«Gras wächst auch nicht schneller!»

Vor rund 4’000 Berufskolleginnen und -kollegen hat Pia Fankhauser am 19. März 2012 auf dem Bundesplatz in Bern eine Solidaritätsbotschaft der Unia verlesen: «Die Unia fordert die Krankenkassen auf, endlich Hand zu bieten für einen fairen Tarif, der der anspruchsvollen Ausbildung der Physiotherapeutinnen und -therapeuten und ihrer wichtigen Rolle im Gesundheitswesen entspricht und auch den gestiegenen Lebenshaltungskosten Rechnung trägt.»

Mit dem Fahrrad auf Hausbesuch

«Physiotherapie ist auch heute noch mein Traumberuf», sagt Pia Fankhauser im Tiefparterre eines Blocks in Bottmingen (BL). Ihre Praxis heisst «Geriamobil» – ein Kunstwort, das für «Beweglichkeit im Alter» steht. Im Moment ist ihre älteste Patientin 95. Um arbeiten zu können, macht sie mit ihrem Fahrrad oft Hausbesuche, manchmal bis nach Ettingen, hinten im Leimental.

Ziel der Arbeit mit den alten Menschen sei es, sie bei der Erhaltung ihrer Selbständigkeit zu unterstützen: «Sie müssen stehen können, sie müssen gehen können, und wenn sie zum Beispiel kochen wollen, müssen sie die Arme heben und bewegen können.» Weitere Themen seien etwa der Umgang mit Schmerzen im Alltag oder die Verhinderung von Stürzen: Im Alter kann jeder Sturz das Ende der Selbständigkeit bedeuten.

Zudem arbeitet Pia Frankhauser im Rahmen der «Palliative Care» mit Schwerkranken und Sterbenden: oft, aber nicht immer, mit alten Menschen, die unheilbar krank sind. Manchmal gehe es darum, im Bett eine schmerzfreie Lagerung zu finden, manchmal darum, ihnen das Aufsitzen oder Aufstehen zu ermöglichen. Für sie sei das eine schöne Arbeit, aber manchmal auch eine belastende: «Allein im Januar sind drei meiner Patienten gestorben.»

In der Praxis ist Fankhauser drei Tage pro Woche. Daneben ist sie unter anderem Vizepräsidentin des Berufsverbands «physioswiss», ein Zusammenschluss von selbständig Erwerbenden und Angestellten, rund 6200 Physiotherapeutinnen und 2200 Physiotherapeuten. An der Demo in Bern hat sie als Vizepräsidentin des Verbands gesprochen. Und nach Bern ist man gezogen, weil die Krankenkassen die Tarife seit vierzehn Jahren nicht mehr angepasst haben, während die Lebenshaltungskosten in dieser Zeit um rund 17 Prozent gestiegen sind.

Physiotherapie ist unter Druck

Berufspolitisch das dringlichste Problem ist die Tarifstruktur. Pia Fankhauser: «Wie die Hausärzte und Hausärztinnen gehören auch wir laut Krankenversicherungsgesetz zu den Grundversorgern. Und wie bei ihnen ist die Versorgung in den ländlichen Regionen auch in unserem Bereich in Gefahr. Unsere Wegpauschalen für Hausbesuche etwa sind so tief, dass wir uns weite Wege kaum mehr leisten können.» Praxisschliessungen häuften sich: «Fast ohne Ferien Tag für Tag 18, 19 Patienten und Patientinnen behandeln zu müssen, um die Familie durchzubringen, ist zermürbend.»

Aber nicht nur die ambulante Physiotherapie in den Regionen kommt unter Druck, auch jene in den Spitälern: Mit den neuen Fallkostenpauschalen, die die Spitäler pro Diagnose abrechnen, bedeuten Physiotherapien Zusatzkosten, die die Gewinnmarge auf dem Fixbetrag schmälern. Die Folge: Behandlungen werden an ambulante Praxen ausgelagert, frei werdende Physio-Stellen in den Spitälern werden nicht mehr ersetzt.

Was die eingefrorenen Tarife betrifft, sagen Krankenkassenvertreter gerne, statt mehr Geld zu verlangen, solle effizienter gearbeitet werden. «Wer so redet, hat einfach keine Ahnung», sagt Fankhauser. Wenn eine 90jährige Patientin ihre Schuhe anziehe oder ein Parkinson-Patient seinen Satz fertig spreche, dann gebe es nichts anderes als zu warten. Wer bloss das Geld sehe, begreife nicht, dass es natürliche Grenzen gebe: «Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.»

Seit Juli 2011 herrscht zwischen Physioswiss und den Krankenkassen ein vertragsloser Zustand. Die Gespräche am Verhandlungstisch sind blockiert. Darum wünscht sich Pia Fankhauser, dass von gewerkschaftlicher Seite möglichst unüberhörbar festgestellt wird, dass die Gesundheitsberufe eine Branche bilden und jetzt einen Branchen-GAV brauchen. «Wieso kann man in der Baubranche Löhne und Arbeitsbedingungen regeln, aber bei uns nicht?»

Dass auch die Unia die Anliegen ihres Berufsverbands mitträgt, freut das VPOD-Mitglied Fankhauser: «Für mich war die Solidaritätsnote am 19. März ein kleiner historischer Moment. Es hat gutgetan, dass die Unia zu Demonstrierenden, von denen ja nicht wenige selbständigerwerbend sind, sagt: Doch, ihr habt recht, ihr seid mehr wert.»

Übrigens: Am 1. Mai ist Pia Fankhauser in Liestal, weil dort Jacqueline Fehr spricht: «Sie will ich hören.»

 

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Die Politikerin

Pia Fankhauser (* 1963) ist in Binningen (BL) aufgewachsen. Handelsmittelschule in Münchenstein, danach Sekretärin. Matur auf dem zweiten Bildungsweg und Studium von Medizin und Biologie. Nach sechs Semestern Wechsel in die dreijährige Physiotherapieausbildung. Als Physiotherapeutin hat sie zwölf Jahre lang eine Praxis im Alters- und Pflegeheim Langmatten in Binningen geführt. Seit fünf Jahren hat sie nun ihre Praxis in Bottmingen.

Sie ist Vizepräsidentin des Berufsverbands physioswiss und Geschäftsführerin einer sportmedizinischen Praxis in Zürich. Als Gemeindepolitikerin war sie in Binningen schon mit 23 aktiv. Seit 2006 ist sie SP-Landrätin im Kantonsparlament Baselland und in dieser Funktion Mitglied der Volkswirtschafts- und Gesundheitskommission. 2011 hat sie die Wahl in den Regierungsrat nur knapp verpasst.

Pia Fankhauser ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und lebt in Oberwil. Als Hobby nennt sie eine alte Mühle im Fricktal, an deren Renovation sie arbeitet, wann immer sie Zeit hat. Und als einst aktive Fussballerin spielt sie im FC Landrat mit.