Rists dritter Weg

Pipilotti Rist tritt per sofort als Künstlerische Direktorin der Expo.01 zurück. Begründung: «Die Managementaufgaben haben eine Dimension erreicht, die nicht von Anfang an absehbar war. Die Phase, in der ich meine Qualitäten einbringen und Projekte aus der Taufe heben konnte, ist vorbei.» Die Medien haben übers Wochenende respektvoll aufgeatmet, dass der «schräge Vogel» (NZZ) Platz macht. Gleichzeitig haben sie, als wären sie froh, von einer ungehörigen Verlockung erlöst worden zu sein, laut und brav die Stärkung des Managements, straffe wirtschaftliche Standards und Konzessionen gegenüber den nach wie vor misstrauischen Sponsoren gefordert. Fertig mit dem Trachtenmädchenspiel. Jetzt müssen Männer ran.

Der Rücktritt ist eine Ernüchterung – nicht nur für jene, die sich seit Rists Wahl am 1. August 1997 in deren Schlepptau auf geradem Weg zur kulturellen Hegemonie des Landes wähnten. War jetzt nicht die Phantasie an der Macht? Fünfviertel Jahre später ist das Spektakel abgeblasen, das doch erst in zweieinhalb Jahren seinen Höhepunkt erreichen sollte. 

Bei nationalen Selbstinszenierungen mitzureden haben freilich schon andere versucht:

• 1955 machten Max Frisch, Markus Kutter und Lucius Burckhardt mit dem Text «achtung: die schweiz» den Vorschlag, 1964 statt einer biederen nationalen Leistungsschau eine Utopie zu realisieren und im Walliser Rhonedelta eine neue Stadt zu bauen. Der Vorschlag wurde öffentlich kaum diskutiert.

• 1990 riefen Kulturschaffende unter dem Eindruck der Fichenaffäre dazu auf, die bevorstehende «700-Jahr-Feier» der Schweiz zu boykottieren. Der Aufruf wurde von rund 500 Kulturschaffenden unterzeichnet und irritierte die linksliberale Öffentlichkeit – nicht jedoch jene, die 1991 den Rütli-Mythos in Szene setzten. 

1997 setzte Pipilotti Rist als international anerkannte Multimediakünstlerin ein neues Signal: Sie liess sich zur Künstlerischen Direktorin der Expo.01 wählen. Der Weg sollte also nicht mehr über utopische Gegenentwürfe oder Boykottaufrufe ins Abseits, sondern geradewegs in die Höhle des Löwen führen: reingehen und mitmachen. Ihrem chaotisch-kreativen Charisma ist es zu verdanken, dass seither die Kreativen des Landes an der Expo.01 mitzudenken begannen und weite Teile der Bevölkerung überhaupt auf das Projekt aufmerksam wurden.

Aber Rist war mehr als eine schillernde Integrationsfigur für Kritik und Kreativität, Konsum und Kommerz. Davon kann sich überzeugen, wer im letzthin erschienenen «Masterplan 1998» die «Qualitätskriterien der Direction artistique» nachliest, die für alle Projekte gelten sollen. Da steht zum Beispiel, dass die Expo.01 «dringende gesellschaftliche Probleme nicht nur aufwerfen, sondern auch Lösungsansätze und Hoffnungen vermitteln» wolle. Oder dass sie in erster Linie Themen, Ideen und Überlegungen gewidmet sei: «Die Fähigkeiten, Tätigkeiten oder Produkte einer Privatperson, Institution oder Firma werden immer im Zusammenhang mit dem thematischen Gesamtkonzept zum Tragen kommen.» Nicht nur für Kirche und Armee war solches Selbstbewusstsein ein Affront.

Utopischer Gegenentwurf und Boykottaufruf haben seinerzeit wenig erreicht. Und ob von Pipilotti Rists drittem Weg der sanft-subversiven Intervention viel bleiben wird, bezweifle ich. Aber ganz egal, warum sie letzten Freitag wirklich zurückgetreten ist: Mit Qualitätskriterien wie den zitierten wäre sie im Jahr 2001 als Künstlerische Direktorin für das 1,5 Milliarden-Projekt sowieso nicht tragbar gewesen. Das ehrt sie.