Vorhang auf für den Hans!

Eng ist es hier oben. Neben dem Schnürmeisterbüro ein enger Laufsteg mit Geländer. Der Blick geht rund zehn Meter senkrecht hinunter auf die Bühne. Schwindelerregend. Wolters schüttelt die Hände seiner ehemaligen Kollegen. Schon frotzelt einer: «Dann geh ich schon mal nach Hause, wenn der Hans wieder da ist.» Hans Wolters lacht: «Nur das nicht! Ich habe keine Ahnung mehr, wie das hier läuft.»

Mit 17 Jahren Jugendsprecher

Vor elf Jahren ist er im Stadttheater Bern als Schnürmeister pensioniert worden und mit der Frau nach Deutschland in seine Heimatstadt Krefeld zurückgekehrt. Später einmal – auf der Durchreise in Bern – hat er versucht, seine Kollegen auf dem Schnürboden zu besuchen. Man hat ihn an der Loge abgewiesen – ihn, der ein Vierteljahrhundert lang dafür gesorgt hat, dass sich über den Berner Brettern, die die Welt bedeuten, die Kulissen im richtigen Moment auf den Zentimeter genau in die richtige Position bewegt haben.

Aber diesmal ist Wolters als Ehrengast da: Im Foyer wird er an der Hauptversammlung der Gewerkschaftsgruppe Stadttheater für seine 60-jährige Mitgliedschaft geehrt. Schon mit 17 Jahren war er in Krefeld Jugendsprecher der Gewerkschaft «Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr», der ÖTV, die mittlerweile in der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi aufgegangen ist. Damals hat er im dortigen Eisenbahnausbesserungswerk gearbeitet. Später war er sieben Jahre lang Betriebsratsvorsitzender beim Stadttheater Krefeld.

Die Arbeitstage auf dem Schnürboden sind lang. Morgens um acht beginnt man mit dem Aushängen der Kulissen des Stücks vom Vorabend. Nach der Mittagspause werden dann man die Kulissen für die Abendvorstellung eingehängt. Und wenn man langsam müde wird, heisst’s: «Vorhang auf!»

Feinarbeit leistet das Schnürbodenteam am Computer: Jede Bewegung der Kulissen muss auf den Zentimeter genau programmiert sein. Während der Vorstellungen werden die programmierten Bewegungen mit zwei Fahrhebeln gesteuert. Damit der Kakadu tatsächlich exakt dann herunterschwebt, wenn der Bass im Orchesterfortissimo sein «Kakadu!» singt, reagiert der Mann oben an den Hebeln auf das Lichtsignal des Spielleiters, der neben der Bühne steht. Eine Konzentrationssache: «Bei der x-ten Vorstellung kann die Routine schon zum Problem werden.»

Immer mittendrin

Nach Bern kam Wolters 1970 auch in der Hoffnung, als Gewerkschafter nun kürzertreten zu können. Dann wird an einer der ersten Versammlungen, an der er teilnimmt, ein neuer Obmann für die Betriebskommission gesucht. Keiner will. Aber ein Kollege, der Wolters kennt, weiss Rat: Der Wolters habe das in Krefeld gekonnt, der werde das wohl in Bern auch können. «Und schon war ich wieder mittendrin.» Präsident der Gewerkschaftsgruppe, Gewerkschaftsdelegierter, Mitglied des Regionalvorstands, Personalvertreter im Verwaltungsrat, Vizepräsident des Stiftungsrates des Stadttheaters: Wolters hat alles gemacht. «Ausser Kassierer», sah er.

Unbestritten ist, dass das Stadttheater Bern seither gute Gesamtarbeitsverträge gehabt hat. Es war das erste Theater, das gleichen Lohn bei gleicher Arbeit für Mann und Frau bezahlt hat. Auch hatte es früh einen Mutterschaftsfonds: Dazu musste Wolters seine Kolleginnen und Kollegen überzeugen, Lohnprozente dranzugeben. Vor der entscheidenden Abstimmung sei eine ältere Kollegin aufgestanden: Warum sie dafür bezahlen sollte, sie kriege ja doch keine Kinder mehr. «Ich habe geantwortet: ‘Aus dem gleichen Grund, aus dem ich bezahle – ich krieg nämlich auch kein Kind.» Der Fonds ist damals einstimmig angenommen worden.

Zum Glück keine Blindgänger

Einmal hat Wolters den GAV mit einem einzigen Stossseufzer reformiert. Beim Aushandeln der unzähligen Zulagen, die der Vertrag bis dahin vorsah, hat er geseufzt: «Diese Honorare! Theaterbetriebszulagen, wie man sie in Deutschland bezahlt, wären bedeutend praktischer.» Der Verwaltungsdirektor, der die Arbeitgeberseite vertritt, fragt nach, was das sei. Wolters erklärt das Prinzip dieser Pauschalabgeltung, der Verwaltungsdirektor ist interessiert, man verhandelt in diese Richtung weiter: Seither gibt es am Stadttheater eine Theaterbetriebszulage.

Dass die Verträge immer besser geworden seien, habe man nun an der Hauptversammlung als sein Verdienst gewürdigt, sagt Wolters: «Dabei hatte ich nur Glück. Ich hatte einen guten Gewerkschaftssekretär, Hansruedi Inäbnit, der sich für unsere Forderungen eingesetzt hat, und ich hatte einen Vorstand ohne einen einzigen ‘Blindgänger’.» Eigentlich sei es so: «Als Schnürmeister bin ich gekommen, als Schnürmeister bin ich wieder gegangen: Hab keine goldenen Löffel gestohlen und hab mit niemandem Streit gehabt. Das war’s auch schon.»

 

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Kein Schmarotzer

Hans Wolters (* 1932) ist 13 Monate alt, als sein Vater, ein Funktionär des Bekleidungsarbeiterverbands stirbt. Kindheit in den Luftschutzkellern von Krefeld (D): «Dreimal ist mir die Schule ausgebrannt.» Später Erfahrungen mit amerikanischen und englischen Besatzern. Schreinerlehre bei den Bundesbahnen. Als die überlebenden Kollegen seines Vaters aus den Konzentrationslagern zurückkehren, erwarten sie von ihm, dass auch er Gewerkschafter wird. Auch seine Mutter drängt: «Hast du dich immer noch nicht angemeldet?» Er will nicht. Bis ihm die Mutter eine runtergehaut und sagt: «Ich hab keinen Schmarotzer grossgezogen!» Seit diesem Tag ist er dabei, heute als Mitglied der Unia.

Nach der Lehre Arbeit als Schreiner, dann arbeitslos, 1951 steigt er beim Stadttheater Krefeld ein, wo er mit der Zeit Schnürmeister wird. In dieser Funktion wechselt er 1970 nach Bern. Heute lebt er mit seiner Frau wieder in Krefeld, seine beiden Töchter sind in der Schweiz geblieben.