Der Anfang am anderen Ende

In seinen letzten Lebenswochen erklärte er dem «frohgemuten Landsmann» Marco Solari, warum er sich nicht in die «700-Jahr-Feier» dieses «verluderten Staats» einspannen lasse. Max Frisch, der sich schon Ende der vierziger Jahre zum sozialistischen Humanismus bekannte, galt zum Schluss als verbittert und resigniert. Als er starb, schrieb ihn die offizielle Schweiz ab als Linken aus Starrköpfigkeit. Seine ersten publizistischen Sporen hat er allerdings ausgerechnet bei jener Zeitung abverdient, mit der ihn später eine lebenslange politische Feindschaft verband: bei der NZZ.

Um diese frühen Jahre Max Frischs bemüht sich Urs Bircher im ersten Teil seiner auf drei Bände angelegten Biografie. Bircher war im Herbst 1989 am Zürcher Schauspielhaus Dramaturg bei der Inszenierung von «Jonas und sein Veteran» und blieb in regem Kontakt mit dem Autor bis kurz vor dessen Tod im April 1991. Seither hat Bircher in Gesprächen die persönlichen Erinnerungen von verschiedenen Weggefährten und -gefährtinnen zusammengetragen. Dieses Quellenmaterial ist um so wertvoller, als Frisch testamentarisch verfügt hat, dass die im Nachlass liegenden Privata erst im Jahr 2011 eröffnet werden dürfen – zu einem Zeitpunkt also, in dem die in diesen Dokumenten auftauchenden Personen voraussichtlich nicht mehr befragt werden können. Aufgrund der Gesprächsprotokolle und der Lektüre der publizistischen Arbeiten von 1931 bis Mitte der fünfziger Jahre hat Bircher das private und politische Profil des jungen Frisch rekonstruiert.

Frisch wurde 1911 in kleinbürgerlichen Verhältnissen in Zürich geboren, begeisterte sich für Fussball, später für Theater und schrieb mit sechzehn auf einer gemieteten Schreibmaschine sein erstes Theaterstück, dem er den Titel «Stahl» gab. Frisch wollte kein Kleinbürger bleiben. Sein Jugendfreund wurde Werner Coninx, ein Sprössling aus jener Familie, die bis heute den «Tages-Anzeiger» besitzt. Mit Coninx zusammen pflegte er die Upperclass-Sportarten Tennis und Ski und wurde in den bildungsbürgerlichen Fundus von Musik, Philosophie und Literatur eingeführt. Als er 1931 an die Universität Zürich übertrat, belegte er Psychologie bei C. G. Jung, Kunstgeschichte bei Heinrich Wölfflin und deutsche Literatur bei Emil Ermatinger und Robert Faesi – allesamt Professoren aus dem Umfeld der antidemokratischen Rechten. Als Student freundete er sich zudem mit dem späteren Literaturprofessor Emil Staiger an, der bis 1934 Mitglied der profaschistischen «Nationalen Front» war.

Das Auffälligste an Frischs ersten publizierten Texten ist jedoch nicht die politische Rechtslastigkeit, sondern die «Arroganz» (Bircher). Frisch selber hat später gesagt, der Ton dieser Texte sei «eine Mischung aus Dreistigkeit und Herablassung»: «Und dabei, weiss ich, war ich voll von Minderwertigkeitsangst.» Frisch verfasste Rezensionen, Reiseberichte, Sportberichte (vor allem solche über Eishockey), Reflexionen, Lokalreportagen und Kurzgeschichten. Diese Texte sind aus heutiger Sicht vor allem deshalb interessant, «weil sie einen weitgehend unbekannten Frisch dokumentieren, einen jungen Schriftsteller, der sich inhaltlich und stilistisch noch kaum von der damals gängigen Blut- und Bodenliteratur abgrenzte», so Bircher.

Nach einer achtmonatigen Balkanreise schreibt er im Winter 1933/34 seinen ersten Roman, «Jürg Reinhart, eine sommerliche Schicksalsfahrt», der bereits im Herbst 1934 in der Deutschen Verlagsanstalt in Stuttgart erscheint. Für Frisch sei, resümiert Bircher, weder Hitlers Machtergreifung noch der «Frontenfrühling» in der Schweiz ein Thema gewesen; wie viele andere Intellektuelle habe er «die Tragweite der faschistischen Wende» nicht erkannt: «Blind war nur, wer blind sein wollte.» Frisch war blind. Er war ein ambitionierter schreibender Student, einerseits lebenslustig und voll sprühenden Humors, andererseits jedoch geplagt von Selbstzweifeln und depressiven Verstimmungen. Politisch machte er’s sich einfach:  Mit dem Vorwand der Gesinnungsneutralität wandte er sich zum Beispiel gegen die antifaschistisch engagierten Deutschen am Zürcher Schauspielhaus und machte sich so nicht nur zum unkritischen Sprecher der Geistigen Landesverteidigung, sondern spielte ideologisch – wiewohl unfreiwillig – den Nazis direkt in die Hände.

Es folgte das Architekturstudium, während dem er sich einem nicht konsequent durchgehaltenen Schreibverbot unterzog; 1942 seine Heirat mit Anna Constance von Meyenburg; schriftstellerisch die «Blätter aus dem Brotsack» (1939) und mit «J’adore ce qui me brûle oder Die Schwierigen» der zweite Roman (1944). Und es folgten insgesamt 650 Aktivdiensttage als Kanonier. In diesen Jahren verabschiedete sich Frisch von seinem Versuch «an die Bürgerlichkeit zu glauben und eifrig zu sein als Bürger». Als er sich direkt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs über die Grenzen hinaus einen Namen als Dramatiker und Prosaist zu machen begann, hatte er sich bereits weitgehend zum kritischen Frager gewandelt, der eine schnörkellos-moderne Sprache pflegte und unbequeme Fragen zu stellen vermochte wie selten einer.

Urs Birchers Darstellung reicht bis in die Jahre 1954/55, als Frisch einerseits zusammen mit Lucius Burkhardt und Markus Kutter die Diskussion um die Expo 1964 lancierte («achtung: Die Schweiz») und andererseits mit dem Roman «Stiller» endgültig den internationalen Durchbruch schaffte. Bircher zeichnet diese frühen Jahre in einem sachlichen, unaufgeregten Ton nach und mit einem historischen Wissen, das es erlaubt, den Werdegang in seinen zeitgeschichtlichen Bezügen verständlich zu machen. Er hat mit seiner Arbeit den Ausgangspunkt des Intellektuellen Max Frisch mit bisher nicht bekanntem Material sichtbar und verständlich gemacht. Dadurch wird erst der Weg deutlich «vom konservativen Schweizerdichter zum linkskritischen, europäischen Intellektuellen» (Bircher) – ein Weg, der schliesslich zum Diktum vom «verluderten Staat» führte. Frischs Leben war eine Expedition von rechts nach links durch die ganze schweizerische Gesellschaft, als Kompass diente ihm der «menschliche Massstab», von dem er im «Tagebuch 1946-1949» gesagt hat, dass man diesen «nicht verändern, sondern nur verlieren» könne.

Urs Bircher: Vom langsamen Wachsen eines Zorns. Max Frisch 1911-1955, Zürich (Limmat Verlag) 1997.

In der WoZ erschien der Beitrag unter dem Titel «Jung und blind».