Warum Loosli auch ein Kunstsachverständiger ist

Sehr geehrte Damen und Herren

Man muss sich schon fragen: Was hat dieser C. A. Loosli eigentlich am Schweizerischen Institut für Kunstwissenschaft zu suchen? Hat dieser Mann überhaupt etwas von Kunst verstanden? Was hat er studiert? Wo hängen seine Bilder? Wo stand sein Lehrstuhl?

Loosli kommt an das SIK, wie er schon immer überall aufgetaucht ist: als Nicht-Vorgesehener und Unberufener. Carl Albert Loosli – geboren 1877, gestorben 1959 – war zeit seines Lebens ein Aussenseiter; nach seinem Tod wurde er als Nonkonformist gewürdigt, zu Lebzeiten nicht selten als Unbequemer und als Querulant beschimpft und gemieden. Loosli wuchs als Verdingbub auf, wurde als Jugendlicher in eine Zwangserziehungsanstalt interniert und sass als junger Erwachsener wegen eines Morphium-Entzugs längere Zeit in der Irrenanstalt Waldau. Das erste, was an diesem Mann deshalb erstaunt, ist, dass er nicht sang- und klanglos abgestürzt ist, sondern geheiratet und mit seiner Frau zusammen trotz schwierigster materieller Verhältnisse in Bümpliz bei Bern fünf Kinder zu rechtschaffenen Menschen erzogen hat.

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Freilich, deswegen wäre Loosli nicht ans SIK gekommen: Menschen die Möglichkeit zu geben, Menschen zu werden, gehört ja nicht zur Kunstwissenschaft, obschon es, könnte man meinen, sowohl mit Kunst als auch mit Wissenschaft zu tun hat. Es gibt aber ein Zweites, das an Loosli erstaunt: Obschon er nämlich nach seiner harten Jugend nur eine bruchstückhafte Bildung aufweist, beginnt er – kaum ist er mit 24 endlich «entvogtet» – als Journalist zu arbeiten; und zwar nicht als irgendeiner: Bereits um 1910 schreibt er ab und zu Leitartikel in der NZZ.

Ohne bildungsbürgerlichen Stallgeruch, ohne akademischen Titel, ohne «Vitamin B», das auf dem Weg nach oben so probat die Türen öffnen hilft, nimmt Loosli sich als Bürger des Freistaats Schweiz das Recht heraus, öffentlich überall dort das Wort zu ergreifen, wo aus seiner Sicht geredet werden muss – übrigens als Bilingue zeitlebens auch immer wieder in der Presse der Romandie. Dabei steht er mündlich und schriftlich jederzeit im Kontakt mit vielen interessanten, ihn interessierenden Zeitgenossen – mit Künstlern, Richtern, Parlamentariern, Regierungsräten, Bundesräten. Der Publizist Loosli ist deshalb zumeist ausnehmend gut informiert und formuliert, was er weiss, scharf und treffsicher.

In der intellektuellen Enge eines Kleinstaates wird so einer allerdings eher früher als später einsam: Wo jeder jeden kennt, wo jeder vielen von ihnen etwas verdankt und auf alle anderen noch einmal angewiesen sein könnte, ist es ein bisschen delikat, offen zu reden. Dummerweise hat Loosli nie anders als offen geredet. Er wird deswegen geschnitten, ignoriert, verleumdet. Trotzdem redet er weiter und – auch, wenn ihm das nicht immer ohne Ressentiments gelungen ist –, er hat es alles in allem auf einem Niveau getan, das ihn aus heutiger Sicht zu einem der bedeutenden schweizerischen Intellektuellen seiner Zeit macht.

Looslis publizistisches Werk ist ein Kontinent, über den die auf sieben Bände angelegte Werkausgabe des Rotpunktverlags lediglich einen – wie wir hoffen: repräsentativen – Ein- und Überblick geben kann. Im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern liegen über zwanzig Laufmeter Papier – zu einem nicht unbeträchtlichen Teil hauchdünnes Durchschlagspapier, zehntausende von Blättern, viele Briefe. Der Briefwechsel mit seinem besten Freund, dem Literaturwissenschaftler Jonas Fränkel, umfasst zum Beispiel mehr als 2500 Briefe und Postkarten. Die abgeschlossenen, nie veröffentlichten Texte Looslis würden allein mehr als die sieben Rotpunkt-Bände füllen: vor allem Novellen und Gedichtzyklen. Daneben ganze Buchtyposkripte: Zum Beispiel «Kunst und Brot», 1915, 426 Seiten – eine Überblicksstudie zur kulturpolitischen Situation der Schweiz mit Schwerpunkt Literatur und Malerei, nota bene sechzig Jahre vor dem so genannten Clottu-Bericht; oder: «Am Scheideweg der bildenden Kunst», 1934, 178 Seiten, eine kunstgeschichtliche Skizze «Von Giotto zu Hodler», wie der Untertitel sagt; oder: «Der Rabenvater Staat», 1936, 204 Seiten, über das Erziehungswesen am Beispiel eines Anstaltenskandals auf der Aarburg bei Olten. – Und so weiter.

Öffentlich bekannt geworden ist Loosli mit anderem: Etwa mit seinen Mundartbüchern «Mys Ämmitaw», «Mys Dörfli», «Üse Drätti» und «Wi’s öppe geit»; mit dem wegweisenden Kriminalroman «Die Schattmattbauern»; mit Versepen in der Tradition von Carl Spitteler, mit Novellen- und Lyrikbänden; mit den Büchern «Anstaltsleben», «Ich schweige nicht!» und «Erziehen, nicht Erwürgen!», die die Reformierung der schweizerischen Anstaltserziehung mitbeeinflussten und das Verdingkinderwesen erst zum öffentlichen Thema machen halfen; mit dem Engagement gegen den Antisemitismus und seinem legendär gewordenen Auftritt als Experte am Berner Prozess gegen die «Protokolle der Weisen von Zion»1934/35; mit dem Band «‘Administrativjustiz’ und schweizerische Konzentrationslager» von 1939, einem Angriff auf die aussergerichtliche Versorgungspraxis, mit der Gemeindebehörden landauf landab Arme, Verschupfte oder aus irgendwelchen Gründen nicht Genehme in Strafanstalten versenkt haben, nicht selten für Jahre. Oder mit gesellschaftspolitisch unbequemen Fragen, die er ab und zu gleich zu Buchtiteln gemacht hat. 1912 zum Beispiel: «Ist die Schweiz regenerationsbedürftig?» Oder, 1934, angesichts der faschistischen Bedrohung: «Umschalten oder gleichschalten?»

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Nach all dem fragen Sie zu Recht: Aber was hat denn dieser Loosli am SIK verloren? Bevor man darauf antworten kann, muss man zwei Dinge wissen: Erstens hat Loosli als faszinierende Persönlichkeit einige bemerkenswerte Freunde gehabt. Und zweitens ist er als unabhängiger Geist zwar nur kurze Zeit – bei den Sozialdemokraten – parteipolitisch aktiv gewesen, aber ein überzeugter Gewerkschafter war er zeitlebens – vor allem, wenn es um die Arbeitsbedingungen jener Leute ging, die in irgendeiner Weise künstlerisch tätig waren.

Die beiden kunstgeschichtlich bekanntesten seiner Freunde waren der Schriftsteller Carl Spitteler und der Kunstmaler Ferdinand Hodler. Zu den unbestreitbaren Verdiensten Looslis gehört es denn auch, dass er die beiden 1915 bekannt gemacht und Hodler dazu gebracht hat, Spitteler zu malen. Damals hat er Hodler allerdings schon fast zwanzig Jahre lang gekannt. Eng und freundschaftlich geworden ist der Kontakt der beiden spätestens ab 1908. Damals wurde Hodler zum Präsidenten der GSMBA, der Gesellschaft Schweizerischer Maler, Bildhauer und Architekten, gewählt. Eine seiner ersten Amtshandlungen war, Loosli zum Sekretär der GSMBA und zum Redaktor von deren Zeitschrift «Schweizerkunst»zu ernennen.

Als Sekretär der GSMBA hat Loosli einen gewerkschaftsnahen Kurs verfolgt. Ein wichtiger Grund für seinen Rücktritt nach weniger als vier Jahren war, dass mehrere Vereinsmitglieder seiner Empfehlung nicht gefolgt sind, einen Kunstwettbewerb mit miserablen Bedingungen zu boykottieren. Ende 1911 verlässt Loosli die GSMBA und versucht im folgenden Jahr, seinen eigenen Berufsstand zu organisieren, indem er die Gründung des Schweizerischen Schriftstellervereins initiiert und dessen erster Präsident wird. Dabei kommt er allerdings vom Regen in die Traufe: Hat es in der GSMBA bei verschiedenen Mitgliedern an gewerkschaftlicher Disziplin gemangelt, so mangelt es bei den dichtenden Schulmeistern und Beamten an jedem Verständnis dafür, dass ihre Feierabendpoesie etwas mit Arbeit und Geld zu tun haben könnte. Bereits ein Jahr später tritt Loosli als SSV-Präsident zurück und verlässt den Verein endgültig: Er versteht sich als Berufsschriftsteller – ein Metier, das damals noch nicht vorgesehen war. Und, en passant bemerkt: Looslis unumstössliche Überzeugung, dass die Herstellung künstlerischer Waren nichts mit Luft und Liebe, wenig mit Genialität, viel mit Handwerk und sehr viel mit menschenwürdigen Arbeitsbedingungen zu tun habe, würde ihn auch unter den heutigen Kulturschaffenden zum Aussenseiter machen.

Item.

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Looslis Freundschaft mit dem 24 Jahre älteren Hodler war unverbrüchlich, zunehmend herzlich und dauerte bis zu Hodlers Tod am 19. Mai 1918. Mit dem Band «Hodlers Welt» der Werkausgabe haben wir versucht, anhand von Looslis Schriften die Freundschaft der beiden, die gemeinsame berufspolitische Arbeit und Looslis Engagement für die Kunst und für den Künstler Ferdinand Hodler über dessen Tod hinaus zu dokumentieren:

• In einem ersten Abschnitt sind Beiträge versammelt, die den vertrauten alltäglichen Umgang der beiden belegen, aber auch Looslis Schriften, mit denen er sich für Hodler und dessen Werk von Fall zu Fall eingesetzt hat.

• Der zweite Abschnitt ist den GSMBA-Jahren 1908 bis 1911 und Looslis kunstgewerkschaftlichem Engagement darüber hinaus gewidmet, insbesondere jenem für ein besseres Urheberrecht.

• Der dritte Abschnitt zeigt Loosli als Chronisten dessen, was er selber «Die bernische Renaissance 1896–1914» bezeichnet hat: Die versammelten Texte sind Hinweise auf seine geplante, aber leider nie möglich gewordene umfassende Darstellung des «Hodler-Kreises».

• Der vierte Abschnitt gibt eine Übersicht über die Schriften des Kunstpublizisten Loosli mit Beiträgen zu ästhetischen, kunstpädagogischen und kunstökonomischen Themen.

• Der fünfte und letzte Abschnitt steht unter dem Titel «Hodlers Erbe» und befasst sich mit Looslis «Hodler-Archiv» und dessen Geschichte.

Es ist nämlich so: Loosli hat seit den ersten Tagen seiner Bekanntschaft mit Hodler alles von und über ihn archiviert, was ihm in die Hände gekommen ist. Bald einmal hatte er zuhause ein veritables Hodler-Archiv, das er auch nach Hodlers Tod weiterpflegte und das ihm ermöglicht hat, zwischen 1921 und 1924 sein vierbändiges Standardwerk «Ferdinand Hodler. Leben, Werk und Nachlass» zu verfassen.

Dieses «Hodler-Archiv» ist schliesslich der entscheidende Grund, warum C. A. Loosli ans SIK gekommen ist. Das Archiv liegt seit einiger Zeit hier im Haus und dient Paul Müller und seinem Team als eines der Arbeitsinstrumente bei der Erstellung des neuen Hodler-Werkkatalogs, der Looslis «Generalkatalog» von 1924 ersetzen soll.

Und nun fragen Sie zu Recht: Aber warum ist denn dieser Loosli mit seinem Archiv erst fast 50 Jahre nach seinem Tod ins SIK gekommen? Das ist eine gute Frage und eine andere Geschichte. – Paul Müller, bitte.

Mit der Aufforderung am Schluss des Textes hat es folgende Bewandtnis: Die Buchpräsentation von «Hodlers Welt» – dem Band 7 der C. A. Loosli-Werkausgabe – am Schweizerischen Institut für Kunstwissenschaft in Zürich bestritt ich am 17. September 2008 zusammen mit Paul Müller. Die Arbeit vom Müllers Forschungsteam ist unterdessen erschienen: Oskar Bätschmann/Paul Müller [Hrsg.]: Ferdinand Hodler. Catalogue Raisonné der Gemälde: Biografie und Dokumente. Zürich (Verlag Scheidegger & Spiess), 4 Bände, 2008-2018. (8.8.2018)