«Ich nehme immer ernst, was ich höre»

Am Mittwoch, 7. Dezember, fünf Minuten nach Mitternacht, ist Barbara Bürer auf Sendung. Das Thema heute: «Suizid – ein langer Schatten». Hinterbliebene, die jemanden durch Selbstmord verloren haben, werden über Telefon zugeschaltet und erzählen. Die Sendung heisst «Nachwach», das Fernsehen (SF 1) und das Radio (DRS 3) übertragen live. Die Moderatorin begrüsst, blickt kurz auf den Monitor vor ihr, öffnet per Knopfdruck die Telefonleitung und sagt: «Sali, Dora. Ich platze einfach herein… Wen hast du durch Suizid verloren?»

Dora beginnt zu erzählen. Barbara Bürer fragt nach, bestätigt, unterstützt. Es entsteht ein Gespräch, als sässen Dora und Barbara als Kolleginnen am Beizentisch. Später in der Sendung erzählen andere Hinterbliebene. Keine Geschichte, die nicht berührend und belastend wäre. Auf dem Fernsehschirm fünfzig Minuten lang das Gesicht der Moderatorin in Grossaufnahme. Zu sehen wäre jede Unkontrolliertheit. Eine harte Arbeit.

Der lange Arbeitstag vor der Sendung

Der Countdown für die Sendung beginnt jeweils am Sonntag, zuhause vor dem PC: Barbara Bürer schreibt ihre Vorschau zum Thema der nächste Sendung. Am Montag liest sie sich ein, gestern zum Beispiel mit Fachliteratur über Suizid und Suizidprävention. Am Dienstagvormittag schreibt sie zu Hause den Fernseh-«Trailer» für die Sendung und mehrere Moderationstexte.

Am späten Nachmittag trifft sie auf dem Fernsehgelände in Zürich Leutschenbach ein und beginnt, Briefe und Mails zu beantworten. Dann um 18 Uhr die Redaktionssitzung: Zusammen mit der Produzentin der «Nachtwach» und dem Team, das hinter den Kulissen Telefondienst und die psychologische Betreuung gewährleistet, diskutiert sie das Thema der nächsten Sendung: «Das darf doch nicht wahr sein»? «Ich bin das schwarze Schaf»? «Die Liebe meines Lebens»? Schliesslich ist man sich einig: Am 14. Dezember wird «Der Wendepunkt in meinem Leben» das Thema sein.

Nach einem kurzen Imbiss in der Kantine ist Bürer um 19.50 Uhr bei DRS 3 live auf Sendung mit einem dreiminütigen Hinweis auf die «Nachwach» um fünf nach zwölf. Sie lädt das Publikum ein, sich zu melden und zu erzählen. «Manchmal finden wir so Personen, die dann in der Sendung mitmachen.» 20.45 Uhr: Detailplanungssitzung. Dann der Termin bei der Maskenbildnerin. Danach trifft sich Bürer mit der psychologischen Beraterin, die während der Sendung für sofortige Unterstützung auf Pikett stehen wird für Anrufende, die sich in erkennbarer Not befinden. «Wir besprechen jeweils Risiken und Eventualitäten des aktuellen Themas: Welche Fragen könnten heikel sein? Was ist, wenn…?»

Ab 23 Uhr ist Barbara Bürer im Studio 13, die «Nachwach»-Kulissen stehen etwas verloren in einer Ecke des grossen fensterlosen Raums. Test der Telefonanlagen, des Lichts und der Kameras, Probe der Anfangsmoderation und zwischenhinein noch einmal ein Live-Hinweis für DRS 3. Dann ist Mitternacht, SF 1 sendet den letzten Werbeblock des Tages. Und dann geht’s los.

Zuhörerin, nicht Therapeutin

Barbara Bürer: «Ich will nie wissen, was die Leute, die mir zugeschaltet werden, laut Vorgespräch zu erzählen haben.». Wenn sie nichts wisse, so ihre Erfahrung, seien ihre Fragen am besten. «Wichtig ist, dass ich in jedem Moment ernst nehme, was sie höre.» Einzig, wenn über Dritte abschätzig gesprochen wird, sage sie manchmal: «Da müsste ich jetzt auch die andere Seite hören.» Die Nachtwächterin ist Zuhörerin, nicht Ratgeberin oder gar Therapeutin.

Weil DRS 3 um punkt 1 Uhr Nachrichten sendet, muss Barbara Bürer ihren letzten Satz idealerweise etwa fünf Sekunden zuvor zu Ende gesprochen haben. Danach trifft sie sich – «aufgekratzt und verschwitzt», wie sie sagt – mit dem Team zur Nachbesprechung: «Wie ist es hinter den Kulissen gelaufen, was ging über den Sender? Was hätte man besser machen können?» Etwa um zwei Uhr bestellt sie sich ein Taxi. Gegen viertel vor drei Uhr ist sie normalerweise zuhause. «Dann gehe ich zu Bett. Manchmal kann ich dann schlafen. Und manchmal nicht.» Am Mittwoch beginnt sie über das Thema der nächsten Sendung nachzudenken.

Oft ist Barbara Bürer mit dem Zug unterwegs. Es komme vor, erzählt sie, dass sie plötzlich merke, wie eine fremde Person sie fixiere. Dann gehe ihr jeweils durch den Kopf, dass das jemand sein könnte, mit dem sie einmal in der Sendung gesprochen habe. Alle kennen ihr Gesicht. Sie selber hat den Kopf voller Geschichten, aber kein einziges Gesicht dazu. «Das ist manchmal schon irritierend.»

 

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Die Nachtwächterin

Barbara Bürer (* 1955) wächst in Rapperswil (SG) auf. Statt das Gymnasium zu machen, was sie eigentlich möchte, wird sie auf dem Sekretariat einer Zeitungsredaktion kaufmännische Angestellte. Ab 1974 arbeitet sie beim Schweizer Fernsehen als Sekretärin der Unterhaltungsabteilung und sucht den Einstieg in den Journalismus. Die Chance bietet sich 1978 mit einem Volontariat im Pressebüro Cortesi in Biel.

Seither hat sie Karriere gemacht als Journalistin für Zeitungen, Radio und Fernsehen. Sie war einer der ersten weiblichen Sportjournalisten der Deutschschweiz, insbesondere als Eishockeyreporterin. Sie schrieb für «Tages-Anzeiger», «Sonntagszeitung», das «Tagi-Magazin». Drei Jahre arbeitete sie von Hamburg und Berlin aus für die «Zeit». Sie war Redaktorin von Radio DRS 1 und DRS 3 und stand verschiedentlich im Dienst des Schweizer Fernsehens. Seit Februar 2007 moderiert sie nun für SF 1 und DRS 3 die Sendung «Nachwach».

Barbara Bürer ist Mitglied der Gewerkschaft Syndicom. Als «Nachtwächterin» verdient sie 5300 Franken netto im Monat. Sie lebt unterdessen wieder in Rapperswil, betreibt Sport, liebt Kino, Theater und Bücher und ist gern mit ihrem viereinhalbjährigen Gottenbub unterwegs.