Zugreifen. Zugreifen? Zugreifen!

In dieser Halle auf dem Lenzburger Zeughausareal führt nur ein Weg vorwärts. Als wäre man eine Flasche in der Abfüllanlage: Man wird etikettiert, gefüllt, zugeschraubt, ausgespuckt – gelenkt von einem dichten Netz von Gebots- und Verbotstafeln: «Taschen bitte abgeben», «Dieser Raum ist videoüberwacht», «Kein Eingang». Die Ausstellung betritt man durch einen schmalen, labyrinthischen Gang, der begrenzt ist von zweieinhalb Meter hohen Mauern. Immer wieder kippt der Weg rechtwinklig weg, immer wieder geht man auf Mauern zu, die beschriftet sind: «Wer eine Sechs würfelt, darf beginnen», «Man spricht nicht mit vollem Mund», «Du sollst nicht töten.» Unausweichlich steht man so vor den Bausteinen, die das Chaos, das die Welt ist, von der Gesellschaft trennen, in der man sich geborgen wähnt: «Der Kontroll- und Überwachungsapparatur in der Gesellschaft entspricht die Kontrollapparatur, die sich im Seelenhaushalt des Individuums herausbildet» (Norbert Elias). Zivilisiert bin ich genau insofern, als ich gelernt habe, das, was mich einmauert, als notwendigen Schutz zu interpretieren.

«Die gestalterische Sprache der Inszenierung ist so direkt, so roh und nackt, wie es der Titel ‘strafen’ ist», sagt der Ausstellungsmacher Beat Hächler. Und tatsächlich: Hier gibt es weder Schnörkel noch Firlefanz. Die Aufbauten bestehen aus rohem Holz, aus gebürsteten Stahlrahmen, aus unverputzten Porenbetonsteinen, man geht über Kies, neben Glasscherbenflächen, an Gittern voller Eisenspäne entlang oder auf einer Rampe, die an dicht gespannten Drähten hängt.

Nichts als Bleistift und Papier

«Blickt man oben vom Schloss Lenzburg aus Richtung Süden», erzählt Hächler, «sieht man im Hintergrund die Alpen mit dem Titlis und unten dran die Strafanstalt Lenzburg, den mächtigen Zentralbau, die fünf sternförmigen Zellentrakte, die dicke Mauer drum herum: gefängnis-rchitektonisch europaweit eine der imposantesten Bauten.» Es sei immer klar gewesen, dass diese Institution auch einmal Thema für das Stapferhaus werden könnte. Nach Ausstellungen über «Die Welt der Anne Frank» (1994), über die Jugendszenen der Schweiz seit den dreissiger Jahren («a walk on the wild side», 1997), über Sterben und Tod («Last minute», 1999/2000) und über die Emotionen beim Autofahren («Autolust», 2002) war es nun soweit.

Lassen sich andere Ausstellungsmacher von der Sammlung ihrer Museen inspirieren, so hat man in Lenzburg zu Beginn einer Ausstellungsplanung nichts als Bleistift und Papier. «Unser Kapital sind nicht Objekte, sondern unsere Recherchen», sagt Hächler. In Gefängniszellen und an Universitäten, in der Welt des öffentlichen und in jener des privaten Strafens, im Bereich des Strafrechts so gut wie in den Bereichen der Gefängnisseelsorge, der Pädagogik, der Ethnologie und der Soziologie begann das Ausstellungsteam (neben Hächler Sibylle Lichtensteiger und Nathalie Unternährer) nach Elementen und Deutungen der herrschenden Strafkultur zu suchen.

Schliesslich sass das Team vor zwei Laufmetern Materialien aller Art. Nun wurde geordnet, gewichtet und reduziert, bis man als zentrales Ordnungsprinzip das Wechselspiel zwischen Regel, Regelbruch und Strafe fand. Hächler: «Was sind eigentlich Regeln? Was ist ein Regelbruch? Wie bestrafen wir Regelbrüche und wieso? Und wie wird die Bestrafung erlebt? Auf diesen simplen Fragen haben wir die Ausstellung schliesslich aufgebaut.»

Sind Sie der Rächertyp?

Hinter dem gemauerten Labyrinth öffnet sich ein Wartsaal mit niedrigen Betonbänken. Man steht vor einem verschlossenen Raum, dessen Tür sich nur alle fünf Minuten öffnet und dessen Aussenmauer mit mehreren hundert vergrösserten Passfotografien tapeziert ist. Alte, junge, männliche, weibliche, hellhäutige und einige dunkle Physiognomien: Die Gesellschaft konkretisiert sich als Landschaft aus Gesichtern, die von verübten und erlittenen Taten sprechen. Ihren Blicken auszuweichen ist nicht möglich. Zwar öffnet sich links der Raum zu anderen Teilen der Ausstellung, aber die Passage ist vergittert, und sowieso der «Durchgang verboten».

Dann öffnet sich die Tür zu einem langen, kargen Raum. Drin hört man über Lautsprecher kurze Sequenzen aus Interviews mit Leuten, die Täter geworden sind. Einer arbeitete als Dealer, einer fuhr ohne Ausweis Auto, einer hat den Liebhaber seiner Frau getötet und sagt: «Das, was ich gemacht habe, gehört nicht zu meinem Charakter.»

Im nächsten Raum betritt man die Welt des Strafens. Geordnet nach «Straftyp», «Strafzweck» und «Strafmethode» wird man multimedial konfrontiert mit Todesstrafe, Freiheitsstrafe, Körperstrafe, Vermögensstrafe, der psychischen Strafe des Prangers, dem Entzug von Rechten und der Strafarbeit. Gleichzeitig kann man in diesem Raum einen computergestützten Test absolvieren, als dessen Ergebnis man erfährt, welcher Straftyp man selber am ehesten ist. Von den knapp 2400 AusstellungsbesucherInnen, die bisher mitgemacht haben, waren 46 Prozent Erziehertypen, 28 Prozent Wiedergutmachertypen, 17 Prozent Rächertypen und 9 Prozent Abschreckertypen.

Unterdessen steht man unterm Dach der Halle und betritt den Scherbenweg der Täterbiografien, der gepflastert ist von aktenkundigen Erkenntnissen der Gerichte. Jetzt begegnet man in Videofilmen erneut dem Dealer, dem Fahrer ohne Ausweis und dem Mörder aus Eifersucht – dazu einer brasilianischen Drogenschmugglerin, die ihrer Mutter eine Augenoperation ermöglichen wollte und einem Sechzehnjährigen, der einen Passanten niederstach, um ihn ausrauben zu können. Alle haben jetzt ihren Namen, ihr Gesicht und ihre Stimme. Es sind Menschen wie du und ich.

Die andere Hälfte der Ausstellung

Nachdem das Ausstellungsteam aus dem Materialberg die zentralen Fragen herausdestilliert hatte, begann es in der Rohkonzeptphase für den zum Teil sehr abstrakten Stoff Raumbilder auszuprobieren: «Strafen» als Gang durch ein Gefängnis mit Eingangsschleuse, Speisesaal und Zellentrakt? «Strafen» als binäre Welt zwischen gut und böse, schwarz und weiss, Regel und Regelbruch? Den Begriff «Strafen» entfaltet aus lauter Täter- und Opferbiografien? Schliesslich hat man sich für die Fliessbandwelt der Flaschenabfüllanlage entschieden, durch die das Publikum geschleust und wieder ausgespien werden sollte und für die der Luzerner Gestalter Philipp Clemenz nun die Szenografie entwickelt hat.

Parallel zum eigentlichen Bau der Ausstellung wurden dann zwei weitere Projekte in Angriff genommen. Zum einen entstand das Begleitbuch «zur Strafkultur der Gegenwart», das unter den vier Oberbegriffen Strafzweck, Strafmethode, Straferfahrung und Strafdebatte insgesamt 35 Aufsätze, Essays und Reportagen versammelt, die die Ausstellung vertiefen und das Thema in verschiedene Richtungen ausweiten. Zum anderen entwickelte man in Zusammenarbeit mit den Pädagogischen Hochschulen Aarau und Zürich einen Band mit Texten und Materialien für PädagogInnen, die die «unangenehme Pflicht» des Strafens zum Schulthema machen wollen.

Mit der Ausstellung «strafen», sagt Hächler, habe man in Lenzburg eine weitere Variation des Themas «gegenwartsbezogene Alltagskultur» bearbeitet. Erneut habe man versucht, eine Wirklichkeit, in der alle gleichermassen stecken, zu spiegeln: «Wir wollen die Leute dazu bringen, sich mit sich selber als Strafende und Bestrafte und dadurch mit der gesellschaftlichen Frage des Strafens zu beschäftigen. Eigentlich haben wir nur die halbe Ausstellung gemacht, die andere Hälfte bringen die Leute mit ihren Geschichten und Erfahrungen selber mit.»

Ein Apfel der Erkenntnis

Die zweitletzte Station ist die hölzerne Debattierbude, in der man in rasantem Zusammenschnitt ExpertInnen und PolitikerInnen Kluges und Unsägliches sagen hören kann über die Verwahrung, das Jugendstrafgesetz, das Betäubungsmittelgesetz oder über Gewalt in der Ehe. Behängt ist die Bude aussen mit Leuchtkästen, in denen die Fakten und Statistiken bekannt gemacht werden: 88,5 Prozent der Verbrechen werden von Männern verübt; 2002 waren 4987 Personen inhaftiert, davon 53,7 Prozent SchweizerInnen, 20 Prozent AusländerInnen mit und 19 Prozent ohne Wohnsitz in der Schweiz, dazu kamen 6,7 Prozent Asylsuchende. Und: Rund zwei Drittel der Eltern erziehen ihre Kinder unter anderem mit Schlägen.

Aus dem Fegefeuer der Tatsachen und Meinungen tritt man schliesslich ins Paradies: ein nackter Raum mit einem grossen Harass voller wunderschöner Äpfel (geliefert von der Strafanstalt Lenzburg). Zugreifen. Über Lautsprecher lockt eine Flüsterstimme: Zugreifen! Auf die Rückwand des Raums projiziert ist das gleiche Auge, das das Ausstellungsplakat und das Begleitbuch ziert – nur diesmal lebt es. Zugreifen? Am Anfang der Rückkehr in den Alltag lockt der Regelbruch.

Stapferhaus Lenzburg [Hrsg.]: strafen. Ein Buch zur Strafkultur der Gegenwart. Baden (Verlag hier + jetzt 2004.