Expo.01: Das war’s

Schweizerische Landesausstellungen werden immer seltener: Zwischen der ersten in Zürich 1883 und der zweiten in Genf 1896 lagen bloss dreizehn Jahre. Dann ging es sechzehn Jahre bis zu jener in Bern 1914, danach je 25 Jahre bis zur Landi 1939 in Zürich und zur Expo 1964 in Lausanne. Und nun sollte, nach 37 Jahren, die Expo.01 in der Dreiseenregion am Jurasüdfuss stattfinden. Sie ist mit dem Machtwort des Bundesrates am Montag anderthalb Jahre vor der geplanten Eröffnung zu Ende gegangen.

Wenn in einer Willensnation Landesausstellungen seltener werden, muss das mit dem Willen zu tun haben. Ihm entsprach in den letzten gut hundert Jahren jeweils am besten eine aktuelle Leistungsschau der nationalen Wirtschaft im Geiste des wehrhaft geeinten Kleinstaats. Heute ist an der massgebenden Wirtschaft wenig mehr national und der Kleinstaat vielen noch viel zu gross. Willensnation an der Jahrhundertwende heisst: Es gibt in der Schweiz den unbeugsamen Willen, ohne gemeinsame Ideale noch möglichst lange möglichst gut von den Pfründen dieses unanständig reich gewordenen Landes zu leben. Was die heutige Schweiz deshalb noch am ehesten zusammenhält, ist der Verteilungskampf ums Geld. Deshalb erschöpft sich darin die öffentliche Auseinandersetzung um die geplante Expo.

Diesen neoliberalen «Landi-Geist» ästhetisch anspruchsvoll zu inszenieren, war der widersprüchliche Auftrag an die Expo.01-Macherinnen Jacqueline Fendt und Pipilotti Rist. Ihre ersten, unkonventionellen Auftritte erregten dann weit herum ungläubiges Staunen: Hatten nun die Jungen, Linken und Urbanen im Land die kulturelle Hegemonie übernommen? Im Rückblick ist man klüger. Als künstlerische Direktorin kreierte Rist auf dem Papier die gewünschte Ästhetik ohne Werte und versöhnte so das Projekt mit Postmoderne und zeitgeistbewusstem Kulturschaffen. Sie hat ihre Aufgabe ausgezeichnet gelöst: Ihre versponnenen Visionen blendeten. Und – wie Rists Nachfolger Martin Heller letzte Woche bekannt gab – die Kulturschaffenden, die man braucht, sind unterdessen in das Projekt eingebunden.

Schwerer taten sich jene, die die Expo bezahlen sollten, mit Jacqueline Fendt. Originell war ja zwar, dass sie sagte: Wir planen das Unerhörte, und die Wirtschaft soll schweigen und bezahlen. Aber dass sie das auch hartnäckig so meinte, wurde zum wachsenden Ärgernis. Für Fendt galt: Nicht die wirtschaftlichen Geldgeber bestimmen den Inhalt der Expo.01, sondern die Expo.01 wählt die Geldgeber, die bezahlen dürfen. Heute steht fest: Eher als die clevere Pipilotti Rist war in ihrer Naivität Jacqueline Fendt die Visionärin der Expo.01.

Unterdessen spricht von Rist und Fendt niemand mehr und ihr Projekt ist Geschichte. Die Entscheidung, obs dafür nach 38 Jahren eine Expo.02 geben wird, hat der Bundesrat nun realistischerweise gleich an die schweizerische Wirtschaft delegiert. Sie hat die nicht genehme Expo.01 bis zum grossen Köpferollen ausgehungert und wird auch an der Expo.02 nichts Ungenehmes finanzieren. 

Es mag ein bisschen verstaubt klingen, aber es ist trotzdem wahr, was der junge Karl Marx einmal geschrieben: «Die Klasse, welche die herrschende materielle Macht in der Gesellschaft ist, ist zugleich ihr herrschende geistige Macht.» Dies neuerdings demonstriert zu haben, ist das bleibende Verdienst der Expo.01. Dass die Expo.02 – wenn sie denn die Wirtschaft durchzuführen gedenkt – dank des unbestrittenen Engagements der eingekauften Kulturschaffenden mehr und anderes aufzeigen wird, kann man hoffen.