Der Grenzüberschreiter

Der Unia-Aktivist Ivan Kolak ist 27 Jahre alt und arbeitet neben allem anderen auch noch zu 100 Prozent in der Carosserie Hess AG in Bellach (SO) beim einzigen Schweizer Hersteller von Trolleybussen. Serine Arbeit beschreibt er so: «Häufig geht es darum, vorgefertigte Halbfabrikate, ein Lenkrad zum Beispiel, an die genauen Dimensionierungen der Hess-Fahrzeuge anzupassen. Meine Werkstatt beliefert vom Rohbau bis zur Endmontage alle Abteilungen des Betriebs.»

Eine spannende Arbeit! «Jein», sagt er, «es tönt spannender, als es ist. Ich arbeite nicht in einem Kleinbetrieb, in dem man jeden Tag für einen anderen Kunden ein Einzelstück anfertigt. Ich arbeite in einem Industriebetrieb. Nach fünf Jahren ist hier das meiste Routine.»

Der Betriebskommissionspräsident

Die rund 300 Mitarbeitenden der Hess AG haben eine Betriebskommission (Beko), und Ivan Kolak ist ihr Präsident. Darum gehören zu seiner Routine nicht nur Halbfabrikate, sondern auch Verhandlungen mit der Geschäftsleitung. Zum Beispiel über Löhne, Mitwirkungsfragen oder, in letzter Zeit häufig, über Konflikte beim «Annahmeverzug». Kolak erklärt: «Annahmeverzug heisst, dass der Arbeitsgeber die Leistung des Arbeitnehmers nicht  annimmt, sondern ihn nach Hause schickt und ihm Minusstunden aufschreibt.» Das sei zwar laut Obligationenrecht verboten, der Arbeitgeber sei verpflichtet, nichtbezogene Arbeit ohne Nachleistung des Arbeitnehmers zu bezahlen, «bloss wissen das 95 Prozent der Arbeitnehmenden nicht. Nicht selten werden solche Minusstunden am Ende des Jahres mit dem 13. Monatslohn verrechnet. Das ist gängige Praxis nicht nur in meiner Branche. Und je kleiner die Betriebe, desto häufiger passiert es.»

Beko-Präsident zu sein sei manchmal schwierig, sagt Kolak. Er wünscht sich, «dass die Kollegen und Kolleginnen an den Betriebsversammlungen ihre demokratischen Rechte vermehrt wahrnehmen und wir zu breit abgestützten und realistischen Forderungen kommen». Sonst seien sie von vornherein nicht durchsetzbar, und die Kommission werde nach der Verhandlung zur Zielscheibe des Belegschaftsfrusts.

Was Kolak immer mehr beschäftigt: «Heute wird der Arbeitsfrieden von Arbeitnehmern und Gewerkschaften fast zu gut eingehalten, und von den Arbeitgebern immer weniger.» Am 19. Juli ist es 75 Jahre, dass die Gewerkschaft Smuv das Friedensabkommen unterzeichnet hat. Für Kolak wäre das ein guter Zeitpunkt, um eine Unia-Wirtschaftskommission zu gründen zur Klärung der Frage, «wie die Arbeiterschaft reagieren soll, wenn ihr trotz Arbeitsfrieden zunehmend auf der Nase herumgetanzt wird».

Schwulenaktivist, Politiker und ein Ziel

Als Gewerkschaftsaktivist hat Kolak auch die Unia-Jugend Biel mitaufgebaut. Er vertritt die IG Jugend im Unia-Zentralvorstand, und er arbeitet in der Kommission Lesben und Schwule des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (LuS) mit: «Ich finde es nicht akzeptabel, dass in Gesetzestexten zwar die Gleichstellung zwischen Mann und Frau festgeschrieben ist, aber die Gleichstellung von verschiedenen sexuellen Ausrichtungen tabuisiert bleibt.»

Zwar gebe es zwischen schwulen und heterosexuellen Männern keine Lohnunterschiede. Aber es gebe andere Diskriminierungen, vom verletzenden Sticheln über das Mobbing bis hin zur Möglichkeit, jemandem wegen seiner Sexualität die Vorgesetztenposition zu verweigern. Kolak: «Weder im GAV noch im Arbeits-, Obligationen- oder Strafrecht gibt es Artikel, auf die man sich stützen könnte, wenn man sich wehren will.»

Ivan Kolak hat früh die Schriften von Karl Marx zu lesen und sich am linken Flügel der SP zu engagieren begonnen: Er hat mitgeholfen, gegen die aus seiner Sicht nach rechts driftende Juso Bern im Seeland die Sektion «Juso/JS Region Bielingue» aufzubauen. Und seit diesem Jahr ist er in Leuzigen (BE) SP-Gemeinderat, zuständig für die Gemeindebetriebe. Er sagt: «Natürlich würde es mich interessieren, später Nationalrat zu werden.»

Aber vielleicht wird Kolak auch etwas anderes: ««Mein berufliches Ziel ist Gewerkschaftssekretär.» Deshalb möchte er die Matur nachholen und Betriebswirtschaft studieren. Wie das für ihn zusammengehöre? «Es geht darum, den Kollegen und Kolleginnen die Denkweise der Arbeitgeber zu vermitteln. Wieso ist es für sie sinnvoll, eine ganze Flotte von Dienstfahrzeugen für die Kaderleute anzuschaffen, aber kein Geld zu haben für eine Anlage zum Absaugen von giftigen Stoffen in den Produktionshallen?» Dass man diese Logik nicht vertiefter diskutiere, sei ein Manko der Gewerkschaften, auch der Unia.

Also mehr Arbeiterbildung? «Genau. Es genügt nicht, nur Mitglieder zu werben. Die eigenen Leute müssen wieder besser geschult sein. So werden wir stärker. Das interessiert mich.»

 

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Ein Berner aus Kroatien

Bis zur vierten Schulklasse lebte Ivan Kolak (* 1984) in der ostkroatischen, damals noch jugoslawischen Kleinstadt Ðakovo. 1995 kommt er mit seiner Mutter als Einzelkind in die Schweiz. Ein Jahr Deutschunterricht in Ðakovo genügt ihm, um in Aarwangen (BE) den Anschluss an die fünfte Klasse zu schaffen (heute spricht er akzentfrei Dialekt).

Zwei Jahre später zieht er nach Leuzigen (BE), wo er seither wohnt. Er macht die vierjährige Schlosser- oder wie man heute sagt: Metallbauerlehre in einem Kleinbetrieb. Nach der Lehre und drei Berufsjahren wechselt er im Mai 2007 in die Carosserie Hess AG in Bellach (SO). Seither hat er berufsbegleitend das Handelsdiplom VSH gemacht.

Ivan Kolak ist Unia-Mitglied und schweizerisch-kroatischer Doppelbürger. Er verdient 4550 Franken brutto im Monat und lebt in Leuzigen mit der Mutter zusammen. Zurzeit spart er für das geplante Betriebswirtschaftsstudium. Sein Hobby: In der letzten Saison hat er mit dem Fünfligisten FC Dotzigen die Fussballmeisterschaft bestritten. Am kommenden 16. Juni wird er am Pride Festival mit den feiernden Lesen-, Schwulen-, Bisexuellen- und Transgender-Gemeinschaft durch Zürich ziehen.