«Immer mit einem Bein im Gefängnis»

 Winterthur-Töss: Im Eichliackerquartier werden die alten Abwasserleitungen unter den Strassen ausgewechselt. Im nebligen Mittag liegt die Rosenaustrasse ohne Teer, überstellt mit Fahrzeugen, Baumaterial und Schutthügeln. Die rechtwinklig weggehende Kernstrasse ist von einem tiefen Graben halbiert, ein 20-Tonnen-Pneubagger öffnet eben den Abwasserkanal, der in der Häuserzeile zu einer Liegenschaft abzweigt. Schaufel um Schaufel holt der Baggerfahrer Rafael Torrealba lehmgelbe Erde aus dem viereinhalb Meter tiefen Graben und leert sie in einen Muldenkipper.

Ein richtiger Baggerfahrer

Kurz darauf ist Mittagspause. Im geheizten Polierzimmerchen der Baracke ist der einzige Stuhl für den Journalisten, Torrealba bleibt stehen und beginnt zu erzählen. Zwar arbeite er gerne im Strassenbau, sagt er, aber er werde immer mehr zum Spezialisten für Tiefbau: «Für alles unedure.»

Der Bagger ist Torrealbas Leidenschaft. Als achtjähriger Knirps hat ihn sein Vater zum ersten Mal auf eine Baustelle mitgenommen und ihm die Riesenmaschinen erklärt. Der Vater war damals Polier bei der Büttner Bau AG in Winterthur. Unterdessen ist Rafael Torrealba selber Polier und bei der gleichen Firma angestellt. Er arbeitet seit 31 Jahren auf Baggern und sagt: «Wer nichts anderes macht als Aushub, ist kein Baggerfahrer. Ein richtiger Baggerfahrer kann mit der Maschine fast alles und entlastet so die Kollegen.»

Als Polier arbeitet Torrealba mit einer Gruppe von vier Bauarbeitern. Ein eingeschworenes Team. «Gute Zusammenarbeit ist nötig, denn der Tiefbau ist gefährlich», sagt er. Die Gräben, in denen seine Kollegen arbeiten, sind bis zu sieben, acht Meter tief. Beidseitig werden dabei die Kanalwände mit Doppelgleitschienen gesichert und mit quergespannten Spriessen fixiert. Der Polier ist verantwortlich, dass die im Kanal arbeitenden Leute nicht verschüttet werden. «Wer im Tiefbau Polier ist, steht mit einem Bein im Gefängnis», sagt er.

Wenn es um die Sicherheit geht, gibt es für ihn deshalb keine Halbheiten. Dabei geht es nicht nur um den obligatorischen Helm auf der Baustelle oder das absolute Bierverbot beim Mittagessen. Bevor er zu arbeiten beginnt, muss er sicher sein, dass im Boden keine uralten Leitungen in Betrieb sind: «Wenn eine alte Wasserleitung bricht, kann der Graben so schnell einstürzen, dass es für die Kollegen unten zu spät ist», sagt er. «Und alte Starkstromkabel können durch Beschädigungen lebensgefährliche Stromschläge erzeugen.»

Trotz aller Vorsichtsmassnahmen gab es auch in seiner Gruppe schon einen schwereren Unfall: «Es war an einem Wintertag. Ich hebe mit der Baggerschaufel eine konische Betonröhre hoch, der Kollege geht darum herum und putzt den Abschlussring. Vermutlich, weil die Baggerklammer wegen des Eises nicht richtig gegriffen hat, rutscht die Röhre weg und schleudert den Kollegen in einen zwei Meter tiefen Schacht. Dabei hat er sich mehrere Rippen gebrochen.»

Zufriedenheit macht gute Leistung

Die Büttner Bau AG in Winterthur ist nicht Durchschnitt. Und Torrealba kann es begründen: Sämtliche Angestellten sind automatisch Unia-Mitglieder, der Gewerkschaftsbeitrag wird von der Firma gleich vom Lohn abgezogen und überwiesen. Die gut fünfzigköpfige Belegschaft besteht ausschliesslich aus Festangestellten. Die Probleme mit Temporären, Unterakkordanten und mit dem Lohndumping durch ausländische Billigarbeiter kennt er als Gewerkschafter, aber: «Bei uns gibt es solche Sachen nicht.»

Im Sommer arbeite man hier neuneinviertel Stunden, im Winter sieben. «Für mich ist das in Ordnung, gutes Licht bei der Arbeit ist wichtig.» Im Sommer, wenn es in der Baggerkabine neben der Hydraulikmaschine fünfzig und mehr Grad wird, ist sein Rezept: «Viel trinken!» Und im schlimmsten Fall hört man im Hochsommer am Mittag zu arbeiten auf. Setzt Regen ein, wird in den Baracken gejasst. Kann voraussichtlich nicht mehr gearbeitet werden, geht man nach Hause. Die Stunden werden aufgeschrieben. Kompensiert wird nicht. Rafael Torrealbas Chef kann sich darauf verlassen: «Unsere Leistung stimmt, auch wenn wir einmal eine halbe Stunde früher Feierabend machen.» Gibt es umgekehrt Überzeiten, werden sie am Ende jedes Monats ausbezahlt.

«Unser Chef, Herr Büttner, ist wie ein Familienvater», sagt Torrealba. Er kenne jeden Angestellten persönlich und helfe, wenn jemand Probleme habe. Allerdings sei Büttner 73, denke ans Aufhören, und bisher sei weder ein neuer Geschäfts- noch ein neuer Bauführer gefunden worden. Das macht ihm Sorgen: «Diese Firma ist ein Teil meines Lebens: Solange es ihr gut geht, läuft es auch für mich gut.»

Ein Uhr vorbei. Rafael Torrealba geht zurück in die Kernstrasse, schwingt sich in den Bagger und startet den Motor.

 

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Der Passfahrer

Rafael Torrealba (*1965) wächst mit einer älteren Schwester bei seinen Grosseltern im nordspanischen Städtchen Cangas del Narcea auf. Seine beiden Eltern arbeiten ab 1968 als Saisonniers in der Schweiz. 1981 zieht er zu ihnen nach Winterthur und beginnt beim Arbeitgeber seines Vaters, der Büttner Bau AG, als Handlanger. 1987 wird er Vorarbeiter, 1992 Polier im Strassen- und Tiefbau. Heute arbeitet er mit seinem Team auf und unter den Strassen rund um Winterthur.

Torrealba ist Unia-Mitglied und hat sich im Vorstand der GBI Zürich und ein Jahr lang als Präsident der Unia Winterthur engagiert. Mit seinem Lohn ist er zufrieden, möchte ihn aber nicht nennen. Er lebt in Weisslingen (ZH), ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Er ist spanisch-schweizerischer Doppelbürger und sagt: «Ich gehe nicht zurück, ich fühle mich hier zuhause» – im Gegensatz zu seinen Eltern, die nach der Pensionierung vor vier Jahren nach Spanien zurückgekehrt sind. Das Hobby des Ehepaars Torrealba ist Töfffahren: «Wir kennen alle unsere Pässe.»