«Wenn ihr mich belügt, betrügt ihr euch selbst»

Thomas Zimmerli ist kein Polizist. Er gehte wie er sagt, «als Diplomat» auf die Baustellen: «Seit Anfang dieses Jahres beobachte ich eine Zunahme von ausländischen Arbeitern, insbesondere von Entsandten aus Deutschland.» Und nicht alle arbeiten sie zu Bedingungen, die den Gesamtarbeitsverträgen entsprechen. Deshalb werden Baustellenkontrollen immer noch wichtiger: zum Schutz vor Lohndruck und im Interesse fairer Arbeitsbedingungen.

Die Kunst, ins Gespräch zu kommen

Thomas Zimmerli arbeitet im Auftrag der Paritätischen Landeskommission (PLK). Zuständig ist er für das Baunebengewerbe im ganzen Kanton Aargau. Am Morgen ist er spätestens um halb acht in seinem Büro in Aarau, zieht die schweren Sicherheitsschuhe an und nimmt seinen weissen Helm: «Ich bin jeden Tag draussen.» Als Arbeitsmaterial hat er in der schwarzen Aktenmappe Gesamtarbeitsverträge, Lohnskalen, Kontrollformulare, Merkblätter und Schreibzeug dabei.

Welche Baustellen er besucht, entscheidet er selber, kurzfristig und flexibel. Manchmal rennt er an, weil jene Leute nicht auf der Baustelle sind, die er sucht, oder weil sie eben mit einem Arbeitsgang beschäftigt sind, der sinnvollerweise nicht unterbrochen werden kann.

Aber nicht selten will man ihn abwimmeln, wenn er unangemeldet auftaucht und sich als Kontrolleur ausweist: die Bauleitung auf grossen Baustellen behauptet, nicht zu wissen, welche Firma hier das Elektrische mache. Architekten wollen den Kontrolleur vom Areal wegweisen. Bauherren drohen mit einer Beschwerde gegen die Kontrolle. Poliere behaupten, man habe unmöglich Zeit. Arbeiter beteuern, hier sei alles bestens, er solle ein Haus weiter. Manchmal wird es ungemütlich. Zwar habe er noch nie Polizeischutz gebraucht, sagt er, «aber man hat mir auch schon in granatenmässigem Ton gesagt, ich solle gescheiter etwas Richtiges arbeiten, statt dumm herumzureden».

Früher oder später sind jeweils einige Arbeiter und Arbeiterinnen bereit, Auskunft zu geben. Vorgesetzte, die in KMU-Betrieben oft auch Firmeninhaber sind, dürfen mithören: «Aber Auskunft will ich von seinen Angestellten.»

Die Kunst, das Nötige zu erfahren

Zimmerli arbeitet mit dem Formular, das den Titel «Baustellenkontrolle» trägt. Als erstes kreuzt er jeweils an, welcher Gesamtarbeitsvertrag im konkreten Fall gilt: jener der Gebäudetechniker, der Elektriker, der Metallbauer, der Dachdecker, der Maler und Gipser, der Plattenleger, des Isoliergewerbes oder der Reinigungsbranche – «Baureinigung», präzisiert er. Pro Jahr füllt er das Formular gegen 350 Mal aus, manchmal mehrmals pro Tag.

Dann nimmt er die Personalien auf, Namen und Anstellungsverhältnisse der Anwesenden, dazu die Koordinaten des Arbeitgebers. Manchmal muss er erklären: Temporäre und Unterakkordanten sind im GAV eingeschlossen. Von Ausländern verlangt er den Ausweis: «Ist jemand schwarz in der Schweiz, darf er nicht arbeiten.» Trifft er Entsandte an, wirft er auch in ihre Papiere einen Blick. Allerdings beschäftigt der Kanton Aargau für deren Kontrolle über alle Branchen hinweg einen eigenen Kontrolleur.

Die Liste der Kontrollfragen, die er danach durchgeht, betreffen zum einen den Gesamtarbeitsvertrag, zum anderen Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz. Beim GAV geht es um die Einhaltung der Arbeitszeit, um Mindestlöhne nach Berufsgattung, Ausbildungsgang und Dienstjahren, um den 13. Monatslohn, um Überstunden, Zuschläge und Spesenentschädigungen.

Manchmal merkt Zimmerli aus widersprüchlichen Angaben, dass die Arbeiter mogeln. «Dann sage ich jeweils: Wenn ihr euren Chef schützen wollt, indem ihr mich belügt, dann seid ihr die Beschissenen, weil ihr nicht kriegt, wozu ihr das Recht habt.» Auf die meisten Unregelmässigkeiten stösst er bei der Arbeitszeit, den Mindestlöhnen und den Spesen, insbesondere der Mittagsentschädigung.

Schliesslich fragt er immer auch nach Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz auf der Baustelle. «Hier habe ich zwar kein Weisungsrecht, aber ich informiere die Leute darüber, was nötig und wichtig und was ihr Recht ist.»

Allfällige Missstände notiert Zimmerli. Der Arbeitgeber wird später von der PLK zur Stellungnahme aufgefordert. Gelingt ihm der Nachweis nicht, dass alles mit rechten Dingen zugeht, wird in seiner Firma eine Lohnbuchkontrolle durchgeführt.

Zimmerli ist nicht nur Baustellenkontrolleur, sondern auch Gewerkschafter. Darum betont er immer, wie wichtig es sei, sich zu organisieren: «Nicht, weil ich einen Chef schlechtmachen will. Aber es gibt einfach unterschiedliche Interessen. Und Arbeiter nehmen die ihren besser gemeinsam wahr als allein.»

 

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Der Posaunist

Aufgewachsen ist Thomas Zimmerli (* 1951) in Zofingen. Er lernt Mechaniker und wird Monteur. Danach folgen Weiterbildungen in den Bereichen Sozialversicherungen, Pensionskassen, Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz, dazu ein Sprachdiplom an der École supérieure de commerce in Neuchâtel. Zwei Jahre lang arbeitet er in Vitznau als Sekretär im Hotel der Gewerkschaft Smuv.

Auf den 1. Juli 1976 tritt er ins Aarauer Büro des Smuv ein. Seine Arbeitsfelder: Rechtsberatung, Jugendarbeit, Arbeit mit den Gewerkschaftssenioren, Arbeitslosenversicherung, Leiter der Smuv-Kranken- und Unfallversicherung und mehrerer paritätischer Kommissionen. Seit 2005 macht er als Bausekretär der Unia Baustellenkontrollen im Kanton Aargau.

Zimmerli steht auf der Lohnliste der Unia, eingereiht unter dem gewerkschaftlichen Kader. Er ist verheiratet, hat zwei erwachsene Söhne und lebt in Aarau. Er spielt in einem Musikverein Zugposaune, ist aktives SP-Mitglied, engagiert sich für Wohnbaugenossenschaften und betreibt Sport: Velo fahren, schwimmen und wandern.