«Ich bin ein Fan der Schweiz»

Der Hauptsitz der «Mobiliar»-Versicherung liegt an der Bundesgasse in Bern. Im Winter essen hier mittags im Personalrestaurant 700 Personen. Und auch heute, an diesem Hochsommertag, waren es gut 450. Jetzt um drei Uhr ist in der Küche alles blitzblank: Schneidbretter und Schalen, Aufschnittmaschine und Küchenwaage.

Maria Berki ist zuständig für die kalte Küche. Bei ihr beginnen die Stifte ihre Ausbildung, und sie wissen: «Schaffe ich das, dann schaffe ich auch die Lehre.» Denn Berki ist liebeswürdig, aber streng. Sie fordert von sich und anderen saubere Arbeit und technische Perfektion. Das war schon immer so.

Eine Karriere als Spitzensportlerin

Als Maria Berki im Dezember 1989 nach dreizehn Jahren ihre Karriere als Spitzensportlerin beendete, würdigte sie die Berner Tageszeitung «Der Bund» als «die Figur im Schweizer Damenbasketballsport der letzten zwei Jahrzehnte». Sie sei eine «Spielerin im wahrsten Sinne des Wortes, die vieles, was andere mühsam zu erlernen versuchen, mit spielerischer Leichtigkeit zelebriert». Gerühmt wurden insbesondere ihr Trickreichtum, ihre Treffsicherheit und ihre Dribbelstärke.

Aus Jugoslawien geholt hat sie 1976 Alexander Popovic. Er kam wie sie aus Vršac, einer Stadt in Serbien, und arbeitete als Basketballtrainer in Bern. Zuerst spielte Maria Berki für BBC Bern und nach Auflösung dieses Clubs für Femina Bern, beides Nationalliga A-Teams. Dreimal hat sie den Schweizer Basketball-Cup gewonnen, einmal mit BBC, zweimal mit Femina.

Zu verdienen gab es in diesem Sport allerdings nichts. Trainiert wurde abends, weil alle Spielerinnen berufstätig waren. Berki sagt: «In unserem Sport gab es eben keine Sponsoren.». Eine schöne Zeit sei es aber gewesen, auch wenn sie gesundheitlich einen Preis bezahlt habe: «Der Rücken! Aber das ist normal: Beim Spiel immer die Sprünge und daneben 100 Prozent Arbeit und immer auf den Beinen.»

Aber noch jetzt ,auf den Sportplatz im Lorrainequartier, wo sie für den work-Fotografen einige Bälle wirft, geht alles spielerisch leicht: Sie stellt sich hinter die Dreipunktelinie, wirft locker aus dem Handgelenk und trifft – tschack – genau in den Korb. Für den Basketballsport sei sie zwar eher klein gewesen, lacht sie: «Dafür war ich schnell.»

«Prost» und «Merci»? Nein danke!

Bevor sie in die Schweiz gekommen sei, erzählt sie, habe ihr Vater gesagt: «Wenn du willst, dass es dir dort gutgeht, dann musst du dich anpassen.» Nach Bern sei sie ohne Deutschkenntnisse gekommen. «Nach dem ersten Training sind wir zusammen etwas trinken gegangen und alle haben ‘Prost’ zu mir gesagt. Da bin ich schon erschrocken.» «Prost» heisst serbisch nämlich «dumm». Sie hat ihren Trainer Popovic um Rat gefragt, und sich notiert, was er ihr gesagt hat. Als ihre Kolleginnen das nächste Mal zu ihr «Prost!» sagten, antwortete sie: «Gesundheit!»

1995 wurde Maria Berki Schweizerin. Als ihr Einbürgerungsgesuch im Stadtparlament behandelt wurde, sass sie auf der Tribüne, exakt über der SVP-Fraktion. Ihr Antrag wurde zwar angenommen, aber sie hat gesehen, dass die SVPler ein längeres Wort auf ihre Zettel geschrieben haben als «Ja».

Heute sagt Berki, sie sei «Fan der Schweiz», und wie die Schweizer an der Fussball-WM gegen Argentinien letzthin den Achtelfinal verloren haben, betrübt sie. «Sie waren so nahe dran! Dann kurz vor Schluss der Ballverlust von Lichtsteiner. Klar, das kann passieren, das ist Sport.» Aber tags darauf in der «Mobiliar»-Küche habe niemand zu ihr «Merci» sagen dürfen – das habe einfach zu sehr nach Messi getönt.

Zurückkehren. Oder doch nicht?

Und nun hat Maria Berki am 12. September ihren letzten Arbeitstag. Sie wird zwar erst 62, aber sie ist mehr als dreissig Jahre im Betrieb. Darum profitiert sie von einer grosszügigen Pensionierungsregelung. Jetzt könnte sie nach Vršac zurückkehren. Dort hat sie eine halbfertige Zweizimmerwohnung, nur noch der Innenausbau fehlt. Aber es eilt ihr nicht – nicht nur wegen der Wohnung. «Hier in der Schweiz», sagt sie, «gibt es Gesetze und Behörden, die danach handeln: Gehst du hier auf ein Amt, kriegst du die Auskunft, die du brauchst. In Vršac sagt man dir: Keine Ahnung. Oder: Geht mich nichts an. Oder: Jetzt ist Kaffeepause.» Das behagt ihr nicht. Maria Berki liebt saubere Arbeit und technische Perfektion.

Auf der anderen Seite leben in Vršac ihre sieben Schwestern und Brüder, und AHV- und Pensionsrente wäre dort einiges mehr wert als hier. «Um ehrlich zu sein», sagt sie, «ich bin noch nicht hundert Prozent sicher, ob ich ganz zurückkehre.» Aber sicher reist sie am 17. Dezember nach Serbien. Dann wird ihr Vater 98. «Das wird schön!»

 

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Die Doppelbelastete

Maria Berki (* 1952) ist mit sieben Geschwistern in Vršac im Nordosten von Serbien aufgewachsen. Mit zehn Jahren entdeckt sie das Basketballspiel. 1976 kommt sie als Basketballerin nach Bern und spielt 13 Jahre lang in der Nationalliga A, zuerst für BBC Bern, dann für Femina Bern.

Während dieser sportlichen Karriere arbeitet sie zuerst viereinhalb Jahre im Altersheim Altenberg, seit 1983 steht sie im Dienst der SV (das Kürzel bedeutete ab 1914 «Schweizer Verband Soldatenwohl», ab 1920 «Schweizer Verband Volksdienst», ab 1973 «SV Service» und steht seit 1999 für «SV Group»). Für SV hat sie in der Universität Bern dreieinhalb Jahre in der Küche der Mensa und seit 1986 in der Personalküche der schweizerischen Mobiliarversicherung gearbeitet.

Sie verdient einen branchenüblich tiefen Lohn, aber bekommt einen dreizehnten Monatsloh und profitiert von einer  grosszügigen Essensregelung. Gewerkschaftsmitglied war sie nie. Sie wohnt seit 28 Jahren in einer Zweizimmerwohnung im Lorrainequartier in Bern. In der Freizeit interessiert sie sich für all jene Sportarten, bei denen ein Ball im Spiel ist, von Basketball über Fussball bis Tennis. Das Liebste im Sommer: Grillieren an der Aare.