Wie? Gibt’s das noch, das Zaffaraya?

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Bus-Endstation vor dem «Café Park + Ride Neufeld», rechts hinauf Richtung Einfahrt zum Parkhaus ein Wegweiser mit der Aufschrift «CAR-TERMINAL». Jenseits der Einfahrt führt ein Fussweg über das steile Bord hinunter in eine Geländemulde. Neben dem Teerband eines nie eröffneten Autobahnzubringers steht eine grosse Weide, darunter eine aluminiumglänzende Kiste mit der Aufschrift «WC», daneben ein Verkehrsschild: Einbahnstrasse. Weiter drüben ein Zelt: «Festwirtschaftsvermietungen / 3426 Aefligen»; dahinter ein Labyrinth festgetretener Erdhaufen: der Hindernisparcours von Bikern. Hier unten ist der Horizont rundum begrenzt von den Baumwipfeln des Bremgartenwalds. Das Asphaltband, das gegen die Autobahn hin ansteigt, verengt sich einige Schritte weiter durch merkwürdige Aufbauten: links zwei Wohnwagen, rechts ein übermannshoher Wall aus Altmetallteilen, der Durchgang in der Mitte ist durch zwei ausrangierte grüne Traktoren begrenzt. Dahinter beginnt das Zaffaraya.

Zaffaraya? – Es hat eine Zeit gegeben, da wusste in Bern jedes Kind, dass es ein Zaffaraya gibt – schon deshalb, weil seine Eltern in aller Regel so inbrünstig darüber schimpften. Dass es das Zaffaraya auch heute noch gibt, hat seinen Grund darin, dass es nicht am Ende war, als das leidenschaftliche öffentliche Interesse an ihm im März 1989 nach jahrelangen Auseinandersetzungen erschöpft war.

Begonnen hat die Geschichte am 18. Mai 1984. Damals hatte die Berner Stadtpolizei wieder einen dieser leidigen Aufträge auszuführen, diesmal an der Freiburgstrasse: Räumung von vier besetzten Liegenschaften und Schutz des nachrückenden Abrisskommandos. Leidig waren solche Aufträge, weil man es regelmässig mit widerspenstigen Gofen zu tun bekam, die mit leuchtenden Augen grosse Sprüche von «Autonomie» machten und ihre illegal bewohnten Abbruchbuden verteidigten, als ginge es um Leben und Tod. Tags darauf hatte die Polizei gewöhnlich eine schlechte Presse und die Stadt ein neu besetztes Haus.

So auch diesmal. Noch am 18. Mai wird bei der Tramhaltestelle «Hasler» im Mattenhof-Quartier eine Liegenschaft besetzt, die unter dem Namen «Zaff» für ein gutes Jahr als Wohnraum, Treffpunkt und subkulturellen Veranstaltungsort dient. Als das «Zaff» am 8. Juli 1985 geräumt und sofort abgebrochen wird, jagen sich weitere Besetzungen und Räumungen. Am 31. Juli lassen sich die vertriebenen «Zaff»-Jugendlichen auf dem Gaswerkareal an der Aare nieder und rufen das «Freie Land Zaffaraya» aus.

Bald einmal füllte sich das lichte Wäldchen oberhalb des Jugendzentrums «Gaskessel» mit Tipis und Holzhütten, mit zwei Reisebussen, einem Baustellenwagen und einem abgewrackten Schiff. Es gab eine Gemeinschaftsküche und einen Gemeinschaftsraum, eine Werkstatt, einen Hühner- und einen Schweinestall und auf asphaltbefreitem Boden über schwermetallhaltigem Untergrund Gärtchen für Zucchetti, Sonnenblumen und Kräuter. Den elektrischen Strom stellte der «Gaskessel» zur Verfügung und ein mit Brettern abgedecktes Loch im Gesträuch diente als Toilette. Die Stadtregierung zögerte: Ab und zu schickte sie die Polizei aufs Areal, ab und zu machte sie staatsmännische Sprüche – «Es geht nicht an, dass sich eine Gruppierung Rechte herausnimmt, die anderen Leuten versagt sind» («Bund», 18.10.1985) – und gewöhnlich auf die Zügeltermine im Frühling und im Herbst stellte sie ein Ultimatum, das verstrich, ohne dass etwas geschah.

Schon gibt es das Zaffaraya anderthalb Jahre lang, als seine Bewohner und Bewohnerinnen am 12. Oktober 1986 eine Pressekonferenz durchführen über das Zaffaraya als «kulturellem Gegengewicht zur staatlichen Integrationskultur». Sie verteilen ein «Manifest», in dem definiert wird: «Kultur heisst nicht nur sich zu tummeln in millionenschweren Opernhäusern und Kunstgalerien. Sondern Kultur heisst: Essen, Wohnen, Arbeiten, Denken, Fühlen, Träumen, zämä sii, zämä rede… Kultur heisst Leben.» Im Mai 1987 ergibt dann eine repräsentative Umfrage der «Berner Zeitung», dass unterdessen 61 Prozent der Berner und Bernerinnen für die weitere Duldung der Siedlung sind.

Jetzt wirds der Stadtregierung zuviel. Auf den 15. November stellt sie ein letztes Ultimatum und schickt schliesslich am 17. November die Polizeigrenadiere in den ungleichen Kampf um den «rechtsfreien Raum»: Die rund zweihundert Leute, die die Siedlung symbolisch verteidigen, werden in die Flucht geschlagen; Hab und Gut,

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das nicht abtransportiert werden kann, wird zerstört. Die freisinnig dominierte Stadtregierung hat gewonnen.

Aber nur kurz: Noch am gleichen Tag treten rund 2000 Schüler und Schülerinnen der Stadt in einen Proteststreik; am Abend blockieren wiederum rund 2000 Leute den Bubenbergplatz; am nächsten Abend demonstrieren schon 3000; am Samstag – es ist der 21. November – wollen rund 10000 Leute nicht nur den sofortigen Wiederaufbau des Zaffarayas, sondern als Kulturraum zusätzlich die Reitschule, die im Winter 1981/82 als Autonomes Jugendzentrum gedient hat und seit der Räumung und Verrammelung leer steht. Unter dem Druck der Strasse verliert die Stadtregierung an diesem Tag mehr als sie zuvor gewonnen hat: Das Reitschulareal wird zurückerobert und ist trotz aller Stürme und Krisen ein kreativer und politisch widerborstiger Kulturraum geblieben bis auf den heutigen Tag.

Und auch die Hüttendorfsiedlung wollte sich nicht in Luft auflösen. Die Zaffarayaner und Zaffrayanerinnen versuchten, ihrer Lebensweise treu zu bleiben, zogen hierhin und dorthin, besetzten am 1. Oktober 1988 erneut das Gaswerkareal und überwinterten nach der neuerlichen Räumung im Eichholz. Am 27. Februar 1989 wurden sie auch dort weggeschickt und von der Stadtpolizei «für drei bis sechs Monate» in ein nächstes Provisorium geführt: ins Neufeld. «Einige Verwirrung», meldete die «Berner Zeitung» tags darauf, sei dort bei der Frage entstanden, «wo genau die Zaffarayaner ihre Busse und Barackenwagen hinstellen sollten: Arbeiter des Strasseninspektorates wollten die zwanzig jungen Leute auf eine rund 15 auf 15 Meter grosse Rasenfläche einweisen. Die Zaffarayaner erklärten jedoch, in diesem kleinen Rasenfeld würden ihre Busse einsinken. Sie liessen sich auf der Asphaltfläche direkt neben der Autobahnauffahrt nieder.» Dort sind sie noch heute.

Das Zaffaraya ist eine bunte Welt voller Einmaligkeiten: Beidseits entlang des Asphaltstreifens aufgereiht stehen phantasievoll um-, über- und ausgebaute Gefährte, von denen man die ursprünglichen Umrisse kaum noch erahnt. Nach hundertfünfzig Metern öffnet sich der Weg in spitzem Winkel in zwei Richtungen, dahinter stehen die Bauten in einem sich öffnenden Oval bis hinauf an die Autobahn, umgeben von Gesträuch und haushohen Bäumen, von denen 1989 noch keiner gepflanzt war. Der von den beiden Wegästen umschlossene Spickel ist zugewachsen. Die Rückseite bildet ein Biotop mit kleinen Fischen unter den Blättern der Seerosen, die eben die erste Blüten öffnen. Aus aufgeschütteten Erdhügeln wächst Ahorn und Holunder, darunter Iris, violett, und dunkelroter Mohn. Vor einem halb zugewachsenen Wohnwagen liegen «M-Budget»-Plastiksäcke mit Blumenerde, daneben zwei Dutzend erdgefüllte, frisch angepflanzte Töpfe, verschieden gross, teils aus Ton, teils aus Plastik: Rosmarin, Liebstöckel, Schnittlauch, Tomaten. Hinter dem nächsten Wagen hervor bellt ein Hund, gähnt, trollt sich. Geschäftig vor sich hinplaudernd stapft ein kleines Kind vorbei: Das ist Lia, anderthalbjährig, Zaffarayanerin.

Am 28. Februar 1989 war hier nur Asphalt. Unten in der Mulde gab es eine Wasserstelle und den Stromkasten mit dem Zähler – eigentlich gedacht für die Fahrenden, die hier ab und zu anhielten. Von dort zogen die Siedler und Pionierinnen als erstes ein Stromkabel zu den Wagen herauf. Das Wasser holten sie unten noch lange in Milchbränten mit einem Traktor. Sie bauten ein provisorisches Dach und installierten Gasbrenner: Das war die erste Küche. Später richteten sie einen Küchenwagen ein, stellten zwei Wagen zusammen: Das war der Raum, in dem bis zu dreissig Leute gemeinsam essen konnten. Zum Schlafen schlüpfte man zu zweit oder zu dritt in einen der engen Wohnwagen. Hier sein und kollektiv zu leben war cool. Aber auch wenn es nicht cool gewesen wäre: Geld für individuelle Extras gab es kaum, die wenigsten gingen einer Lohnarbeit nach. Man baute gemeinsam an der eigenen Welt, und an den langen Winterabenden sassen alle zusammen, assen, tranken und spielten nächtelang. Hatte jemand Geburtstag, gabs ein grosses Abendessen und einen frisch dekorierten Essraum.

In der ersten Zeit meldete sich die Stadtregierung noch ab und zu, um daran zu erinnern, dass auf diesem Autobahnzubringer nur ein zeitlich begrenztes Provisorium zugestanden worden sei. Irgendwann traf ein letztes folgenloses Ultimatum ein. Ende 1992 wurde die bürgerliche Regierung abgewählt und durch eine rot-grüne ersetzt. Seither ist das Zaffaraya aus der politischen Agenda der Stadt verschwunden.

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Die kollektivistische Phase des Neufeld-Zaffarayas dauerte nicht sehr lange. Als die ersten Kinder kamen, hatten deren Eltern neue Bedürfnisse: eine Kochgelegenheit zum Beispiel, und Wasser im eigenen Wagen. Anderes blieb bis heute Sache der Dorfgemeinschaft. So das Badhaus: Das erste bestand aus einer Front von hohen farbigen Glasfenstern und einem dahinter schräg abfallenden Dach. Darunter gab es eine Badewanne, eine Dusche, unter der man nur kauernd duschen konnte und eine Sauna mit Durchzug für drei Leute. Später entstand das zweite, vergleichsweise luxuriöse Badhaus direkt über dem ersten. Das brannte 1995 in einer klirrend kalten Januarnacht ab, vermutlich weil ein Frotteetuch auf den Heizstrahler hinuntergefallen war, der das Einfrieren der Wasserleitungen verhindern sollte. Das schnell errichtete dritte Badhaus war als Provisorium gedacht und seine Holzwände sind unterdessen soweit verfault, dass man sie mit dem Schraubenzieher mühelos durchstechen kann. Zur Zeit wird das vierte Badhaus geplant, dessen Rohbau aus Teilen einer ausrangierten Baracke bestehen soll.

Es hat hier kinderlose und kinderreiche Zeiten gegeben, Zeiten in denen nur noch Väter mit Söhnen hier lebten, weil sich die Eltern getrennt haben, und Zeiten wie jetzt, in denen auf dem Areal drei Kinder leben und man auf die Geburt von zwei weiteren wartet. In all diesen Zeiten hat sich die Tendenz zum individuelleren Wohnen fortgesetzt. Hauste zuerst hier eine verschworene Sippe, so hat die Siedlung heute etwas von einem experimentellen Dorf mit naturnahen Wohnmöglichkeiten.

Irgendwo am Wegrand ein Gartentisch, darauf alte Elektrogeräte und eine durch die Nässe aus der Form geratene Pappschachtel mit Steckern und Kabeln. Gleich dahinter das «Holzhaus», eine massive viereckige Holzkonstruktion, ein eleganter Bau wie aus einer Architekturzeitschrift, dem jeder rechte Winkel fremd ist, seitlich offen, teilweise mit Blachen geschützt, gedeckt mit gewellten Plastikplatten, drunter ein Stoss Holzträmel, eine Sägemaschine mit Elektromotor, ein Scheitstock, in dem ein scharfklingiges Beil steckt. Die Bäume oben im Areal, die gegen die Autobahn hin einen Sicht- und Lärmschutz bilden, haben die Arbeiter mit dem Bagger herüber gebracht, als sie 1992 den Aushub für das «Park + Ride»-Gebäude machten. Hier oben sind die Bauten im Halbrund angeordnet; Wagen mit Veranden, Vorbauten und Überdächern; hier eine Satellitenschüssel, dort ein neuer Feuerlöscher, noch plastikverpackt, daneben ein runder Gartentisch mit abblätternder gelber Farbe, drauf ein Buch mit Lesezeichen. Weiter drüben sitzt in einem weissen, stoffenen Vorzelt eine Gruppe von Leuten, man hört sie lachen, kurz darauf tritt einer vors Zelt, setzt sich auf den schweren Töff und braust stadtwärts davon. Die Frau, die vorhin mit dem Besen ihre Veranda geputzt hat, ist in ihrem Wagen verschwunden. Jetzt übertönen aus der offenen Tür aufheulende Rockgitarren das Rauschen der Autobahn.

Am Boiler im Badhaus hängt ein Brief des Adjunkten der Berner Direktion für Soziale Sicherheit. Er teilt mit, wann mit dem Bau der dritten Spur der A1-Autobahn begonnen werde, hinten im Wald. Daneben, von Wasserdampf zusammengerollt, das ausgedruckte E-Mail eines Journalisten: Er will über das Zaffaraya einen Buchbeitrag schreiben, liefert ein Kurzkonzept. Hier ist der «Marktplatz» des Zaffarayas. Vor dem Badhaus stapelt sich, was postlagernd auf der Poststelle Bern 26 eingetroffen ist; hier hängt man einen Zettel auf, wenn es etwas zu besprechen gibt. Institutionalisiert sind Sitzungen freilich nicht: Fixe Termine gibt es so wenig wie Ämtlipläne oder ein Campingplatz-Reglement. Im Zaffaraya herrscht die Freiheit, eine Initiative zu ergreifen oder auch nicht. Niemand kann hier sagen: Du hast dich ein ganzes Jahr nicht engagiert, du musst gehen.

Auch was die Finanzen betrifft, regiert das anarchistische Augenmass. Kinder wohnen gratis, die Erwachsenen – zur Zeit gut zwanzig im Alter zwischen 24 und 50 – zahlen pro Monat einen fixen Betrag in die gemeinsame Kasse. Mit diesem Geld wird Strom, Wasser, Gas und das Holz zum Heizen eingekauft; bleibt ein Rest, benutzt man ihn zum Beispiel für das Entsorgen eines verrotteten Wohnwagens. Das System funktioniert, auch wenn meistens nicht alle ihre Miete pünktlich bezahlen können und der eine oder die andere manchmal gar nicht. In einem solchen Fall wird stillschweigend «quersubventioniert». Dass einzelne durchgetragen werden,

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wenn sie im Moment kein Geld haben, müsse drin liegen, ist man hier überzeugt. Freilich: Auch im Zaffaraya muss man sich diese Haltung leisten können. Das System funktioniert, weil im Gegensatz zur Pionierzeit heute die meisten Leute einer teilzeitlichen Lohnarbeit nachgehen – als Schreiner oder Sanitär so gut wie als Naturheilärztin, als Schlosserin, als Schauspieler oder als Designer.

Dem Journalisten, der seinen Buchbeitrag schreiben will, hat man schliesslich nur eine Auflage gemacht: Kein voyeuristisches Porträt einer einzelnen Person solls werden, mit biografischen Details und dem Versuch, deren Zaffaraya als das Zaffaraya darzustellen. Denn das Zaffaraya gibt es nicht. Hier haust keine Sekte, die einem Zaffaraya-Geist huldigt. Es gibt nichts als den lokalhistorischen Glücksfall, dass die Stadt Bern ihr originellstes soziales Experiment schliesslich doch leben und sich entwickeln liess und damit eine Lebenspraxis ermöglichte, die unterdessen eine mehr als neunzehnjährige Geschichte hat. Heute ist bewiesen: Weder ist das Zaffaraya eine kurzlebige Laune von widerspenstigen Gofen gewesen noch ist es mit der Zeit hoffnungslos verslumt. Und: In einer überschaubaren Gruppe ist ein naturnäheres Leben in hierarchiefreien Strukturen möglich – ohne Guru und reine Lehre, ohne Stadtregierung und ohne jene, die die Stadtregierung regieren.

Es gibt Leute, die sagen, seit das Zaffaraya 1989 aus der öffentlichen Auseinandersetzung verschwunden sei, habe sich das Projekt entpolitisiert. Auch dass das kollektive Leben wieder vermehrt einem quasi kleinbürgerlich-nachbarschaftlichen gewichen ist, sei eine Entpolisierung. Man kann es anders sehen:  Das Leben im Zaffaraya ist, wie schon immer, gelebte Politik – bloss funktioniert sie immer wieder neu nach jenen Werten, die sich die Leute geben, die gerade hier leben. Unter diesen wechselnden Spielregeln geht es aber immer um das beste Leben für alle in der gemeinsam verwalteten Lebenswelt. «Kultur heisst: Essen, Wohnen, Arbeiten, Denken, Fühlen, Träumen, zämä sii, zämä rede… Kultur heisst Leben.» Die Zaffaraya-Kultur ist bis heute die Zaffaraya-Politik geblieben.

In den letzten neunzehn Jahren haben weit über hundert Leute im Durchschnitt zwei bis drei Jahre lang im Zaffaraya gelebt und sind danach weitergezogen – zumeist in die Stadt zurück. Der Wert der sozialen Erfahrungen, die sie mitnahmen; das Wissen darum, dass Wohnen und Leben auch ganz anders möglich ist, kann nicht überschätzt werden. Denn das durchschnittliche Leben, wie es seit Jahrzehnten weitgehend unhinterfragt gelebt wird, setzt einen ökonomischen und ökologischen Ressourcenverschleiss voraus, der ausschliesst, dass es in alle Zukunft so weitergehen wird. «Zaffaraya» ist ein Memento, das weit über die biedere Provinzstadt Bern hinaus daran erinnert, dass es eventuell doch nicht reichen wird, mit einem Glas Prosecco oder Bier in der Hand vor dem Fernseher auf die Meldung zu warten, dem industriellen Fortschritt sei es endgültig gelungen, Technik und Natur zum Nulltarif zu versöhnen.

Würde man sich in Bern nicht derart ausschliesslich an Spraysprüchen und einigen übervollen Abfallkübeln aufhalten, dann wäre man stolz auf das Zaffaraya. Aber so wie die Dinge liegen, ist es besser, wenn das Stadtparlament seine Aufgabe weiterhin darin sieht, sich eine Sitzung lang um die Versetzung eines Abfallkübels in der Altstadt zu streiten. Denn auch ohne neuerliche Politisierung des Zaffarayas ist seine zeitliche Perspektive beschränkt. Letzthin hat der dafür zuständige Kanton Bern angekündigt, 2006 mit dem Bau des Neufeldtunnels als Autobahnzubringer beginnen zu wollen. Nach diesem Bau sollen sich die Asphaltbänder in der Mulde neben dem «Park + Ride Neufeld» wieder mit konformem Leben füllen.

Eine schmale Katze geht vorbei, miaut, verschwindet. Aus einem hüfthohen erdgefüllten Blechfass wächst Unkraut. Daraus hervor schauen zwei Gartenzwerge mit dunklen Gesichtern und weissen Bärten. Am langen Tisch zwischen zwei Wagen sitzt jetzt, gegen Abend, eine bunte Schar von Leuten. Man trinkt «Andechser Weissbier hefetrüb» und plant gemeinsam das Abendessen. Kartoffeln hat es genug. Essig und Öl ist auch da. Und jemand hat sogar Mayonnaise. Kartoffelsalat wäre eine gute Sache. Wer setzt das Wasser auf?

in: Daniel Gaberell [Hrsg.]: Bern. Gesichter, Geschichten, Bern (herausgeber.ch) November 2004. Für Gastfreundschaft und Gespräche bedanke ich mich bei Christine, Kat, Mike, Nic und Regä. Gewidmet ist der Text Lia. – Der Text ist vorabgedruckt worden in der WOZ Nr. 47 / 2004, dort unter dem Titel «Gitarren und das Rauschen der Autobahn» mit einem leicht gekürzten Schluss.