Vom Herrschaftssitz zum Frauenknast

Vor exakt 300 Jahren, 1721, baute sich Hieronymus von Erlach, damals einer der reichsten Berner, als Herrschaftssitz das Schloss Hindelbank. Im gleichen Jahr wurde er Schultheiss der Stadt und damit während seiner Amtszeit bis 1746 auch einer der Mächtigen seiner Zeit. 1866, verkaufte sein verarmter Ururgrosssohn das Schloss an den Kanton Bern. So wurde es zur «Notharmenanstalt für Frauen»; 1896, also vor exakt 125 Jahren, dann zur «Zwangsarbeitsanstalt für Weiber» und 1912 zur «Arbeits- und Strafanstalt für Frauen». Nach wechselvoller Geschichte und vielen Um- und Neubauten nennt sich das einzige Frauengefängnis der Deutschschweiz heute «Justizvollzugsanstalt Hindelbank» (JVA) respektive auf einer Website des Kantons Bern «Kompetenzzentrum für den Justizvollzug an Frauen».

300 Jahre Schloss, 125 Jahre Gefängnis: ein Anlass, genauer hinzuschauen.

Die Oberen und Wenigen, die Unteren und Vielen

«Hindelbank – Das Schloss. Die Anstalt. Das Dorf – 1721 bis heute». So heisst die Ausstellung, die ab dem 16. Oktober im Schloss Hindelbank zu sehen ist. Unter der Gesamtleitung von Christoph Reichenau hat der Fotohistoriker Markus Schürpf als Ausstellungsmacher einerseits die Geschichte des Bauwerks, andererseits bernische Staats- und für die spätere Zeit kantonale und eidgenössische Rechts- und Sozialgeschichte erleb- und erfahrbar gemacht.

Im ersten Ausstellungsraum zum Beispiel, dem «Unteren Vestibül», begegnet man der von Erlach-Dynastie, zu der auch Karl Ludwig von Erlach gehört, der am 4. März 1798 als General gegen Napoleons Truppen die Schlacht im Grauholz verlor und gleichentags von bernischen Landsturmsoldaten getötet wurde. Dieser Welt der Oberen und Wenigen wird jene der Unteren und Vielen gegenübergestellt, die später in der Anstalt Hindelbank gelebt haben und bis heute leben. Zu sehen sind im «Unteren Vestibül» darum auch «Verbrecheralben», «Mutationsrapporte» und Porträtbilder von Insassinnen.

Die Ausstellung verteilt sich über zehn Räume auf zwei Stockwerken, verbunden durch eine elegant geschwungene Treppe, die Gelegenheit bietet, einmal entlang eines vergoldeten schmiedeeisernen Geländers zu wandeln. Beim genaueren Hinschauen begegnet man neben vielen Namenlosen, die hier eingesperrt worden sind, immer wieder auch Persönlichkeiten, die in die Zeitgeschichte eingegangen sind: von den Schriftstellerinnen Margarethe Hardegger und Mariella Mehr bis zu Claudia Bislin, die wegen Sprengstoff- und Waffenbesitzes als Terroristin galt oder Ursula Müller-Biondi, die als unehelich schwangere Achtzehnjährige in Hindelbank administrativ versorgt wurde – und die in den letzten zwanzig Jahren entscheidend dazu beigetragen hat, dass die ernsthafte Aufarbeitung der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen in diesem Land in Gang gekommen ist.

Statt nur ein Katalog ein Bucherlebnis

Zur Ausstellung ist ein Buch erschienen. Ein Ausstellungskatalog also. Aber einer, der mehr ist: Die graphische Gestaltung (Bernard Schlup) macht den mächtigen, reich illustrierten Band zum Bucherlebnis und bietet eine Fülle von Beiträgen, die sich dem Schloss Hindelbank und seiner Geschichte von verschiedenen Seiten nähern: wissenschaftlich, journalistisch, passagenweise gar literarisch.

Eröffnet wird der Band mit zwei Geleitwörtern der schweizerischen Justizministerin Bundesrätin Karin Keller-Sutter und des kantonalen Sicherheitsdirektors Regierungsrat Philippe Müller. Danach wird man von Annette Keller, der Direktorin der heutigen Justizvollzugsanstalt, empfangen. Sie erzählt im Interview davon, was es heute bedeutet, im Umgang mit traumatisierten Insassinnen, mit der Mutter-Kind-Wohngruppe und der Hindelbanker Dorf-Kita oder mit LGBTQ-Menschen im Alltag jene humanistischen Werte zu leben, denen sich Keller verpflichtet fühlt. Danach liest man im ersten Teil des Buches in Porträts von verschiedenen Mitarbeitenden und einer ganzen Reihe von Insassinnen – alle auch zu sehen in gekonnt inszenierten Fotoporträts (Yoshiko Kusano).

Im zweiten Teil widmen sich die Historikerinnen Nathalie Grunder und Yvonne Schüpbach dem Verhältnis zwischen der Institution und der Hindelbanker Dorfbevölkerung – die grösste Entfremdung erfolgte demnach im Jahr 1997: «Mit der Umzäunung des Geländes [um das Gefängnis, fl.] verschwanden die Bezugspunkte für die Dorfbevölkerung fast komplett.» Studiert werden kann an diesem Text zudem die Wirkung, die ein  fussnotenreicher historischer Beitrag hat, wenn er in exemplarisch streng gegenderter Sprache präsentiert wird («Insass*innen», «Männer*», «Frauen*» etc.).

Ein Ort, an dem man weint beim Lächeln

Im dritten Teil bietet der ehemalige Denkmalpfleger des Kantons Bern, Jürg Schweizer, eine detaillierte Monographie vom Bau und von den späteren baulichen Veränderungen des Schlosses. Und die freischaffende Historikerin Katrin Rieder verbindet in ihrem Beitrag über den letzten Schlossherrn von Hindelbank, Robert von Erlach, ihre Skizze von 150 Jahren Besitzergeschichte mit literarischer Rollenprosa, wenn sie den verarmten Aristokraten im März 1866, in den Tagen des Verkaufs seines Schlosses und der Versteigerung seiner Habe,  vom Cheminéezimmer aus «auf die prachtvolle Gartenanlage» hinunterblicken lässt.

Im vierten Teil erzählen Myriam Hostettler und Kevin Heiniger aus der Geschichte der kantonalen Institution, die das Schloss mit dem Verkauf geworden ist: Zuerst war es «Spital, Irrenhaus und Disziplinaranstalt», später Straf- und Massnahmenvollzugsanstalt, in der die strafrechtlich eingesperrten Frauen blau und die administrativ versorgten braun eingekleidet zu leben hatten. Silvan Zemp steuert ein Porträt des Hindelbank-Direktors Fritz Meyer bei, der der Institution zwischen 1950 und 1983 vorgestanden hat. Anhand von Meyers Tagebuchaufzeichnungen zeigt er unter anderem, unter welchem Druck die Institution und der Direktor selbst zeitweise standen, als die Jugendkulturen nach 1968 den «Knastkampf» aufnahmen.

Das letzte Wort im Buch haben in einfühlsam gestalteten Porträts acht ehemalige Insassinnen. Die brasilianische Kokainschmugglerin Fabiana Mendes wird dort so zitiert: «Hier will ich mich auf das Leben danach vorbereiten. Deshalb versuche ich, auch immer wieder ein Lächeln im Gesicht zu haben.» Mendes habe das, ist angemerkt, mit tränenerstickter Stimme gesagt.