autorinnen da nicht mehr allein zurande kommen.

Peter Höner: Die Gruppe Olten hat soeben – mit dem SSV im Schlepptau – nach zehnjährigen Verhandlungen erreicht, dass für die deutsche Schweiz in Zusammenarbeit mit den Verlegern ein Mustervertrag erarbeitet worden ist. Andererseits muss man sagen, dass die Sekretäre der beiden Verbände schon sehr schnell wieder zusammengearbeitet haben, wenn es um Bedürfnisse der Mitglieder ging. Und hier steht neben der Frage des Buchpreises heute noch anderes an: Zum Beispiel ist die Urheberrechtsgesetzgebung innerhalb der EU ins Rutschen gekommen und soll neu geregelt werden. Kein leichtes Unterfangen im Hinblick auf die Aussenseiterposition der Schweiz. Wichtig ist die Interessenvertretung der Schreibenden in Bezug auf die neuen Medien, Internet und so weiter. Da werden wir zurzeit damit konfrontiert, dass künstlerische Werke ähnlich gehandelt werden sollen wie Tomaten. Ob man eine Tomate isst oder sie in Scheiben schneidet oder zu Sugo verarbeitet, liegt in der Entscheidung des Verbrauchers. Was man allerdings mit einem Text macht, war und kann nicht einfach die Sache des Verbrauchers sein. Dies ist ein Punkt, um den wir kämpfen müssen. Wenn wir hier nicht europaweit einen Schutz verankern können, dann wird unsere Basis als Schreibende systematisch zerstört.

WoZ: Gerade im SSV hat es sehr viele Leute, die nicht professionell schreiben. Das vermehrte Engagement an solchen berufspolitischen Fragen würde nun einen Professionalisierungsschub bringen. Machen da die SSV-Mitglieder mit?

Tim Krohn: Wir haben eben Fragebogen verschickt, um erst einmal ein Bild von der Beschaffenheit unserer Basis zu bekommen. Aber zur Professionalisierung: Es ist natürlich nicht so, dass, wer neben dem Schreiben einen anderen Beruf ausübt, deshalb nicht ein guter Autor oder eine gute Autorin sein kann. Die Einteilung in Berufs- und Hobbyschriftsteller und -schriftstellerinnen ist eine, die nicht funktioniert: Wenn man beispielsweise sagt, ein ernsthafter Autor, eine ernsthafte Autorin sei nur, wer achtzig Prozent des Einkommens mit Schreiben verdient, dann würden in beiden Verbänden nur noch ganz wenige als ernsthafte Schreibende gelten können. Ein Unterschied zwischen der Gruppe Olten und uns ist ja der, dass wir prozentual den kleineren Anteil an deutschsprachigen Autorinnen und Autoren haben, während viele unserer Mitglieder in einer Sprache schreiben, in der sie von vornherein kaum Geld verdienen können – einerseits natürlich die Autoren und Autorinnen aus der Romandie, aber auch beispielsweise albanische Lyriker, die hoffnungslos scheitern, wenn man Kriterien wie das Einkommen aus dem Schreiben anwenden würde, obschon sie in ihrem Sprachraum hoch geschätzt sind. Dazu kommt, dass im SSV ein relativ grosser Anteil von Mitgliedern im Pensionsalter vertreten ist, Mitglieder, die nicht mehr oder nicht mehr viel schreiben. Diesen Leuten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, ist auch ein gewerkschaftliches und sozialpolitisches Anliegen. Man kann dem SSV nicht einfach sagen: Ihr habt relativ wenig Leute, die schreiben, entschlackt doch mal euren Verband, schmeisst doch mal die Hälfte raus.

Peter Höner: Umso mehr, als es zurzeit immer noch so ist, dass man als Schriftsteller Angst haben muss vor dem Alter, weil zu wenig Absicherung da ist und weil das Recht an der eigenen Arbeit zu wenig geschützt ist.

Tim Krohn: Trotzdem glaube ich, dass es heute immer mehr darum geht, für seinen Verband auch den kulturellen Auftrag von Literatur zu definieren. In der fortschreitenden Neoliberalisierung der Wirtschaft und der Politik wird immer mehr gefragt: Was leistet dies und jenes und auf dieser Basis definiert, wieviel es kosten darf. Auch das Bundesamt für Kultur als Subventionsgeberin ist dabei, sein Modell zur Verbandsförderung in diesem Sinn zu überdenken. In einem solchen Moment ist es wichtig, dass man möglichst breit den kulturellen Stellenwert von Literatur unter Beweis stellt. Das heisst in die Öffentlichkeit gehen, das heisst Veranstaltungen machen, das heisst zeigen, wie wichtig, wie vielfältig und wie lebendig die Literaturszene in der Schweiz ist, um, trivial gesagt, den eigenen Marktwert zu definieren, obschon es den natürlich nicht gibt, weil man den Marktwert einer funktionierenden Kultur nicht beziffern kann.

Peter Höner: Da bin ich nicht Ihrer Meinung. Der Marktwert eines Verbands ist die Summe der Marktwerte seiner Mitglieder. Der Verband hat sich vor allem um die Rechte seiner Mitglieder zu kümmern und weniger darum, mit eigenen Auftritten für sich Werbung zu machen oder seine Qualität zu beweisen. Das machen die Mitglieder mit ihren Werken.

Tim Krohn: Ich rede nicht von Mitgliederauftritten, sondern wirklich davon, der Literatur Auftritte zu ermöglichen, eben zum Beispiel einmal eine Veranstaltung zur Literatur der Transsexuellen oder einem internationalen Symposium zur sozialistischen Literatur nach 1989.

WoZ: Wenn man die anstehenden berufs- und kulturpolitischen Probleme überschaut, müssten eigentlich die gemeinsamen Interessen grösser sein als die inhaltlichen Differenzen. Wieso ist die Fusion zurzeit trotzdem kein Thema?

Peter Höner: Im Moment ist die Fusion nicht möglich, weil sie von den Mitgliedern nicht gewollt wird. Wenn wir jetzt fusionieren würden, dann hätten wir morgen einen dritten Verband oder gar einen vierten.

Tim Krohn: Es ist kulturpolitisch im Moment auch nicht sinnvoll, wenn sich die beiden Verbände zusammenschliessen. Es braucht beide Stimmen. Jetzt sind wird in den kulturpolitischen Gremien mit zwei Leuten vertreten. Die Fusion gäbe eine Mehrheitsverschiebung zu unseren Ungunsten. Dasselbe finanziell: Es ist so schon für beide Verbände schwierig genug, ihre Aufgaben zu erfüllen. Wenn wir uns zusammenschliessen, ist das natürlich ein Argument, um Geld zu sparen, und nicht, um uns mit dem Geld breitere Aufgaben angehen zu lassen. Der SSV hat im Moment vor allem ein Anliegen: zu einem vitalen, funktionierenden und aufregenden Berufs- und Kulturinteressenvertretungs-Verband zu werden. Wenn die Gruppe Olten irgendwann sagt, wir würden gern mit euch fusionieren, umso besser. Aber es geht nicht darum, dass wir kommen und sagen: Entschuldigung, könntet ihr uns bitte unter eure Fittiche nehmen.

WoZ: Das war aber offenbar an der Gruppe-Olten-GV 1996 ungefähr so.

Peter Höner: Damals hat die Gruppe Olten eine Fusion einstimmig abgelehnt…

Tim Krohn: …nachdem der Vorstand und der Präsident dafür gewesen wären…

Peter Höner: …ja. Man hat geglaubt, es wäre vielleicht Zeit für diese Fusionierung. Aber im Moment ist die Fusion für uns kein Thema, auch aus jenen Gründen, die Sie genannt haben. Ich finde es sehr gut, wenn der SSV jetzt berufspolitisch nachziehen will, das hilft uns allen. Und wir können dem SSV nur wünschen, dass er eine möglichst kräftige Stimme wird.

Tim Krohn: Das werden wir.

Peter Höner (* 1947) ist seit 1997 Präsident der Schweizer Autorinnen und Autoren Gruppe Olten (GO). Er lebte mehrere Jahre in Nairobi, heute im aargauischen Wittwil. Sein neuster Roman heisst «Am Abend als es kühler ward» (Limmat Verlag, 1998). Im gleichen Verlag erschien seine Afrika-Trilogie «Rafiki Beach Hotel» (1990), «Das Elefantengrab» (1992) und «Seifengold» (1995). Daneben hat Höner verschiedene Hörspiele und Theaterstücke verfasst.

Tim Krohn (* 1965) ist seit Juni dieses Jahres Präsident des Schweizerischen Schriftstellerinnen- und Schriftstellerverbands (SSV). Er wuchs im Kanton Glarus auf und lebt heute in Zürich. Sein neuster Roman heisst «Quatemberkinder - und wie das Vreneli die Gletscher brünnen machte» (Eichborn Verlag, 1998). Zuvor erschienen sind «Der Schwan in Stücken» (Ammann Verlag, 1994) und «Dreigroschenkabinett» (Eichborn Verlag,1997). Daneben hat Krohn verschiedene Hörspiele und Theaterstücke verfasst.

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SSV und GO

Die Gruppe Olten hat sich 1970/71 vom Schweizerischen Schriftsteller Verein (heute: Schweizerischer Schriftstellerinnen- und Schriftstellerverband) abgespalten. Ausgelöst wurde die Spaltung dadurch, dass sich der damalige SSV-Präsident Maurice Zermatten dazu hergegeben hatte, das vom Staat in jede Haushaltung verschickte, paranoide und intellektuellenfeindliche «Zivilverteidigungsbüchlein» ins Französische zu übersetzen. 22 Autoren – unter ihnen die bedeutendsten der Deutschschweiz – traten unter Protest aus dem SSV aus und gründeten nach mehreren Treffen in Olten am 25. April 1971 ihre eigene Organisation – eben die «Gruppe Olten». Bis Ende der achtziger Jahre galt die GO danach als links, der SSV als bürgerlich. Heute ist das nicht mehr so klar.

Ich bedanke mich bei Alexandra Stäheli für ihre Einwilligung, unsere gemeinsame Arbeit hier zweitveröffentlichen zu dürfen.