Sergius Golowin ist tot

 

Zum 75-sten Geburtstag von Sergius Golowin (1930-2006) habe ich 2005 im Auftrag der «Berner Zeitung» (BZ) den Beitrag «Geschichtenfinder und Sinnsucher» verfasst. Als Golowin anderthalb Jahre später – am 17. Juli 2006 – stirbt, erscheint in der BZ vom 20. Juli ein Nachruf mit dem Titel «Sergius Golowin ist tot». Dabei handelt es sich um meinen weit über die Hälfte gekürzten Geburtstagsartikel. Er wird unter meinem Namen veröffentlicht, wovon ich erst am 20. Juli bei der Durchsicht der gedruckten Zeitung erfahre. Zu Golowins Tod habe ich angeblich folgendes geschrieben:

 

[Berner Zeitung, 20. Juli 2006]

Sergius Golowin ist tot

Wer ihn erzählen hörte, wird ihn nicht mehr vergessen. Am Montag ist der Publizist, Politiker und Kulturaktivist Sergius Golowin gestorben. Er war laut einer Fiche der «prominenteste Nonkonformist von Bern».

Nein, er habe kein Problem damit, sagte Sergius Golowin jeweils, als Esoteriker zu gelten: «Die alten Griechen bezeichneten das Geschichtenerzählen als ‘Exoterik’ und jene Leute, die in diesen Geschichten einen tieferen Sinn sahen, als ‘Esoteriker’».

Er habe sich immer für das «symbolische Wissen» von Geschichten interessiert: «So lernte ich, dass es schon vor Jahrtausenden gescheite Leute gegeben hat.»

Sergius Golowin wirkte mehr als ein halbes Jahrhundert als Kulturaktivist und als Publizist. Er lebte immer zwischen Interlaken und Bern, erlangte aber in den Sechzigerjahren gesamtschweizerische und bald darauf internationale Bekanntheit.

In Künstlerkreisen

Geboren wurde er in Prag. 1933 kam er mit seiner Mutter in deren Heimatstadt Bern. Väterlicherseits stammte er aus einer Familie am Schwarzen Meer. Nach der Handelsschule in Neuenburg und Wanderjahren begann er mit 19 Jahren in der Berner Stadtbibliothek die Ausbildung zum Bibliothekar. Hier forschte Golowin über die Menschen an den Rändern der Gesellschaft, die ihn faszinierten, weil sie zu allen Zeiten den Schatz des mündlich tradierten, uralten Wissens in Form von Geschichten gehütet und in Erzählungen weitergegeben haben.

Seit 1951 verkehrte Golowin im Kreis des Wiener Schriftstellers H. C. Artmann, seit 1955 in jenem des Reformpädagogen Fritz Jean Begert. 1968 machte er den Schritt zum freien Schriftsteller. Damals galt er dem Staatschutz laut einem Ficheneintrag als «prominentester Nonkonformist von Bern». Zwischen 1971 und 1981 wurde er für den Landesring der Unabhängigen dreimal in den Grossen Rat gewählt.

Dichten und Erzählen

Seit Mitte der Fünfziger Jahre war Golowin als unermüdlicher Publizist tätig. Heute führt der Katalog der Landesbibliothek unter dem Autorennamen Sergius Golowin 124 Titel. «Man fixiert die Geschichten, damit man die schönen Wörter nicht vergisst, die sie bilden. Aber die überragende Art zu dichten ist das Erzählen.»

Fredi Lerch

 

Als ich den Beitrag in der BZ gesehen hatte, meldete ich mich noch gleichentags per Mail auf der BZ-Redaktion bei jenem Feuilletonredaktor, mit dem in regelmässigstem Austausch stand. Aus heutiger Sicht verrät mein vorerst angeschlagener diplomatischer Ton, dass ich mir bewusst war, als lohnabhängiger Auftragnehmer bei einem potentiellen Auftraggeber zu protestieren. Der Mailwechsel zog sich über Tage hin. Hier ist er:

 

1. fl. an K. T., 20.7.2006

Lieber K.[1]

das ist keine Reklamation, sondern eine Nachbemerkung zum Golowin-Nachruf, der heute unter meinem Namen in der BZ erschienen ist.

Aus meiner Sicht lief die Sache so ab, dass ich gestern abends um halb zehn, als ich nach Hause kam (ich hatte meinem Vater in Roggwil gekocht und war ab 15.30 Uhr deshalb nicht mehr erreichbar), deinen Kollegen S. v. B. auf dem Telefonbeantworter hörte, Golowin sei gestorben, die Redaktion habe Material aus meinem Artikel zu Golowins 75sten verwendet, wenn ich Fragen hätte, solle ich mich melden. Ich hatte damit kein Problem, ging aufs Netz, um zu sehen, ob ich Näheres zu Golowins Tod finden könne und weil ich nichts fand, nahm ich v. B.’s Angebot an und wählte seine Handynummer in der Hoffnung, er wisse Näheres. Er konnte mir Ort und Zeit der Abdankung mitteilen, sowie dass in der Legende zu einem Keystone-Bild gestanden habe, Golowin habe die letzte Zeit in einem Heim gelebt. Von meinem Material redeten wir nur am Rand, weil wie gesagt, dass ihr da draus abgekupfert habt, was ihr brauchen könnt, war für mich in Ordnung.

Heute Morgen war ich dann doch überrascht, als ich in der BZ den Nachruf unter meinem Namen fand. Das war für mich quasi ein Primeur: ein Artikel unter meinem Namen, den ich zum ersten Mal in der Zeitung sehe. Dass mir v. B. auf dem Beantworter dies hatte mitteilen wollen, hätte ich mir nach dem, was er gesagt hat, nicht vorstellen können.

Gut, in diesem Fall ist das kein grosses Problem und der Text ist in Ordnung. Trotzdem erlaube ich mir die Empfehlung, in einem solchen Fall den Artikel mit dem Kürzel des Redaktors und jenem des zusammencollagierten Autors zu zeichnen (im Sinn von «svb../fl.»). Immerhin könnten durch die Kürzung und Neumontage des Materials eine im schlimmen Fall persönlichkeitsrechtlich relevante Verschlimmbesserung passieren. Wenn diese in einem Artikel mit dieser Aufmachung gedruckt wird, heisst das, dass ich den Text geschrieben und die Verantwortung dafür zu tragen habe. Das wäre gegenüber der BZ-Öffentlichkeit für mich auch dann unangenehm, wenn Ihr als Redaktion die Sache gegenüber der persönlichkeitsrechtlich tangierten Person klarstellen würdet.

Ich habe kein Problem damit, dass Ihr im konkreten Fall sagt, ich hätte halt nachfragen müssen – v. B. hat zweifellos korrekt gehandelt. Ich schreibe Dir das, weil das Problem über den Einzelfall hinaus weist. Denn für mich wirft diese Geschichte auch ein Schlaglicht auf Eure prekären Arbeitsbedingungen, wo alles immer noch schneller und so billig wie möglich gehen muss. Insofern habt Ihr zwar mein Verständnis, aber ich beneide Euch nicht.

Mit freundlichen Grüssen

2. K. T. an fl., 25.7.2006

 

Lieber fredi

Danke für deine mail. Ich kann deine zweifel und fragen sehr gut verstehen. Ich nehme an, dass svb in der hektik so gehandelt hat. Selbstverständlich hast du recht, dass sein kürzel als autor unter den text gehört hätte.

Jedenfalls bin ich aber froh, dass dir daraus kein äusserer und innerer ärger entstanden ist – so hoffe ich jedenfalls. Dir in jedem fall dank für deine grosszügigkeit, ein honorar wirst du hoffentlich auch noch erhalten (sonst wendest du dich ab 2. august an a. z.).[1]

Dir wünsche ich eine gute sommerzeit.

Herzlich

3. fl. an K. T., 27.7.2006

Lieber K.

eigentlich wollte ich die Sache auf sich beruhen lassen. Deiner Zuversicht, dass mir daraus «kein äusserer und innerer Ärger entstanden» sein möge, muss ich nun aber doch noch widersprechen:

1. Letzten Samstag kam mein Schwager zu Besuch, BZ-Leser in Interlaken; bevor er dort für sich als Software-Entwickler zu arbeiten begann rund zwanzig Jahre lang Lehrer, also quasi ein Einheimischer. Er sprach mich auf «meinen» Golowin-Nachruf an und fragte, ob so etwas Halbbatziges mein Ernst und jener der BZ sei.

Immerhin für die Oberland-Ausgabe müsse es doch etwas anderes sein, Golowin habe ja in Interlaken viele Jahre gelebt und gewirkt und hier kenne man ihn sehr wohl noch. Ich habe mich dann für «meinen» Artikel gerechtfertigt.

2. Nun ja, kann man sich auf der BZ-Redaktion sagen, wegen einer einzigen solchen Rückmeldung soll der Knabe nicht derart mit den Fäcken schlagen. Aber es ist halt so: ich habe in den neunziger Jahren das Projekt NONkONFORM durchgezogen. Ich habe mir das auch ökonomisch abgerungen, weil ich, neben zwei öffentlichen Werkjahren, halt nur deshalb zum Arbeiten kam, weil ich blockweise 60 Prozent das WoZ-Inland zusammenschusterte (was im Ganzen anstrengend war). Ich habe unter diesen Bedingungen wie du weisst zwei Bücher im Umfang von insgesamt einiges mehr als tausend Seiten gemacht. In diesen Büchern wird Golowin x-mal erwähnt, er gibt x-mal Auskunft etc.; vorgängig hatte ich mit ihm x-mal geredet, mit ihm telefoniert, viele seiner Bücher (auch einige der ungeniessbareren) gelesen etc. Kurzum: Es gibt Leute in und um Bern, die wissen, dass ich zu mehr fähig gewesen wäre, als zu dem, was ich da jetzt pietätlos in der BZ schnell hingeschludert habe in «meinem» Artikel (was denken jetzt zum Beispiel die beiden «Tägel-Leistler» Niklaus von Steiger oder Zeno Zürcher von mir, die ja wohl sofort gemerkt haben, dass ich nichts «tat», als meinen Artikel zum 75. Geburtstag Golowins zusammenzustreichen?). Noch kurzümmer: Dieser Artikel hat mir im Bereich meines kleinen NONkONFORM-Renommees geschadet.

3. Unterdessen habe ich nun zur Kenntnis genommen, dass B. G. in der «Weltwoche» zu Golowins Tod geschrieben hat, und zwar exakt 2443 Zeichen – fast aufs Zeichen so viel, wie die BZ-Redaktion aus meinem Geburtstagsartikel für Golowin von Anno domini geschnipselt hat. Nicht dass ich hätte für die «Weltwoche» schreiben wollen. Aber wenn G. als BZ-Angestellter für seine eigene Zeitung geschrieben hätte, hätte ich ein Problem weniger.

Entschuldige, dass ich Dich als Klagemauer missbraucht habe. Aber G.s Fremdgehen in dieser Sache hat meine Frustrationstoleranz tangiert.

Mit Gruss

4. K. T. an fl., 2.8.2006

 

Lieber fredi

Ich weiss gar nicht, was ich dir antworten soll. Deswegen habe ich wohl auch so lange mit einer antwort gewartet. Wenn die sache so gelaufen ist, kann ich nur sagen: Es tut mir leid – auch wenn ich nur sehr indirekt in die sache involviert war. Und ich kann deinen frust sehr wohl verstehen, sehe aber keine möglichkeit, da noch etwas zu verändern – oder was meinst du?

Nichts für ungut also.

Herzlich

5. fl. an K. T. 3.8.2006

Lieber K.

nein, zu machen ist da nichts mehr. Allerdings ist die Geschichte bei mir noch weitergegangen. Kaum hatte ich vor einer Woche mein Frustmail an Dich abgeschickt, rief Werner Scheurer von der WOZ an, ob ich einen Nachruf auf Golowin schreiben könne. Ich sagte spontan ab, weil ich befürchtete, erst recht pietätlos zu werden, wenn ich mit dem Nachruffrust einen zweiten zu schreiben versuche. Allerdings musste ich nun Scheurer schildern, warum ich der WOZ auf einem meiner Spezialgebiete nicht dienen konnte. Scheurer fand meine BZ-Episode interessant genug, um sich einige Gedanken über das zu machen, was er «verludertes Textmanagement» in den Zeitungen nennt. Du findest seine Gedanken als «Medientagebuch» in der heutigen WOZ.[2]

Unterdessen hat mir Zeno Zürcher eine Kopie seiner Abdankungsrede geschickt, die er am 25. Juli in der Schlosskirche Spiez gehalten hat. Ein Text voller treffend erinnerter Episoden ohne metaphysischen Ballast, allerdings in Berndeutsch (im ganzen rund 10’000 Zeichen). Falls Du ihn lesen willst, weil ihr doch noch etwas über Golowin plant, kann ich ihn Dir kopieren.[3]

Ansonsten ist die Sache für mich nun, wie ich hoffe, wirklich erledigt.

E gueti Zyt

6. K. T. an fl., 8.8.2006

 

Lieber fredi

Achachach. Das ist mein kurzer kommentar zu einer längeren geschichte. Ich weiss auch nicht. Es gibt einen letzten satz von goethe (einer der letzten sätze, aber einer, der nicht so berühmt wurde wie «mehr licht») – so etwa: «verwirrtes handeln waltet über verwirrter welt». Das gilt für die medien ganz besonders.

Herzlich

 

[1] Das Honorar habe ich schliesslich bekommen – allerdings erst, nachdem ich am 12. Dezember 2006 nachstehendes Mail an den Zuständigen der BZ geschrieben habe:

«Lieber A. Z.

Am 20. Juli 2006 hat die ‘Berner Zeitung’ unter meinem Namen einen Nachruf zum Tod von Sergius Golowin publiziert. Weil ich damals in Bezug auf den Umgang mit Textmaterial von mir wie auch mit meinem Namen als Autor nicht einverstanden war, wechselte ich mit K. T. mehrere Mails zum Vorgehen der BZ.

Am 25. Juli schrieb mir T. unter anderem: «Dir in jedem fall dank für deine grosszügigkeit, ein honorar wirst du hoffentlich auch noch erhalten (sonst wendest du dich ab 2. august an a. z.).»

Die Überprüfung meiner diesjährigen Honorare hat ergeben, dass von der BZ bisher keine Zahlung eingetroffen ist. Gerne hoffe ich, dass es sich dabei um ein Versehen handelt und bitte um Überweisung von 200 Franken auf mein PC […]

Mit bestem Dank und freundlichen Grüssen»

[2] Das Medientagebuch in der WOZ vom 3. August 2006 trägt den Titel «Berner Grabsteine» und war mit einem Porträtfoto von Sergius Golowin illustriert. Werner Scheurer (1955-2018) hat in diesem Fall öffentlich meine Schurniehre gerettet, wofür ich ihm bis heute dankbar bin. Er würde nichts dagegen haben, dass ich seinen Text an dieser Stelle dokumentiere:

«Es geht um Leben und Tod. In der Bleizeit des Pressewesens hatten grosse Zeitungen im Keller ihrer Druckerei eine Sammlung von ‘Grabsteinen’. Das waren in weiser Voraussicht schon zu Lebzeiten bereitgehaltene Nachrufe auf wichtige ZeitgenossInnen. Gelegentlich hat ein Redaktor oder eine Volontärin sie aktualisiert. Bei Bedarf konnten sie mit ein paar Zeilen ergänzt ins Blatt gehievt werden. Starb jemand, von dem kein Grabstein bereitlag, wurde eine kurze Meldung über das Ableben der Person in die Zeitung gerückt mit dem Hinweis, in Kürze werde eine ausführliche Würdigung des Lebenswerks der oder des Verschiedenen folgen. Daran arbeitete dann in den nächsten Tagen im zuständigen Ressort jemand mit den nötigen Fachkenntnissen.

Das ist heute alles anders. Blei gibt’s längst keines mehr, und auch keine RedaktorInnen, die Zeit für die Pflege von Grabsteinvorräten hätten – sie wurden längst eingespart. Die übrig geblieben sitzen nun an ihren Bildschirmen und rufen über Breitbandanschlüsse in kürzester Zeit die im weltweiten Netz herumflirrenden Grabsteine ab. Dank Google, Wikipedia und der Tastenfunktion Copy and Paste ist im Handumdrehen ein Nachruf zusammengestiefelt, ohne dass die Person an den Keyboards den Namen der oder des Verstorbenen vor der Todesmeldung auch nur gekannt hätte.

Denn es geht um Leben und Tod. Im tödlichen Konkurrenzkampf der Medien müssen immer weniger Leute immer rascher ein angeblich immer grösseres Informationsbedürfnis mit immer kürzerem Futter befriedigen. In allen Redaktionen sitzen Leute an Keyboards und schnipseln blitzschnell Bilder, Texte und Tondokumente aus einem ganzen vergangenen Leben zusammen. Und die Gratiszeitungen, die ‘heute’ noch melden wollen, was nach ‘20 Minuten’ schon alle vergessen haben, geben den Takt an.

Die ‘Berner Zeitung’ findet in diesem unheilvollen Wettlauf noch eine Überholspur. Dass der Berner Schriftsteller, Volkskundler und Mythenforscher Sergius Golowin am, 17. Juli im Alter von 76 Jahren gestorben war – der Weltgeist sei ihm gnädig – erfuhr die BZ-Redaktion erst spät, als die entsprechenden Todesanzeigen aufgegeben wurden. Am Bildschirm des Dienstpults ersparte man sich den Ausflug ins Weltnetz und begnügte sich mit dem Griff ins eigene Archiv: Im Januar 2005 hat der WOZ-Autor und freie BZ-Mitarbeiter Fredi Lerch, ein ausgewiesener Kenner der vom Verstorbenen wesentlich mitgeprägten Berner Nonkonformistenszene der sechziger Jahre, ein Porträt zum 75sten Geburtstag von Sergius Golowin verfasst. Seinen Text auf die Hälfte zu kürzen und dabei die Verben in die Vergangenheit zu setzen, dauerte wohl nur wenige Minuten. Kurz vor Druckbeginn erfuhr Lerch noch, dass «ein paar Zitate» seines Texts für einen Nachruf verwendet würden.

Doch anderntags stand unter seinem Namen ein «Nachruf» in der BZ. Nur wenige BZ-LeserInnen merkten wohl, dass hier ein alter Text wörtlich wiederholt wurde. Aber FreundInnen von Golowin beschwerten sich beim Autor über den vermeintlichen Nachruf. Sie hatten von Lerch – zu Recht – passendere Worte zu Leben und Werk des Verstorbenen erwartet. Diese auf Anfrage der WOZ noch zu formulieren, hatte Fredi Lerch nach der BZ-Erfahrung verständlicherweise keine Lust mehr.

Es geht um Leben und Tod – auch des seriösen Journalismus. Der skrupellose Umgang mit der Arbeit eines freien Mitarbeiters hat der BZ am 20. Juli 2006 dazu verholfen, Golowins Tod rechtzeitig ‘im Blatt’ zu haben und dem vom gleichen Verlag herausgegebenen ‘Konkurrenz’-Blatt ‘Bund’ nicht nachzuhinken. Dort wurde aber der pensionierte Feuilletonredaktor Charles Cornu um einen kompetenten Beitrag gebeten. Das wird voraussichtlich den serbelnden ‘Bund’ nicht retten. Aber auf lange Frist wird auch die BZ mit ihren Methoden nicht besser dastehen. Irgendwann werden ihre LeserInnen merken, dass sie sich mit solch verludertem Textmanagement wie alle andern PendlerInnen auch gratis bedienen können.»

[3] Zeno Zürcher (1936-2008) hat mir seine Abdankungsrede damals zur Information zugeschickt. Er würde nichts dagegen haben, dass ich sie an dieser Stelle dokumentiere:

«Sergius Golowin 31. Januar 1930 – 17. Juli 2006

ABDANKUNGSFEIER SCHLOSSKIRCHE SPIEZ

25. Juli 2006

‘Mir wei di nie vergässe’, seit me öppe bi Lüt, wo me sich Müeh muess näh, für sie nie z vergässe.

Du Sergius, hesch Iisitz gno i mis Läbe.

Es wär nid gange i mim Läbe, wi s isch gange, u i wär i mängem nid dä, wo n i bi, we du nid wärsch gsi.

I gseh di d Kesslergass ab gaa, truurig, wöll dini geliebti Stadt het dänkt, es sig ke guete Name, e so ne Zigünername un si het se umgnamset: Münschtergass, vornähm u chli protzig. U ds Gliiche mit der Metzgergass.

Bim Erker, wo der Narr uf sim Buggu treit, blibsch stah u sinnisch. Der Erker: Mi cha uf verschideni Site use luege, nid wie bim gwöhnleche Fänschter, nume grad uf ds Visavis. Mi cha z Tribe i der Gass aluege u über e Louf vor Wält sinniere. Der Erker isch numen e Näbeteil vom Huus, u dä wird vom Narr treit. Der Narr gfallt dir.

I gseh di i der Bibliotegg z Burdlef. We de wieder e Bigi Büecher im Archiv holsch, treisch sie am liebschte unger eim Arm u loufsch e chli schreg dür e Gang zur Usleih. Am Mittwuche namittag bin i vu der Gumm abgecho. Du hewsch mir Büecher aagrate, wo n i für d Schuel guet chönn bruuche. Viel vo dene hani i schpäter im Antiquariat gchouft u bruuche se no hüt.

Einisch hani i, denn natürlech nid wäge der Schuel, vo der Dreigroscheopere gschwärmt. Du hesch gseit, die sigi scho luschtig, aber i sölli doch der Dreigroscheroman läse. De chömi de nache über mängs, was da i der Wält loufi. U du hesch ds Buech gholt u mir gäh. Nid mängs Buech het mir so z dänke gäh wie dä läng Roman. U wenn i hüt öpperem vo däm Dreigroscheroman brichte, überchumen i zur Antwort: ‘Jä, gits da o ne Roman?’

I ha di sälte bös gseh oder verruckt. Aber a däm Aabe i de Sächzgerjahr i der JUNKERE 37, wo mir zum erschte Mal vo dir hei ghört, wie d PRO JUVENTUTE de Fahrende d Ching us de Wäge het wäg gno u i frömdi Familie gschteckt, hei mirs nid rächt wölle gloube. U du bisch ganz ufgregt gsi, lut u bös. Es het di z tiefscht ine preicht. Ersch später, i gloube i de Siebezger hetr der ‘Beobachter’ dervo brichtet.

Du bisch e Büechermönsch u ne Mönschemönsch i eim gsi. Du bisch tagelang im Läsesaal vu der Landesbibliothek ghocket. D Büecher si dini ‘Fliegende Teppiche’ gsi. I färnscht Winku vo der Wält u vom Universum u i die ältischte Zyte vo de Mönsche bisch gfloge. Was hesch eigetlech wölle? Du hesch em grosse Gheimnis vom Wärde, Sii u Vergah wölle uf d Schpur cho, chli pathetisch gseit, der ‘Stein der Weisen’ sueche. Du hesch gwüsst, dass me ne nid cha finge, aber derfür alles andere, wie der Börne uf der Todesazeig seit.

Aber du hesch d Mönsche z gärn gha, für nume wölle z wüsse, wie der Louf vur Wält isch. Du hesch es ungloublechs Wüsse zämetreit über all das, was Mönsche überall u i allne Zyte bewegt het. I Märli, Sage, Mythe, Religione, Philosophie, Dichtige hesch di usgchennt wie nid mänge. U du hesch ihri Zämehäng gsuecht u i dine viele Büecher usdütschet, mängisch im Chliigschribne, wo nid alli hei möge läse. Wie schad. Du hesch mir hunderte vo allergattig Lüt uf der Schtrass, i de Beize u weissgottwo eis zoge u zueglost u zueglost, bis sie vo däm gredt hei, wo se irgendwie bewegt het.

U da hesch di meh u meh afa uflehne gägen e uniformi Gsellschaft, wo s ender um Marktaateile geit als um läbigs, vielfältigs Läbe. Du bisch als Grossrat im Kanton Bärn gwählt worde u bisch dert derfür iigschtange, dass die geischtigi Artevielfalt erhalte u gförderet wird. Es isch dir nid drum gange, alti Brüüch u Ritual, wo verchalchet u ohni läbigi Vernetzig si gsi, z erhalte. Ds Rad vo de Fahrende isch dir zum Symbol worde. Fahre cha me nume, we ds Rad rund u ganz isch. Aber zämehäbe tüe der Radreife die viele Speiche. U die si bim Scharotl bunt bemalt mit vielne Farbe u verziert mit Figure. Ohni dini witzige Plädaoyers, mi cha se wörtlech nacheläse im TAGBLATT DES GROSSEN RATES, allerdings übersetzt in es e chli holperigs Hochdütsch, wär d Schtrassemusig chuum zrügg in d Gasse cho, hät d Fasnacht z Bärn no lenger gschlafe. Wo s um ds OBEN OHNE im Marzili u angerne Orte isch gange, hesch dine Ratskollege, wo bärnischi Sitte u Ornig beschwore hei, us de Casanova-Memoire zitiert u ne verzellt, wie n är vor zwöihundert Jahr i der Matte es wunderbar freizügigs Läbe atroffe het, nid aber verlottereti Zueschtäng, u wie me n [ihm] im Ämmital uf e me ne Purehof für d Nacht e Tochter i ds Zimmer geschickt het, aber wehe, wenn är se z grächtem aaglängt hätt. Es sig sini schwärschti Prüefig gsy. Mi het sie gärn glost, em Grossrat Golowin sini Gschichte.

Im Diskussionschäller JUNKERE 37 het moderni Literatur u bärndütschi traditionelli Dichtig sogar am gliiche Aabe Platz näbenang gha, o we i der Diskussion d Fätze gfloge si. U dä Ma, wo i der ganze Schwyz kes Podium meh zum Ufträte het gha, der Konrad Farner, het mänge guete Vortrag über Kulturpolitik ghalte, u mit em Kurt Marti u em Bernhard Nüesch über MARXISMUS UND CHRISTENTUM diskutiert. E farbigi Gsellschaft het sich im Chäller troffe. Fiche hei mer alli gha, aber du doch ds gröschte Päckli.

D Vielfalt wachst nid uf der überdüngete, boum- u buschlose Matte. D Quotekultur, wo müglechscht viel Lüt zur glyche Zyt ds Glyche mache, isch nid dini Wält gsi. Mir si uf d Bäregg bi eim vo üsne Jahreszytefescht. Aber nid für ga z luege, wie de viellicht e Bitz Bärg i ds Tal abe tonneret. Es isch gäge Novämber zue gsy, gäge Allerseele, gage Halloween, wie me hüt seit u grossi Chürbisse vor d Türe stellt. Es isch chalt u luftig gsy. Dert obe hesch du üs verzellt vo de arme Seele, wo im Gletscher ihri Sünde abbüesse u vo de Grinduwaldner Zwärgli, wo de Lüt viel ghulfe hei u verschwunde si, wöll d Mönsche ihne wüeschti Schtreiche gschpielt hei. Der Luft het dir wölle d Manuskript-Bletter furtwäihe, u mir hei afa früre fasch wie die arme Seele unge im Gletscher. U wo du ds letschte Blatt hesch zämegfaltet, hei mir üs ufgwermt mit e me ne improvisierte Theater, wie fasch immer a dene Fescht.

Der Goethe bsuecht d Bärge, u der Meischter u sini Begleiter u Begleiterinne tüe mit grosse gschwullne Wort d Erhabeheit vo de Schwizer Alpe zelebriere. U derby, so hei mirs dänkt, isch es dene Herre nume drum gange, de Dame z imponiere, u sie hei zueglängt, wie si hei chönne. Ja, z Sälbschtironie het immer Platz gha mit dir zäme. U dis lute Lache, we der Ueli Boumgartner wieder es sälber erfungigs Goethezitat mit grosse Faxe über e Gletscher übere grüeft het, isch fasch gar bis zur Eigerwang übere z ghöre gsi. Mir hei nid gewüsst, das me däm schpäter wird LANDSCHAFTSTHEATER oder THEATER AMN TATORT säge u dene Ort CHRAFTORT. Wär gärn wott wüsse, wies öppe aube zugangen isch a settigne Jahreszytefescht, cha em Franz Gertsch sys usfüerleche, nid gang ohni Ironie gschribne PROTOKOLL im en e alte SINWEL-Heft nacheläse.

Jtz chöi mir nümme mir dir feschte. Du hesch zwar unzähligi Visione u Spekulatione vo vielne Völker u Religione über ds Läbe oder Nidläbe nach em Schtärbe gchennt. Für di sälber hesch keni Aaschprüch gha. Du hesch gwüsst, dass die meischte Jensitsvorschtrellige vom e ne Läbe rede, wo s keni Widersprüch meh git, wo alles ufgeit u si Ornig het, so oder so.

Eini vo dene vielne Visione, wo dir gfalle het, isch die vo de nordamerikanische Indianer, die vo de ewige Jagdgründ. Du hesch sie gärn verzellt:

I de ewige Jagdgründ chöi die Verschtorbene ewig jage, u sie preiche mit ihrne Pfile, was sie wey. U Tier hets soviel sie wey.

U de d Tier? Sie chöi em Jeger etwütsche wie sie grad wey, u är preicht se nie.

U de hesch derzue verzellt, was der Jeremias Gotthälf söll gseit hat:

S cha sy, s cha nid sy, es cha o ganz angers sy.

Dä Spruch het dir ganz bsungers gfalle. U i einere vo sine KLEINEN ERZÄHLUNGEN UND KALENDERGESCHICHTEN, im DRUIDE, me ghört nid viel dervo, d Literaturkritiker vo der Zunft si der Meinig, d Gschicht sigi literarisch gseh nid bsungers wärtvoll, verbrönne d Helvetier alli ihri Hütte u zieh i ds Land vo de Gallier. Am nächschte Tag chöme d Waldtier a Waldrand cho luege, was äch los sigi, ke einzige Jeger isch z gseh. U chli trurig göh sie i Wald zrügg.

Liebe Sergius, zum Abschied der Wahlschpruch vo de Huzule, wo der René Neueschwander vo sinere Reis us de Karpate zrüggbracht het, u wo i üsem Fründeskreis bis hüt der Trinkspruch isch blibe:

NA NAS NJEMA SMERTI

Für hüt wott i s uf dütsch e so säge:

TOD, WO IST DEIN STACHEL?»

Weitere Nachrufe für Sergius Golowin – unter anderem der von Scheurer erwähnte von Charles Cornu – hat der Historiker Thomas Huonker hier zusammengestellt. – Nach der unguten Erfahrung anlässlich des Golowin-Nachrufs habe ich für die BZ nur noch einmal geschrieben. Im Mai 2013 erschien das Porträt «Aus dem Leben eines ‘Gruebe’-Buben». Diese Veröffentlichung diente auch Bekanntmachung des «Gruebe»-Buchs, an dem ich massgeblich mitgearbeitet habe.