Wo genau floss Henzis Sulgenbach?

Martin Bieri (* 1977) ist im Sulgenbachquartier aufgewachsen. Heute kennt man ihn als Kunstkritiker des «Bund», als Dramaturg und Lyriker («Europa. Tektonik des Kapitals», 2015). Jetzt hat er mit «Henzi Sulgenbach» laut dem Untertitel ein «Lessing-Implantat» geschrieben. Ein «Lessing-Implantat»? Laut Verlagswerbung sei das eine «psychogeografische Einpflanzung». Laut der Nachwortverfasserin Arianne von Graffenried «eine biografische Idealisierung des ‘Genius Loci’». Laut Bieri im Vorwort eine «spaziergangswissenschaftliche Phänomenologie». 

Für einen Normalsterblichen ist das, was das Buch bietet, am ehesten ein Essay. 

Montage dreier Sprachebenen

Allerdings ein Essay der besonderen Art, denn er besteht nicht aus einem Text, sondern aus drei unverbunden nebeneinanderstehenden Textebenen, gebildet aus drei verschiedenen Textsorten:

• Auf der ersten Ebene beschreibt Bieri als flanierender Reporter mit präzisen Schilderungen in kurzen Abschnitten den Weg des Sulgenbachs: von den Quellen in der Region Kühlewil talwärts durchs Gummersloch und das Köniztal nach Köniz und von dort stadteinwärts Richtung Loryplatz, Mattenhof, Sulgenau hinunter ins Marziliquartier, wo der Bach in die Aare mündet.

• Die zweite Textebene bildet Gotthold Ephraim Lessings Dramenfragment «Samuel Henzi», das der damals 20jährige 1749 in Berlin unter dem Eindruck von Zeitungsberichten über eine Verschwörung in Bern verfasst hat. Bieri montiert die sechs Szenen der zwei Aufzüge nach seinem Bedürfnis zwischen die eigenen Abschnitte.

• Die dritte Ebene bilden unten auf jede Buchseite einige Zeilen hydrologischen und landschaftsökologischen Expertenkauderwelschs, gesetzt zwischen jeweils zwei ∼∼∼-Wellenlinien – als stünde man am Sulgenbach und würde sich fragen: Was du mir mit deinem Gemurmel wohl sagen willst?

Während diese dritte Textebene den unbemerkt fliessenden, doch jederzeit vorhandenen Sulgenbach symbolisieren mag und mit den beiden anderen weiter nicht interagiert, stehen die erste und die zweite Textebene laut Bieris Vorwort in folgender Beziehung: «Das Henzi-Fragment besteht aus 32'166 Zeichen. Lessings Dramen umfassen im Durchschnitt 109'804 Zeichen. Dem Henzi-Text fehlen also 77'638 Zeichen. Diese Lücke füllt der neue Text fast auf das Zeichen genau.» 

Bieri hat also mit seinem Implantat den Anspruch, Lessings Fragment «fast auf das Zeichen genau» zu vollenden. Dessen sechs «Henzi»-Szenen verwendet er wie ein Komponist, der Fremdmaterial, etwa eine Choralmelodie aus früherer Zeit, zum Fugenthema für ein eigenes Stück macht. Allerdings nimmt Komponist Bieri, um im Bild zu bleiben, nicht nur eine Choralmelodie, sondern gleich Schuberts Unvollendete und baut deren zwei Sätze keck in die eigene Symphonie ein. Daraus kann man schliessen, dass hier ein Komponist mit einem gesunden Selbstbewusstsein am Werk ist.

Henzi und der Sulgenbach

Aber worum geht es in diesem Essay? Zuerst einmal: Der Titel «Henzi Sulgenbach» mag vielleicht beliebig klingen, ist aber das Gegenteil: In diesen zwei Wörtern spiegelt sich genau jener Gedanke, dem Bieri seine Arbeit widmet. 

Henzi (1701-1749) ist ein Punkt im Meer der Zeit, der für ein klar umrissenes Ereignis in der Geschichte steht: für das demokratische «Project, der Regierung eine andere Form zu geben», für eine «Conspiration» im Geist der damaligen Aufklärung. Dieser «Burgerlärm», wie man die «Henzi-Verschwörung» auch nannte, kam zu früh: 49 Jahre vor dem Sturz des Ancien Régimes machte die damalige Stadtregierung der Sache mit dem Schwert ein Ende, bevor diese im Meer der Zeit mehr als ein Punkt werden konnte.

Der Sulgenbach dagegen ist eine feine Linie im Meer des Raums: Er ist ein unscheinbarer Bach, der in der Nähe des Könizer Friedhofs verschwindet. Ab hier fliesst er vergessen gemacht unter Köniz und Bern seiner Mündung entgegen. Er existiert – als feine Linie im Meer des Raums – heute vor allem noch in den Köpfen von Tiefbau-Fachleuten.

«Henzi» und «Sulgenbach» stehen so gesehen gleichermassen für das Verdrängte, das Niedergeschlagene und Zugeschüttete in Raum und Zeit, das nur noch als Wissen, um das man sich bemühen muss, weiterlebt. 

Wissen kann man zum Beispiel: Im Dorfkern von Köniz fliesst der Sulgenbach unterirdisch in der Nähe des «Unteren Buchsiguts» vorbei, in dem die Privatgelehrte und Salonière der Aufklärung, Julie Bondeli, lebte, die vermutlich Samuel Henzis Schülerin war. Wissen kann man, dass nördlich vom Loryplatz die bernische Richtstätte obenaus lag, wo Henzi zusammen mit den beiden Mitverschwörern Samuel Niklaus Wernier und Emanuel Fueter (beide auch Figuren bei Lessing), am 17. Juli 1749 hingerichtet wurden. Und wissen kann man, dass in der Sulgenau, auf dem Areal des heutigen Verwaltungsgebäudes Titanic, am verschwundenen Giessereiweg 22, der «Henzistock» stand, in dem sich Ende Juni 1749 die Verschwörer trafen, um über Dinge wie die Volkswahl der Magistraten oder die Amtszeitbeschränkung zu diskutieren. 

Der Henzistock und andere Findlinge

Die Faszination von Martin Bieris Buch liegt darin, dass er rund um die Begriffe «Henzi» und «Sulgenbach» das Auftauchen und das Verschwinden von Ereignissen, Tatsachen und Dingen in Raum und Zeit zum Leseerlebnis macht. 

Der Henzistock zum Beispiel wurde 1977 am Giessereiweg abgebrochen und 1981 am Ostrand von Bern, beim Schloss Wittigkofen, neu aufgebaut – als «repräsentatives Landhaus», wie die Denkmalpflege der Stadt Bern im Bauinventar festhält. Wer Bieris Buch gelesen hat, wird zugeben: Das Haus steht heute am Melchenbühlweg wie ein Findling – auch bei Findlingen zeugt ja in Raum und Zeit nichts mehr vom mächtigen Eisstrom, der sie erst zu Findlingen gemacht hat. 

Das ist die Leistung von Bieris Essay: dass er das Bewusstsein schärft für die sinnverändernde Gewordenheit des heute Sichtbaren – und Interesse weckt für all das, was irgendwann und irgendwo zum Verschwinden gebracht worden ist. Das Buch ist eine Einladung zu fragen: Warum ist es so, wie es ist? So zu fragen ist eine Wurzel des politischen Denkens.

Martin Bieri: Henzi Sulgenbach. Ein Lessing-Implantat. Bern (edition taberna kritika) 2020, 112 Seiten, 18 Franken.