«Talauf, talab nur dr Plättli-Resel»

Beim Bahnhof Weissenburg (BE) kreuzt ein Fahrweg das einspurige Geleise der Simmentalbahn. Folgt man ihm in das enge, bewaldete Seitental, steht man nach einer Viertelstunde plötzlich vor einer Rasenfläche: Links zum rauschenden Tobel hin steht eine Reihe alter Kastanienbäume, rechts ein Pavillon mit der Jahrzahl 1899, im Hintergrund eine verwachsene, aber neu verputzte Bauruine.

«Das war die Hotelküche», sagt Andreas Eggen. Er kennt die Welt, die hier untergegangen ist. Bis vor einigen Monaten hat er dieses Areal für den «Verein Bad und Thermalquelle Weissenburg» betreut: Er hat das Gras gemäht, den Pavillon geputzt, die historische Stromturbine restauriert. Aber unterdessen muss er sich sogar beim Sprechen hinsetzen. Denn mit nur einem Lungenflügel alles anstrengend.

Die Quittung

Im Herbst 2011 bemerkt Eggen, dass er beim Aufwärtsgehen kaum mehr vorwärts kommt. Er geht zur Hausärztin im Dorf, dann zum Spezialisten nach Spiez, schliesslich nach Thun in die Röhre. Als er zur Besprechung des Thuner Berichts zur Hausärztin geht, fragt sie als erstes, ob er in seinem Leben mit Asbest gearbeitet habe. Eggen: «Da war mir klar: Jetzt hat’s mich doch erwischt.»

52 Jahre früher, in seinem ersten Lehrjahr schon, war Eggen dabei, als in öffentlichen Neubauten aus Wendrohren die Decken mit flüssigem Asbest bespritzt werden: «Bevor wir danach Platten verlegten, mussten wir die Böden sauberwischen. Kein Mensch hat damals eine Maske getragen.»

Später arbeitet Eggen als Hafner beim Ofenbau regelmässig mit Asbest: Ofenrohre seien immer mit Asbest umwickelt worden und Holzwände habe er routinemässig mit Feuerschutzplatten aus Asbest verkleidet. Zugeschnitten hat er diese Platten entweder mit der Fräse vor dem Haus draussen oder mit der Säge neben dem Ofen. «In den achtziger Jahren hat es dann geheissen, Asbest sei gefährlich, es gebe jetzt Glasfaserprodukte als Ersatz.» Gedanken hat er sich keine gemacht, er hatte ja zuvor schon jahrzehntelang mit Asbest gearbeitet und war gesund geblieben dabei.

Bis letzten Herbst. Am 23. März 2012 hat man ihm im Inselspital Bern den rechten Lungenflügel wegoperiert. Danach war er drei Wochen zur Kur im Rehabilitationszentrum Heiligenschwendi (BE). Zurzeit muss er jeden Tag ins Spital Thun zur Bestrahlungstherapie.

Heikle Arbeit

«In meinem Berufsleben bin ich im Niedersimmental und im Diemtigtal wohl fast in jedem zweiten Haus gewesen, um Badezimmer zu plätteln oder Öfen einzubauen», sagt Andreas Eggen. Reklame musste er nie machen. Mitte der sechziger Jahre habe es in den Häusern des Tals noch kaum Badezimmer gegeben. Mund-zu-Mund-Propaganda habe genügt. Und talauf, talab sei er bald nur noch «dr Plättli-Resel» gewesen.

Zwischendurch hat er auch «für die reichen Leute» Cheminées gebaut, hinten in Gstaad (BE). Für die Familie des Milliardärs Aga Khan zum Beispiel. Oder für die Witwe des Künstlers Wassily Kandinsky, für den Mirage-Fabrikanten Marcel Dassault oder für verschiedene Filmgrössen. «Aber das war heikle Arbeit, weil diese Leute oft nicht wussten, was sie wollten.» Es kam vor, dass ein Cheminée, das er exakt nach Plan ausgeführt hatte, herausgerissen wurde, bevor das erste Feuer darin brannte. «Bezahlt hat man mich schon, aber eine gefreute Sache war das nicht.» Lieber habe er vorn im Tal «bei den Bauern» gearbeitet.

Feuerteufel

Und dann erzählt Eggen auf der Bank im Tobel die Geschichte der Weissenburger Thermalquelle. Davon, dass es weiter hinten im engen Seitental eine erste «Kuranstalt» gab. Dass hier vorn eine zweite errichtet wurde, die 1898 vollständig abbrannte. Dass das Thuner Baugeschäft Frutiger als Ersatz ein mächtiges fünfstöckiges Kurhaus mit Speisesaal, Salon, Leseraum und Billardzimmer erbaute. Dass damals hier vom Gärtner bis zum Liftboy auch Leute aus dem Tal ein Auskommen fanden. Dass mit dem Ersten Weltkrieg der Niedergang einsetzte[1], das Hotel nach dem Zweiten Weltkrieg noch bis um 1960 als Ferienlager für Jugendgruppen genutzt wurde. Dass es 1974 von Unbekannten angezündet und die einsturzgefährdete Ruine dann 1989 von der Armee dem Erdboden gleich gemacht wurde. «Seit Mitte der achtziger Jahre auch die Mineralwasserfabrik geschlossen worden ist und kaum jemand mehr weiss, was ‘Weissenburger Citro’ gewesen ist, hat die Quelle ihren Wert verloren.»

«Aber einst ist das hier eine noble Welt gewesen.» Andreas Eggen erzählt von seiner Mutter. Sie war eine Hiesige, die als Kind zu Hause Hunger gelitten hatte. An einem Sonntag musste sie der Königin der Niederlande vor der Kirche Spalier und vorsingen. Ausgerechnet vor seiner Mutter sei die Dame stehen geblieben und habe geseufzt: «Wie kann man in solch guter Luft bloss so blass und zerbrechlich aussehen?»

[1] In den frühen 1920er Jahren stand im Grossen Rat des Kantons Bern eine Motion Hauswirth zur Diskussion, die vorschlug zu prüfen, ob im Bad Weissenburg – als Ergänzung zur Waldau, zu Münsingen und zu Bellelay – eine vierte Irrenanstalt eingerichtet werden könnte. (Max Müller: Erinnerungen. Erlebte Psychiatriegeschichte 1920-1960. Berlin/Heidelberg/New York [Springer] 1982, S. 41) [6.1.2019]

 

[Kasten]

Der Bergsteiger

Andreas Eggen (* 1943) ist in Därstetten (BE) im Simmental aufgewachsen. Ab 1959 absolviert er in Spiez die vierjährige Lehre als Hafner und Plattenleger. Mit 23 macht er sich selbständig und arbeitet häufig mit seinem älteren Bruder zusammen, der als selbständiger Sanitärinstallateur und Heizungsmonteur unterwegs ist. Einen Angestellten hat er nie gehabt, er habe nie Leute herumkommandieren wollen. Lieber habe er alles selber gemacht. Bis die Knie streikten. Mit 55 musste er seinen Beruf aufgeben.

Damals erhält sein Sohn die staatliche Bewilligung, das Stromkraftwerk des ehemaligen Grandhotels Weissenburgbad neu aufzubauen. Eggen arbeitete mit und übernahm danach Kontrolle und Wartung der Anlage. Seit 1999 produziert das Werk jährlich 2 Millionen kWh Ökostrom, der ins öffentliche Netz eingespeist wird.

Gewerkschaften hat Andreas Eggen nie anders als vom Hörensagen gekannt. Er lebt in Därstetten. Der Kampf gegen den Asbest-Krebs braucht seine ganze Kraft. Geraucht hat er nie, und als Bergsteiger hat er seinerzeit in der Schweiz 25 Viertausender bestiegen.

 

Der Abdruck dieses Berufsporträts hatte ein Nachspiel, das ich den Zuständigen auf der Work-Redaktion mit Mail vom 1. Oktober 2012 wie folgt rapportiert habe:

«Liebe S.
Liebe B.

ich habe heute schnell mit Andreas Eggen telefoniert, ob die Belegexemplare der Zeitung eingetroffen seien und ob aus seiner Sicht mit dem Berufsporträt alles in Ordnung sei. Die Belege sind eingetroffen, aber wegen des Textes war er hörbar bedrückt. Grund: Im Kasten ist der Satz: ‘Gewerkschaften hat Andreas Eggen nie anders als vom Hörensagen gekannt’ gestrichen worden.

Über diese Streichung bin ich nicht informiert worden. Wäre ich informiert worden, hätte ich diesen Satz verteidigt, indem ich gesagt hätte, dass Eggen von vornherein nur unter der Bedingung mitgemacht hat, dass er eben kein Gewerkschafter sei; dass dieser Satz deshalb eine Conditio sine qua non dieser Geschichte sei; dass, wenn man diesen Hinweis nicht mache, in der Unia-Zeitung selbstverständlich insinuiert werde, als Baunebengewerbler sei Eggen Unia-Mitglied, und dieser Hinweis sei irrtümlicherweise rausgefallen – und dass ihm diese Insinuation im Simmental schaden könne.

Ich habe mich bei Eggen entschuldigt, selbstverständlich in meinem Namen, nicht in Namen der Zeitung.

Mit Gruss
fredi»

Das Weitere ist schriftlich nicht dokumentiert. In meiner Erinnerung war es so, dass sich die zuständige Redaktorin, die sicher war, den Satz nicht gestrichen zu haben, daraufhin bemüht hat abzuklären, warum er nicht gedruckt worden sei. Ergebnis: Ein nicht zuständiges Redaktionsmitglied veranlasste die Layouterin ohne Rücksprache, den Satz zu streichen, nachdem es den bereits umbrochenen Text am Bildschirm gelesen hatte. Diesem Redaktionsmitglied sei es darum gegangen, eine solch explizite Distanzierung von den Gewerkschaften solle in einer Gewerkschaftszeitung nicht abgedruckt werden. Ich habe telefonisch darum gebeten, dass die Redaktion der Zeitung zu meiner Entlastung Eggen auch noch direkt über den Grund der Streichung des Satzes informiere.

Zwar hatte ich mich längst daran gewöhnt, dass die Work-Redaktion mit meinen Berufsporträts relativ frei umging, dass die Aufmachungselemente meist neu formuliert wurden, dass Passagen vereinfacht, Nebensätze gekürzt und ab und zu ganze Abschnitte ausgetauscht wurden. Dass ich in diesem Fall insistierte, hatte folgenden Grund: Gewöhnlich wurde mir von der Redaktion die zu porträtierende Person vermittelt. In diesem Fall war es anders: Ich hatte Eggen Mitte Juni 2012 zu Beginn einer Wanderung hinauf ins Stockhorngebiet auf dem Areal des ehemaligen Grand Hotels begegnet, war mit ihm ins Gespräch gekommen und hatte der Redaktion daraufhin seine Geschichte als Berufsporträt angeboten. Nachdem ich den Auftrag erhalten hatte, überzeugte ich Eggen davon mitzumachen, obschon der Text in einer Gewerkschaftszeitung erscheinen würde. Er hat mitgemacht, weil er mir vertraut hat. Die Streichung des Satzes war ein Vertrauensbruch, der auf mich zurückfiel.

Ob ein Redaktionsmitglied später noch mit Eggen telefoniert hat, weiss ich nicht. Ich habe in dieser Sache weder von der Redaktion noch von ihm je etwas gehört. Ein knappes Jahr später, im September 2013, teilte mir ein Freund mit, er habe von einem Kollegen eben erfahren, dass in Därstetten Andreas Eggen verstorben sei. (30.3.2018)