«Wir sind keine Rambos»

In der Einsatzleitstelle der Zürcher Securitas-Zentrale an der Kalkbreitestrasse gibt es einen schmalen Raum, «das Allerheiligste», sagt Rudolf Suter. Hier lagern entlang der einen Wand in Schränken rund 60000 Kundenschlüssel, entlang der anderen in Hängeregistraturen die dazugehörigen Dossiers – zur Geheimhaltung lediglich mit nichtssagenden Zahlenkombinationen beschriftet.

Die Securitas-Gruppe mit Hauptsitz in Zollikofen bei Bern ist Branchenleaderin. Sie betreibt in der Schweiz nicht nur zwölf solcher Zentralen, sondern umfasst insgesamt zwölf Firmen im Bereich der Sicherheitsdienstleistungen und weitere sieben, die auf Alarm- und Sicherheitssysteme spezialisiert sind. Allein hier in Zürich werden täglich zwischen 200 und 400 Dienste geplant, die von sechzig Fest- und 150 Teilzeitangestellten erledigt werden.

An der Pultreihe neben dem «Allerheiligsten» arbeitet Suter am häufigsten. Das ist die Pikettzentrale: Bildschirm an Bildschirm, Telefon neben Telefon. Hier kommt vom Alarm der Notrufknöpfe betagter Personen bis zu Kundenwünschen verschiedenster Firmen ausserhalb der Bürozeiten alles herein. Hier braucht es Mehrsprachigkeit und Stressresistenz, Konzentrationsfähigkeit am Telefon; Ruhe, wenn’s gleichzeitig von allen Seiten schellt und alarmt; unemotionales, effizientes und richtiges Reagieren und die Fähigkeit, Prioritäten zu setzen.

Schulterschluss für die Branche

In den letzten Jahren hatte die Branche der schweizerischen Sicherheitsdienstleister mit ihren über 10000 Mitarbeitenden ein Problem: Wie soll man konkurrenzfähig bleiben, wenn die ausländische Konkurrenz in der Schweiz wird arbeiten dürfen, wie es die bilateralen Verträge mit der EU vorsehen? Im nahen Ausland wird zu Stundenansätzen zwischen 11 und 17 Franken gearbeitet, bei der Securitas zum Beispiel zu 29 bis 32 Franken und die Firmenbudgets bestehen zu rund siebzig Prozent aus Lohnkosten.

Schon früh brachte Rudolf Suter dieses Problem in seiner Gewerkschaft VHTL zur Diskussion. Es gab nur eine Lösung: Der Bundesrat musste einen für die ganze Branche geltenden Gesamtarbeitsvertrag für allgemeinverbindlich erklären. Damit könnte Lohndrückerei verhindert werden, weil ausländische Anbieter verpflichtet wären, der Vertrag zu übernehmen.

Das Problem war: Allgemeinverbindlicherklärungen sind aber nur in Branchen möglich, in denen es einen Arbeitgeberverband gibt. So kam der VHTL in die Situation, die Arbeitgeber aufzufordern, sich zu organisieren. 1996 wurde der Verband schweizerischer Sicherheitsdienstleistungsunternehmen (VSSU) gegründet, dem heute 32 Firmen mit 9540 Mitarbeitenden angehören. Ende März konnten nun VHTL und VSSU gemeinsam die Allgemeinverbindlichkeit ihres neuen GAV bekannt geben. Am 1. Juni öffnen sich die Grenzen für die ausländische Konkurrenz.

Weiterbildung ist alles

Unterdessen ist Rudolf Suter vorangegangen in den Wachraum. Hier lagern nach Revieren geordnet die unpersönlichen Ausrüstungsgegenstände der Securitas-Mitarbeiter, die am Abend ausrücken werden: die Schlüsseltaschen mit dicken Schlüsselbünden, Befehlsbüchern und der elektronischen Wächteruhr oder die Funkgeräte, die jetzt in der Funkladestation aufgereiht stehen. Die Ausrüstungsgegenstände seien wenn möglich aus Stoff, nicht aus Leder, sagt Suter, denn Leder provoziere manchmal: «Wir wollen nicht Angst einjagen, wir sind keine Rambos. Ziel ist es, durch selbstbewusstes Auftreten zu überzeugen.»

Für die Zukunft seiner Branche ist Suter zuversichtlich: «Unsere Kunden wollen Qualität nach schweizerischen Massstäben. Und die hat ihren Preis.» Die Perspektiven der einzelnen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen seien dann gut, wenn sie bereit seien, sich weiterzubilden: «Unsere Produkte werden immer anspruchsvoller. Es braucht immer mehr Teamarbeit, mehr Fremdsprachenkenntnisse und mehr Kommunikations-, Konflikt- und Dialogfähigkeit.»

Zur Prognose gehört für Suter auch die gewerkschaftliche Zukunft: Der VHTL wird der neuen, grossen Unia beitreten. «Ich kämpfe im Zentralvorstand für die UNIA», sagt er, «aber wenn wir unsere Einflussmöglichkeiten verlieren, wird die Sicherheitsbranche möglicherweise nicht lange dabei sein. Wir werden auch von anderen Gewerkschaften umworben.»

 

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Quer durch die Berufe

Als Davoser hat der 56jährige Rudolf Suter zuerst eine Lehre als Hotelfachangestellter gemacht. Anschliessend lernte er in Basel und Freiburg im Breisgau Krankenpfleger. Ab 1968 arbeitet er jeweils im Sommer in Luzern für das Reisebüro «American express», während der Wintermonate fährt er mit dem Schweizer Hochseefrachter «Regina» zur See. Danach geht er nach Israel, lebt und arbeitet zuerst in einem kommunistischen Kibbuz, später als Sanitäter beim Strassen- und beim Pipelinebau. Der Indientrip, den er mit dem gesparten Geld machen will, kommt nicht zustande: Er wird ausgeraubt und kehrt völlig abgebrannt in die Schweiz zurück.

Danach vier Jahre beim Gepäcksuchdienst der Swissair, dann ein erstes Mal «Securitas»-Mitarbeiter, dann anderthalb Jahre stellvertretender Direktor im Hotel «Volkshaus» in Chur, dann kurzer Abstecher in die Versicherungsbranche («Pax Leben»), dann drei Jahre Heilpraktikerschule in München – bis heute betreibt er im Zweitberuf eine Praxis für traditionelle westliche Naturheilverfahren – und Aufbau von Paracelsus-Schulen in Zürich, Bern und Chur. Mitte der achtziger Jahre wird er Verkäufer in einem PC-Geschäft, macht sich selbständig und führt «bis zum Margenzerfall» eine eigene Firma. Seit 1991 arbeitet er wieder bei der Securitas, wo er bei einer 42-Stunden-Woche gut 6000 Franken brutto verdient.

Rudolf Suter ist Zentralvorstandsmitglied und Präsident der Fachgruppe Sicherheit des VHTL. Er ist eines der gut tausend Mitglieder, die die Báhai-Religion in der Schweiz hat. Er lebt mit seiner Frau und der 12-jährigen Tochter in Zürich.