«Ich wollte der Mund der Unmündigen sein»

Ein Block im Berner Weissenbühlauartier. Die Räume der «Berner Schuldenberatung» liegen im ersten Stock. Geschäftsleiter Mario Roncoroni öffnet die Tür. In seinem Büro beginnt er zu erzählen, er sei über das Jusstudium zur Schuldenberatung gekommen. Eine pathetische Zeit sei das gewesen, erinnert er und lächelt: «Ich wollte Stimme der Stummen, Mund der Unmündigen und Anwalt der Entrechteten werden.» Schnell gemerkt habe er dann allerdings, dass nicht das Strafrecht, sondern das Konsumentenrecht sein Ding sei: «Gelingt es, Leuten zu helfen, die durch Konsum auf Pump in Schwierigkeiten geraten sind, so kann man ihnen neue Türen öffnen.»

Vorsicht beim Leasing!

«Nehmen wir an, ein Klient hat ein Auto geleast», sagt Roncoroni. «Aus irgendeinem Grund kann er die Raten nicht mehr bezahlen und muss das Auto der Leasinggesellschaft zurückgeben. In solchen Fällen passiert es oft, dass wegen der vorzeitigen Vertragskündigung eine gigantische Schlussrechnung gestellt wird.»

In dieser Situation ist der Jurist gefragt, der das Kleingedruckte im Vertrag zu lesen versteht. Oft versteckt sich in der «Restwerttabelle» eine rechtlich unzulässige Konventionalstrafe. Oder in den geltend gemachten Instandstellungskosten ein überrissener Gewinn des Garagisten. Oder in den verrechneten Mehrkilometern ein überhöhter Ansatz. Manchmal gelingt es Roncorni auch nachzuweisen, dass die «Kreditfähigkeitsprüfung», zu der die Leasinggesellschaft vor Vertragsabschluss verpflichtet ist, schludrig durchgeführt wurde: «Kann ich Fehler nachweisen, verliert die Gesellschaft Zinsen und Kosten. Geht es um grobe Fehler, verliert sie den ganzen Kreditbetrag.»

Seinen Klienten und Klientinnen empfiehlt er: Wenn schon etwas auf Pump angeschafft werden soll, dann lieber mit einem Kredit kaufen als leasen. Grund: «Wenn du dann in die Flöhe kommst, kannst du das Auto verkaufen und mit dem Geld zumindest einen Teil des Kredits zurückzahlen. Die finanzielle Belastung wird so kleiner und nicht – wie beim Leasing – durch die Schlussabrechnung grösser.»

Hat sich Roncoroni in einem konkreten Fall ein juristisches Bild gemacht, greift er gewöhnlich zum Telefon. «Häufig komme ich im Gespräch zu einer akzeptablen Lösung. Wenn ich aufzeige, dass der Schuldner zum Beispiel arbeitslos oder krank geworden ist, dann ist auch dem Gegenüber klar: Sogar wenn der Prozess zu gewinnen wäre – Geld sähe er deswegen trotzdem keines. Diese Situation erleichtert es oft, zu einem Kompromiss zu kommen.»

Doch Roncoroni juristische Arbeit ist in der Berner Schuldenberatung nur ein Element: «Klar hilft es, wenn ich 10’000 oder 20’000 Franken Schulden wegputzen kann. Aber im Durchschnitt pro Dossier waren 2010 knapp 80000 Franken geschuldet. Damit man da durch Beratung zu tragfähigen Lösungen kommt, braucht es mehr und anderes.»

Von der Sanierung zur Beratung

Das Team der Beratungsstelle besteht neben Roncoroni und zwei administrativen Mitarbeiterinnen aus vier Sozialarbeitern, sechs Sozialarbeiterinnen und einer Sozialpädagogin. Während er als Geschäftsleiter etwa mit Kanton und Stadt neue Leistungsverträge aushandelt oder Rechenschaftsberichte schreibt, arbeitet das Team permanent in der Beratung. Im Jahr 2010 hat man 1079 Vorabklärungen durchgeführt (2009: 741) und 557 Beratungsdossiers neu eröffnet (2009: 368). Tendenz steigend.

Am Anfang jeder Beratung steht die Erarbeitung eines Budgets. Dabei werde man schnell mit der Realität der heutigen Arbeitswelt konfrontiert, sagt Roncoroni: «Wir beobachten zweierlei: Zum einen nimmt die Kaufkraft der Löhne ab, vor allem wegen den steigenden Krankenkassenprämien. Zum anderen bestehen die Einkommen immer häufiger aus kleinen, vertraglich ungesicherten Pensen oder Arbeit auf Abruf an Kassen, im Gastgewerbe oder im Reinigungsdienst.» Je wackeliger das Einkommen, desto schwieriger wird es, ein Budget mit einem Freibetrag zur Schuldensanierung aufzustellen.

Roncoroni: «Deshalb haben wir 2009 unseren Verein von ‘Schuldensanierung’ in ‘Schuldenberatung’ umgetauft. Eine Sanierung ist heute die Ausnahme.» Immer öfter gehe es darum, den Klienten und Klientinnen zu zeigen, dass man auch mit Schulden besser oder schlechter leben könne. «Die Entwicklung geht deshalb Richtung Budgetcoachs, die den Leuten helfen, ihre Schulden vernünftig zu verwalten.»

Mario Roncoroni betont, dass es keine gesetzliche Pflicht zur Schuldenberatung gebe: «Die Leute kommen freiwillig hierher, wir beraten sie. Und sie entscheiden dann, was gemacht wird und was nicht.» Dabei komme es zwar vor – aber es sei bei weitem nicht die Regel – dass man sich um seine Verpflichtungen zu foutieren suche. «Wir erleben hier aber auch täglich, wie Leute darunter leiden, dass sie ihre Schulden nicht zurückzahlen können.»

 

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Kassenwart und Torwart

Geboren ist Mario Roncoroni 1954 in Genf, aufgewachsen ist er bis 12 in Bern. Ab 1966 lebt er im Internat des katholischen Pallottiner-Ordens in Gossau (SG). 1970 tritt aus und macht am Gymnasium in Köniz die Matura.

Bis 25 jobbt er und engagiert sich als politischer Aktivist. Ab 1979 Anwaltsstudium an der Universität Bern. 1986 ein Jahr lang Gerichtsberichterstatter für die «Berner Zeitung», dann vier Jahre Assistent des Staatsrechtsprofessors Peter Saladin. In dieser Zeit erste juristische Mandate für den Verein Schuldensanierung. Ab 1990 dort eine 30-Prozent-Anstellung. Heute ist er der Geschäftsleiter des Vereins.

Roncoroni ist VPOD-Mitglied. Er verdient pro Jahr ungefähr 100000 Franken netto. Er lebt in Bern, ist verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter. Seine Hobbies: Velofahren und Fussballspielen.