Weisskittel und doch bei der Unia

Fototermin vor dem Empfang des ABB-Werks Turgi (AG), gleich neben der Limmatbrücke. Im Bild: Heidi Frei, Unia-Mitglied im Sektor Industrie. Eine Angestellte die keine Überkleider. trägt Für den Fotografen lächelt sie. Sonst blickt sie ernst mit klarem Blick. Fragt man sie nach ihrer Arbeit, sagt sie: «Ersatzteilbestellungen abwickeln.»

Als sie zu erzählen beginnt, wird ihr Engagement spürbar für die oft abstrakte Büroarbeit. «Nehmen wir an, ein chinesischer Kunde legt sein Walzwerk für die Jahresrevision still. Bei der Kontrolle des ABB-Antriebs stösst man auf defekte Teile, Thyristoren, Panels, Boards zum Beispiel. So bestellt der Kunde die benötigten Ersatzteile bei der ABB China, wo die Bestellung weitergeleitet wird. Sobald das Mail hier eintrifft, bin ich zuständig.»

Abstrakt ist Heidi Freis Arbeit, weil Antriebe in verschiedenen Branchen eingesetzt werden. Organisiert sie im Lager oder bei einem Zulieferer die bestellten Ersatzteile, weiss sie oft nicht, ob sie der Kunde später in ein Walzwerk, ein Kraftwerk oder in einen Schiffsmotor einbaut. «Spannend ist die Arbeit vor allem wegen der Herausforderung, pünktlich und fehlerfrei zu liefern.» Es kommt vor, dass sie mit einem Kundenvertreter in die Verpackerei nach Untersiggenthal (AG) fährt, um mit ihm zusammen jedes eingepackte Ersatzteil zu kontrollieren, bevor die Transportkiste verschlossen und plombiert wird. «Meine Aufgabe ist es, die ganze Bestellungsabwicklung zu überwachen und den Kundenkontakt zu halten.»

Die Weisskittel und die Gewerkschaft

Heidi Frei arbeitet seit 1978 im Betrieb. Die ersten zehn Jahre für die Brown, Boveri & Cie. (BBC), seit der Fusion 1988 für den heutigen ABB-Konzern. Neben dieser Fusion hat sie eine zweite miterlebt: die gewerkschaftliche zur heutigen Unia. Trotz wilder Zeiten und Strukturveränderungen ist eines gleich geblieben: Heidi Frei arbeitet im Büro und gehört trotzdem zur Gewerkschaft der Metallindustrie.

«Meine Erfahrung ist», sagt sie, «dass es für Gewerkschaften immer wieder schwierig ist, unsere White-Collar-Arbeitsplätze richtig einzuschätzen.» White Collar – das sind die Weisskittel, die Angestellten, für die sich Gewerkschaften traditionellerweise weniger zuständig fühlen als für die «Blue Collar», die Blaukragen, die Industriearbeiter im Übergewand. Weisskittel machten oft unspektakuläre Arbeit, sagt Frei, aber weil auch sie häufig hervorragende Arbeit leisteten, habe die Schweizer Industrie in der Welt einen derart guten Ruf. «Würde die Unia diese Leute bewusster wahrnehmen und ihnen attraktivere Angebote machen, wären in diesem Bereich neue Mitglieder zu holen.»

Amüsiert erzählt sie, welche Wirkung auch von einem Unia-Weisskittel ausgeht: Als sie vor Jahren ihre Eigentumswohnung im Rohbau besichtigte, trug sie ein Unia-Shirt. Plötzlich sei der Bauführer, der sie nicht kannte, aufgetaucht und habe sie angefahren, die Unia habe auf dieser Baustelle nichts zu suchen. «Schonend habe ich ihm beigebracht, dass ich die Bauherrin sei und er in meinem Auftrag arbeite.»

In der GAV-Verhandlungsdelegation

Als Vizepräsidentin des Branchenvorstands Maschinenindustrie hat Heidi Frei zur Unia-Delegation gehört, die den unterdessen geltenden Gesamtarbeitsvertrag (GAV) der Maschinenindustrie ausgehandelt hat.

Eine spannende Erfahrung: In Unia-internen Sitzungen hat sie mitgeholfen, die Strategie festzulegen für das jeweils nächste Treffen mit der Swissmem-Delegation, den Arbeitgebervertretern. «Wir haben verhandelt, bis wir nicht mehr weitergekommen sind. Beim letzten Treffen sind wir schliesslich aufgestanden und gegangen.» Den neuen GAV gibt es dank einer Mediation im kleinen Kreis: «In diesem Rahmen konnte die Unia die Minimallöhne als Riegel gegen das Lohndumping durchsetzen.»

Für Heidi Frei ist der neue GAV vor allem ein Erfolg für die Unia: «Im Gegensatz zu anderen Arbeitnehmervertretungen haben wir die zentrale Forderung bis zuletzt verteidigt und schliesslich auch durchgefochten.» Und ein persönlicher Erfolg sei er für Unia-Geschäftsleitungsmitglied und Nationalrat Corrado Pardini: «Auch Hans Hess, der Swissmem-Präsident, hat hart verhandelt, aber Pardini hatte oft die besseren Argumente schneller zur Hand.»

Derzeit kandidiert Heidi Frei für den ABB-Angestelltenrat. Wird sie gewählt, will sie dafür sorgen, dass die Gewerkschaft schnell vor Ort ist, wenn’s brennt und ansonsten in den Köpfen präsent bleibt. Wenn Vorgesetzte wüssten, dass die Gewerkschaft aufmerksam hinschaue, sei die Chance grösser, dass sie von vornherein korrekt handelten «Mithelfen zu steuern, dass es hier weiterhin gut läuft: Das wäre, im Interesse der Mitarbeitenden, mein Job.»

 

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Die Reiterin

Heidi Frei (* 1957) wächst in Ehrendingen (AG) auf und macht beim Reisebüro Kuoni in Baden die kaufmännische Ausbildung. Danach arbeitet sie bei der Bucher Landtechnik AG in Niederweningen (ZH), im Bezirksgericht Baden im Bereich der Urteilsausfertigungen und in einer Textilagentur.

Am 1. November 1978 beginnt sie bei der Brown, Boveri & Cie. (BBC) in Baden im Bereich Motorenverkauf. 1983 wird ihr Arbeitsbereich in die BBC Turgi (AG) verlegt. Hier ist sie zuständig für den Verkauf von Antriebstechnik. 1988 erlebt sie die Fusion der BBC mit dem schwedischen ASEA-Konzern zur heutigen ABB Ltd. Nach zwanzig Jahren im Verkaufssekretariat bildet sie sich zur Technikredaktorin weiter – zuständig für die Formulierung und das Erstellen von Betriebsanleitungen. Später erledigt sie als Montageprojektleiterin die administrativen Arbeiten für die Aussendienstmitarbeiter. Nun arbeitet sie als Projektmanagerin im Bereich Ersatzteilverkauf.

Heidi Frei ist via SMUV und «Angestellte Schweiz» in die Unia gekommen. Heute ist sie Vizepräsidentin des Unia-Branchenvorstands Maschinenindustrie und Vertrauensfrau der ABB Turgi. Sie lebt in Oberweningen (ZH). In ihrer Freizeit reitet sie auf ihrem Wallach Sputnik gerne aus und trainiert im firmeneigenen Fitnesscenter.