«Wir lassen nicht mehr locker!»

Postautoparkplatz hinter dem Bahnhof Ilanz: Die aussteigenden Zugspassagiere verteilen sich auf die leuchtend gelben Fahrzeuge, die in sauberer Reihe bereitstehen. Kurz darauf ist der Platz leer. Talaufwärts weht eiskalt die Bise. Einige Schritte weiter steht Sepp Casanovas Elternhaus, in das er vor fünfundzwanzig Jahren zurückgekehrt ist, als er hier als Postautochauffeur zu arbeiten begonnen hat. In seiner Stube ist es angenehm warm.

Ungleicher Lohn für gleiche Arbeit                             

«Auch mein Vater war hier fast vierzig Jahre lang Postautochauffeur», beginnt Sepp Casanova zu erzählen, «und schon als Bub habe ich von ihm gehört, es gebe eben zwei verschiedene Sorten von Chauffeuren.» Nämlich: Schweizweit sind ungefähr 1500 Chauffeure und -Chauffeurinnen direkt bei der Postauto Schweiz AG, einem Regiebetrieb der Schweizerischen Post, angestellt; ihre Arbeitsbedingungen sind im Gesamtarbeitsvertrag der Post geregelt. Noch einmal so viele Chauffeure und Chauffeurinnen arbeiten zwar auch für die Post, sind aber angestellt von privaten Postautounternehmen (PU). Dür sie gilt ein PU-Personalreglement mit schlechteren Bedingungen.

Casanova: «Das führt dazu, dass der Chauffeur, der Sie von Chur nach Laax bringt, zu besseren Bedingungen arbeitet als jener, der ab Laax den Anschlusskurs nach Ilanz garantiert.» Privat Angestellte müssen bei gleicher Arbeit, gleichem Gesetz, gleicher Verantwortung und gleicher Uniform pro Jahr einen bis zu 10’000 Franken tieferen Bruttolohn in Kauf nehmen. Zudem: kleine Einmal-Zahlungen statt versicherte Lohnerhöhungen, schlechter entlöhnte Sonntagsdienste, tiefere Spesenentschädigungen und Kinderzulagen, weniger Ferientage.

Kreuz und quer durch die Surselva

Seit 26 Jahren arbeitet Sepp Casanova als «Ablöser» und Extrafahrtenchauffeur. Er liebt diese Arbeit, weil sie abwechslungsreich ist. Und weil er kein Nachtmensch sei, sagt er, wähle er immer den Frühdienst, wenn er könne.

Der sieht so aus: Um halb fünf steht er in der Garage und beginnt mit den Kontrollen am Auto: Öl, Wasser, Keilriemen, Pneuprofil, Luftdruck. Anschliessend installiert er die Kasse und den heutzutage digitalen Fahrtenschreiber. Zehn Minuten vor fünf steht sein Auto auf den Postplatz bereit. Um 5.01 Uhr geht’s los: Bahnersatzkurs für die Pendler und Pendlerinnen nach Chur. Rückfahrt via Falera. Dann Ilanz-Laax retour. Dann Ilanz-Vrin retour. Dann von Ilanz via Ruschein hinauf nach Ladir. Dort Mittagspause. Rückfahrt und zum zweiten Mal Falera retour. Dann Garagendienst: zu putzen sind die Scheiben und der Innenraum des Autos. Feierabend ist gewöhnlich um drei Uhr nachmittags. Der zehnstündige Arbeitstag ist für ihn normal – die Wartezeiten auswärts gelten nur zu 30 Prozent als Arbeitszeit.

Munter, manchmal zu munter wird es in Casanovas Postauto dann, wenn er Schüler und Schülerinnen transportiert. «Sie wollen herausfinden: Was mag es leiden beim Chauffeur mit dem Lärm und mit dem Herumturnen? Wichtig ist, dass man sich nicht provozieren lässt. Dann macht’s ihnen keinen Spass. So fahre ich mit ihnen gut.» Man glaubt es ihm. Casanova hat Humor, liebt die Leute und die Landschaft der Surselva, in der er arbeitet: «Bloss diese unbegründbare Ungerechtigkeit stört mich mehr und mehr.»

Ein Post-GAV für alle

Am Sonntag, 24. März, haben auf dem Bundesplatz in Bern rund 200 Postautochauffeure und -chauffeurinnen demonstriert. Casanova war dabei. Und er hat das Wort ergriffen. «Handeln Sie jetzt, Herr Landolf», hat er gesagt, «sitzen Sie die berechtigten Forderungen des Fahrpersonals der Postautounternehmer nicht aus! Wir meinen es ernst, und wir lassen nicht locker!»

Der angesprochene Daniel Landolf ist CEO des Regiebetriebs Postauto AG. Bisher hat er einen Offenen Brief von 800 Betroffenen und eine Petition von über 1000 Fahrgästen erhalten. Bei der Petitionsübergabe, erinnert sich Casanova, habe Landolf gesagt, dass er mit der aktuellen Situation «auch nicht glücklich» sei. Eigentlich könnte das heissen, dass die Gewerkschaft Syndicom offene Türen einrennt, wenn sie über die nächstens beginnenden Verhandlungen um den Post-GAV 2015 das Motto gesetzt hat: «Alles Gelbe unter einem Dach». Auch Landolf ist ja klar, dass privaten Chauffeure und -Chauffeurinnen auch «Gelbe» sind. Casanova: «Unsere Gleichstellung im GAV ist eine Frage der Gerechtigkeit. Und ein Konzern, der so viel Gewinn macht, kann und soll sich diese Gerechtigkeit leisten.»

 

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Der Hartnäckige

Geboren und aufgewachsen ist Sepp Casanova (* 1958) in Ilanz (GR). Sein Vater war Postautochauffeur, und das wollte er auch werden. Weil er diesen Beruf damals nicht direkt lernen kann, wird er Pöstler und macht in der Rekrutenschule das Lastwagenbrevet C. Danach findet er zwar im Post-Transportdienst in Chur eine Stelle und wird später in der Garage Wagenwart. Aber die Chance, Postautochauffeur zu werden, erhält er nicht. Darum kündigt er und fährt für Privatfirmen, in der Region Flims fünf Jahre für verschiedene Bauunternehmer, dann ein Jahr als Fernfahrer «bis hinauf nach Bremerhaven», schliesslich wieder in Flims als Taxichauffeur.

Seine Chance kommt, nachdem am 18. Juli 1987 ein Unwetter das Vorderrheintal verwüstet hat. Das Bahngeleise bleibt für Monate gesperrt. Das Postautonetz ist überlastet. Dringend werden Chauffeure gesucht. Seit damals arbeitet er, angestellt bei der Ilanzer Fontanabus AG, auf seinem Wunschberuf.

Casanova kam vom Verband Transfair zur Gewerkschaft Syndicom und gehört heute dort zum «Aktionskomitee für die PU-Kampagne». Er lebt mit seiner Partnerin in Ilanz. In der Freizeit erledigt er das Nötige rund ums Haus und unternimmt mit seinem BMW 1150 RT zwischenhinein gern eine Passfahrt.