Gute Argumente gegen Sonntagsarbeit

Work: Kurt Marti, Sie sind jetzt 83. Wie hat sich der Sonntag seit ihrer Jugendzeit verändert?

Kurt Marti: In meiner Jugend durfte man am Sonntag nicht arbeiten – ob es verboten oder einfach Brauch war, weiss ich nicht. Man hat sich «gsuntiget», zog also die besseren Kleider an. Weder arbeitete man im Garten, noch hängte man draussen Wäsche auf. Toleriert war lediglich, dass die Bauern ihr Heu ans Trockene brachten, wenn ein Gewitter im Anzug war. An Karfreitag stellte Radio Beromünster zwischen 14 und 17 Uhr gar die Sendungen ein. In den Stunden, in denen nach der biblischen Überlieferung Jesus gekreuzigt wurde, herrschte Stille.

Wann hörte diese traditionelle Zurückhaltung bei der Sonntagsarbeit auf?

Einerseits muss man sehen, dass es früher auch Formen der Sonntagsarbeit gab, die es heute nicht mehr gibt: In Berns Innenstadt zum Beispiel wurde die Geschäfts- und Briefpost auch sonntags verteilt. Andererseits setzte die Auflösung der Tradition nach dem Zweiten Weltkrieg ein, mit der rasanten Entwicklung von Wirtschaft und Technik. In dieser Entwicklung spiegelt sich bis heute die zunehmende Diktatur der Ökonomie. Sie nivelliert alles und macht den Sonntag immer mehr zum Werktag.

Wenn Religionen in der Gesellschaft unwichtiger werden, ist es dann nicht logisch, dass auch die Bedeutung des Sonntags schwindet?

Tatsächlich haben die Christen mit dem Sonntag den Sabbat der Juden übernommen, ihn aber um einen Tag auf den Tag der Auferstehung Jesu verschoben. «Sabbat» heisst auf hebräisch «Ruhe», und eines der zehn Gebote verlangt, dass an diesem Tag niemand arbeiten soll, nicht einmal die Sklaven oder die Tiere. Dieser religiöse Hintergrund ist aber nur das Eine. Vermutlich steckt bereits hinter dem göttlichen Gebot in der Bibel die Erfahrung, dass sich die Einrichtung der Woche sowohl als menschlich, als auch als wirtschaftlich sinnvoll erwiesen hat. Dieser Sieben-Tage-Rhythmus scheint für den Menschen am Zuträglichsten zu sein. Ich erinnere mich, vor vielen Jahren gelesen zu haben, dass man in einem der damals sozialistischen Länder versucht hat, die Woche auf zehn Tage zu verlängern. Daraufhin sei die Produktivität gar gesunken statt gestiegen. Aufgrund rein ökonomischer Kriterien hat deshalb auch der atheistische Kommunismus die Woche mit den sieben Tagen beibehalten. 

Heute scheint es nicht mehr um die Verlängerung der Woche, sondern um deren Auslöschung zu gehen. Vermutlich geht es deshalb nicht nur um die Steigerung der Produktivität.

Es geht auch um die Atomisierung der Gesellschaft. Sie verhindert zunehmend das Gemeinschaftliche, die Zeit in der Familie, im Verein. Der Sonntag wird immer mehr individualisiert, jeder hat an einem anderen Tag Sonntag. Dadurch zerfallen – angefangen bei der Familie – zunehmend alle gesellschaftlichen Gruppen. Je mehr das Streben nach dem Profit alles dominiert, desto mehr leben alle nur noch für sich allein.

Dieser Druck zur Atomisierung wird wohl noch zunehmen. Was dann?

Der Einzelne wird noch immer wehr- und machtloser werden. Es wird ihm immer mehr erschwert, mit anderen zusammenzukommen, sich mit anderen zusammenzuschliessen, etwas aus freien Stücken zu machen oder sich gegen diesen Zwang zur Arbeit zu stemmen. Übrigens könnte der religiöse Extremismus und Fundamentalismus auch eine Gegenreaktion sein auf diese erzwungene Atomisierung.

Im Kampf gegen die Ausweitung der Sonntagsarbeit stehen die Kirchen auf der gleichen Seite wie die Gewerkschaften. Werden kirchliche Kreise ihr Referendum unterstützen?

Das hoffe ich doch sehr! Ich nehme an, dass die Gewerkschaften mit der Bitte um ideelle und materielle Unterstützung an die Kirchen gelangen werden, und ich hoffe, dass die Kirchen die Bitte unterstützen – auch wenn sie in solchen Situationen gewöhnlich ein bisschen Angst haben, man werde sie als linksstehend verschreien. Aber in der Frage der Sonntagsarbeit haben sie ja auch gegenüber bürgerlichen Kirchenmitgliedern wirklich gut Argumente.

Der Beitrag trug in der Druckfassung den Titel «Für ein Nein gibt es gute Argumente». Sein Aufhänger war der Beginn der gewerkschaftlichen Unterschriftensammlung für das Referendum gegen das neue Arbeitsgesetz, das die Regelung der Sonntagsarbeit liberalisieren sollte. Bereits im Februar 2005 wurde das Referendum mit 82'000 Unterschriften eingereicht. In der eidgenössischen Volksabstimmung vom 27. November 2005 wurde die Vorlage «Arbeitsgesetz (Sonntagsarbeit in Zentren des öffentlichen Verkehrs)» dann aber knapp, mit 50,6 Prozent der Stimmen, angenommen.