Wie früher und doch nicht ganz

Von Marie Josée Kuhn und Fredi Lerch

Samstagabend. «24. Oktobar» oder ein mysteriöses «VLNR», über einen Helgen der alten Reitschule geschrieben, so heissen die beiden verschlüsselten Flugblattbotschaften, welche diesmal zur Strafbar in die Reithalle, dem ehemaligen Autonomen Jugendzentrum (AJZ) mobilisiert haben. Der Botschaft folgend, kommen an diesem Abend an die 400 Leute etwas abseits des AJZ zusammen, um von dort aus in gemeinsamem Spaziergang die seit dem 14. April 1982 verriegelte und verrammelte Reitschule zurückzuholen. Vor der Reitschule warten zwei Streifenwagen und ein Feuerwehrauto. Als diese jedoch den Riesenzug erblicken, der sich da nähert, ziehen ihre Fahrer vor, den Rückwärtsgang einzulegen. Dem Fest steht nun kein Auto mehr im Wege. Die 1000 BesucherInnen, die sich im Verlauf des Abends in der Reitarena einfinden, können nun unbeschwert den dargebotenen Sound und den Gin (drei Viertel) -Orange (ein Viertel) konsumieren. Einigen Einkehrenden, vorwiegend den älteren., kommen in Anbetracht der historischen Hallen die vormals so bewegten Jahre obsi, sie schreiten bedächtig-nostalgischen Schrittes die schwerbeladenen Mauern ab und haben hie und da ein beklommenes Gefühl: wie früher und doch nicht ganz. Erst in den frühen Sonntagmorgenstunden wagen sich die Streifenwagen wieder vor, weisen die letzten HängerInnen weg und verriegeln alles, wie zuvor.

Sonntagnachmittag. Gegen 300 Leute stehen auf dem Vorplatz des AJZ. Eine Zeitmaschine lädt sie alle in ihren Bauch und dreht und dreht die Jahre zurück, ein Jahr, zwei Jahre, sechs Jahre, stop. Wir schreiben das Jahr 1981, oder hat die Maschine nur so getan und gar nicht zurückgedreht, und wir haben immer noch 1987? Eine Vollversammlung (VV) wird angesagt, Polizeigrenadiere umstellen die Türen der Reithalle. Der Gemeinderat lässt via Polizeidirektor Marco Albisetti den VVlerInnen ausrichten, er sei bereit, unverbindlich über die Nutzung der Reithalle zu verhandeln. «AJZ subito», wieder diese Zauberformel, «Demo, wir wollen eine Demo», wieder fast nur Männer am Megaphon. Wieder machen sich schwarzes Leder und farbige Haarbüschel auf in die Stadt. Wieder schlagen Farbeier gegen die einschlägigen Gebäude, gegen die Scheiben. Wieder pflatsch und klirr und danach dies Gefühl der Entzückung. Déjà-vu. Wieder die randstehenden GafferInnen, die «Vergasen!» und «An die Wand!» brüllen. Und am andern Tag in der Presse die alte Leier: «Zu verurteilen ist, dass einzelne mit Gewalt die Konfrontation suchten» (Bund), oder: «Die Scherben und Farbbeutel in der Innenstadt machten mehr kaputt als Scheiben und Fassaden.» (BZ)

Gopf, ist denn alles beim Alten geblieben oder was?

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Das Alte ist das Bewegungsspiel, das letzten Sonntag eine Reprise erlebte. Neu ist der kulturpolitische Zusammenhang, in dem es aufgeführt wurde.

• Die achtziger Bewegung ist in Bern nie vollständig zerschlagen worden. Sie zerfiel zwar in kleine Gruppen, die aber in verschiedenen Quartieren und auf verschiedenen Gebieten politisch aktiv blieben. Im Mattenhofquartier wurde das ZAFF besetzt und bis zu seiner Schleifung am 8. Juni 1985 als WG und alternativer Szenentreff genutzt. Die aus dem ZAFF Vertriebenen besetzten danach einen Teil des Gaswerkareals an der Aare und riefen das «Freie Land Zaffaraya» aus, das nun seit über zwei Jahren wächst und gedeiht.

• Nach der Räumung des ZAFF wurden in weiteren besetzten Liegenschaften Kulturveranstaltungen organisiert. An einer davon wurde Getränk an der «Strafbar» ausgeschenkt. Seither folgten Strafbars auf der Kohlehalde, im Käsekeller, in der Dampfzentrale, in den Reitställen, auf dem kleinen Schänzli und letzten Samstag in der Reithalle. Die letzten vier dieser Aktionen mobilisierten durch Mundpropaganda jeweils zwischen 500 und 1000 Personen.

• Am 4. März 1986 stellte sich die Interessengemeinschaft Kulturraum Reitschule (IKuR) der Öffentlichkeit vor, deren Ziel die Erhaltung und kulturelle Nutzung des gesamten Reitschulgeländes ist. Die in der Alternativszene breit abgestützte IKuR ist in den letzten anderthalb Jahren soweit zum kulturpolitischen Faktor geworden, dass Albisetti letzten Sonntag vor der VV festhielt: «Wir (der Gemeinderat, Red.) sind bereit, sobald als möglich mit einer Delegation der IKuR konstruktive Gespräche aufzunehmen.»

• Auf dem Gaswerkareal in der Nähe des Zaffarayas und des Jugendzentrums Gaskessel, ist seit anderthalb Wochen das Kulturzentrum Dampfzentrale in Betrieb. Zweimal hat der Betriebsverein in den letzten Tagen kulturpolitisch Stellung genommen. An einer Pressekonferenz vor einer Woche hat er sich distanziert von den Vorstellungen der Stadt, in der Dampfzentrale sei nur Raum für «professionell bestätigte, ernsthaft tätige Kulturschaffende». Ab 6. Dezember sollen unter dem Motto «Open house» Eröffnungswochen stattfinden (Näheres bei: Dampfzentrale, Marzilistrasse 47, 3005 Bern). Letzten Sonntag dann weigerte sich der Verein, die Dampfzentrale – wie dies Albisetti via Radio wünschte – für die angekündigte VV zu öffnen, «weil damit das Problem Reithalle nicht gelöst wird».

• Schliesslich ist letzte Woche das «Berner Kulturkartell» (KuK) gegründet worden, dem prominente Berner Organisationen aller Kunstrichtungen angehören. Unter anderem gehe es dem KuK darum, «die Gräben zwischen etablierter und randständiger Kultur zuzuschütten, um gemeinsam aktiv zu werden in brisanten kulturpolitischen Anliegen». Ihren ersten öffentlichen Auftritt hatte das KuK letzten Sonntag, als ihr Vertreter Peter Javor vor der VV den städtischen Polizeichef ankündigen durfte.

Inklusive politische Parteien bis hin zur SP und der Freien Liste ist dieses weitverzweigte Netz kulturpolitischer Szenen und Interessen zur Zeit geeint in der Forderung an den Gemeinderat: Öffnung der Reithalle als AJZ, Begegnungs- oder Kulturzentrum. Eigentlich wollte der Gemeinderat die Dampfzentrale als Kulturzentrum freigeben, die Kulturszene mit Auflagen («Professionalität») spalten und die Reithalle «freispielen» für eine richtig schöne Grossüberbauung. Er hat sich – wie es aussieht – verrechnet.

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In ihren Ausdrucksmitteln hat die wiederaufgetauchte Bewegung letzten Sonntag konsequenterweise am 14. April 1982, den Tag der AJZ-Schliessung, angeknüpft. Noch nicht klar ist, welche Einschätzung der neuen kulturpolitischen  Situation sich durchsetzen wird. Mit der ausschliessenden Forderung «AJZ subito» hat sich eine ganze Bewegung verheizt. Die politischen Kräfteverhältnisse sind seither unverändert geblieben. Darüber hinaus wäre es naiv zu meinen, das AJZ sei damals ausschliesslich an der polizeilichen Repression gescheitert.

Die Forderung heute muss lauten: «Mehr Lebens- und Kulturraum!», wobei weniger Kontrolle immer schon mehr Kultur bedeutete. Es braucht die Reithalle und das Zaffaraya und und und. Wieviel Raum die vernagelte Berner Obrigkeit «uns» zugestehen muss, entscheiden in den nächsten Wochen nicht zuletzt die neu auferstandenen Achtziger Gespenster.

 

[Kasten]

So geht es weiter

Sa., 31.10.: «Kulturstreik»
14.00 Uhr: Manifestation in der Reithalle; 20.00: Fest in der Reithalle
Bis jetzt haben sich dem Streik Gaskessel, Kellerkino, Brasserie Lorraine, 3 Eidgenossen, Quick und «Projekt blue» angeschlossen. Sie alle wollen ihre geplanten Veranstaltungen am Samstag in der Reithalle durchführen. Die Koordinationsstelle (Neuengasse 23, Tel. 031/21 11 08) ruft alle Kulturorganisationen und -schaffenden auf, sich am Kulturstreik zu beteiligen.
Sa., 14.11.: «Zaffaraya bleibt!»
14.00 Uhr: Münsterplatz.
«Gegen das 4. Räumungsultimatum vom 15. November des seit zwei Jahren befreiten Landes Zaffaraya!»

Ich danke Marie-Josée Kuhn für die Einwilligung, die Co-Produktion an dieser Stelle zweitzuveröffentlichen.