Zieh dein Ding durch

Das ist Stephanie Aller: eine kräftige Frau, leicht auf den Füssen, zwanzig Jahre alt, 1 Meter 54 gross, Piercings in der Unterlippe und in beiden Wangen; ein gerader Blick, eine klare Sprache und kein Problem mit dem Duzen: eine junge Gewerkschafterin. Oder ist sie Hip-Hopperin? Oder ein abgeschminkter Punk? Stephanie Aller ist Polymech-Stiftin in den Lernzentren LfW Baden/Birr (AG), seit dem dritten Lehrjahr spezialisiert auf Instandhaltungen. Seither arbeitet sie im ABB-Werk in Birr. Im nächsten Sommer schliesst sie ihre vierjährige Ausbildung ab.

Auf Abruf für Alstom und ABB

Vorerst hat Stephanie Aller in einer zweijährigen Grundausbildung in den Lernzentren das Handwerk gelernt: drehen, fräsen, bohren. Nach zwei Jahren stand sie vor der Frage: Fertigung oder Instandhaltung? In der Fertigung, sagt sie, arbeite man häufig an computergesteuerten Maschinen: «Man schreibt die Programme, man programmiert die Maschinen, danach läuft alles automatisch.» Sie hat sich für die Instandhaltung entschieden, weil sie mit den Händen arbeiten will.

In Birr gehört sie zu einem achtköpfigen Instandhaltungsteam, das auf Abruf für die dortigen Werke von ABB und von Alstom arbeitet. «Gewöhnlich ist es so, dass uns der Kunde auf die Hotline anruft und eine Maschinenstörung meldet.» Zum Beispiel: Der Vorschub der Drehbank funktioniert nicht mehr. Oder: Probleme mit den Dichtungen oder Filtern bei einer Fräsmaschine. Muss ein Metallteil ersetzt werden, stellt das Team das Einzelstück selber her. Ansonsten gehören auch Routinearbeiten zum Alltag: Sichtkontrollen der Hydraulik- und Pneumatikschläuche, Fräsköpfe schmieren, Öl nachfüllen.

Im Team arbeitet sie mit lauter Männern zusammen, in ihrer Abteilung ist sie die erste Stiftin überhaupt. Und in der Berufsschule sitzt sie mit einer Kollegin und zwanzig Kollegen in der Klasse. Kein Problem für sie: «Im zehnten Schuljahr war ich mit lauter Frauen zusammen. Ihr Geschwätz und ihre Zickereien haben mich genervt.» Zwar habe man sie zu Beginn bei der ABB nicht für voll genommen. Es sei nötig gewesen, ihren Standpunkt klarzustellen. «Du darfst einfach nicht kuschen und musst auch einmal zurückgeben und sagen: Ich bin gleich viel wert wie du!» Angenehm sei für sie, dass man Männern gegenüber die Meinung sagen und danach trotzdem wieder zusammenarbeiten könne, Männer seien weniger nachtragend als Frauen. Und ansonsten: «Was heisst schon Männerberuf? Lernen kann man alles, wenn man will. Egal, was die andern sagen: Du musst einfach dein Ding durchziehen.»

Und dann sei es auch so: «Wenn die andern sehen, dass du arbeiten kannst, ist es bald einmal egal, welches Geschlecht du hast.» Klar bitte sie ab und zu einen Kollegen um Hilfe, wenn’s zu schwer werde: «Das ist der Frauenbonus, den man in diesem Beruf hat.» Aber wenn keiner Zeit habe, dann nehme ich eben den Hebekran zu Hilfe. Manchmal sei sie auch im Vorteil, etwa wenn sie bei Wartungsarbeiten ins Innere einer Maschine kriechen müsse: «In solchen Situationen habe ich im Vergleich zu den grösseren Kollegen mehr Platz, um mich bewegen und arbeiten zu können.»

Der 13. Monatslohn wäre fair

In die Unia eingetreten ist Stephanie Aller, weil sie sich gesagt hat, wenn man schon ein Leben lang arbeite, müsste es doch eigentlich so sein, dass man das «unter fairen Bedingungen» tue: «Dass alle für die gleiche Arbeit etwa gleich viel erhalten. Im Moment ist es aber so, dass die Frauen im Durchschnitt immer noch 18,9 Prozent weniger verdienen.» In der Unia ist sie heute Co-Präsidentin des aargauischen Branchenvorstands Industrie. In letzter Zeit hat sie sich dort insbesondere mit den Lohnverhandlungen in der Metallbranche beschäftigt. Selbstverständlich unterstützt sie die Petition «13. Monatslohn für alle Lehrlinge», die die Unia-Jugend Anfang November lanciert hat. Als Polymech-Lehrling der Lernzentren LfW verdient sie im vierten Lehrjahr 1000 Franken netto. Das sei nicht sehr viel: «Normal ist im letzten Lehrjahr ein Leistungslohn zwischen 1200 und 1500 Franken.»

Weil bei ihr als Berufsmittelschülerin die Ausgaben für zusätzliches Schulmaterial ins Gewicht fallen, wäre für sie der 13. Monatslohn eine Erleichterung – vor allem aber würde sie ihn als Zeichen der Wertschätzung nehmen: «Als Lehrlinge leisten wir häufig extrem viel, erhalten aber als einzige nur zwölf Monatslöhne. Wir hätten es verdient, gleich wie alle anderen behandelt zu werden. Bei unseren kleinen Löhnen würde das die Betriebe ja nicht stark belasten.»

 

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Der Traumberuf

Stephanie Allers Familienname ist spanischer Herkunft. Geboren ist sie 1988, aufgewachsen ist sie im Kanton Aargau: in Schinznach, Holderbank, Hunzenschwil, Dürrenäsch und Brunegg. Über mehrere Jahre hat sie zur Punkszene Aaraus gehört. Parallel zur Lehre als Polymechanikerin (drei Tage im Werk und ein Tag Berufsschule) absolviert sie am fünften Tag die Berufsmittelschule. Dreiviertel der Schlussprüfungen hat sie bereits bestanden, Matur und Lehrabschluss stehen im nächsten Sommer bevor. Danach plant sie, nach Australien zu gehen. Wenn’s ihr gefällt, will sie dort studieren, «am liebsten soziale Arbeit»: «Mein Traumberuf wäre die Kombination von Sozialarbeiterin und Polymechanikerin – Ausbilderin in einem Heim zum Beispiel.»

Stephanie Aller wohnt mit ihrer Mutter in Othmarsingen (AG). Sie ist aus ethischen Gründen vegan, isst also keine tierischen Produkte: «Wenn ich Milch trinke oder Käse esse, unterstütze ich die gleiche Schlachtindustrie, wie wenn ich das Fleisch der Kühe esse.» In ihrer Freizeit liest sie gerne Romane und besucht einen Hip-Hop-Tanzkurs.