«Viele Chefs sind unflexibel»

Mittagspause. Heute vormittag hat Beatrice Gerber hier in Oberburg (BE) in einer Privatwohnung Zimmer gestrichen. Jetzt sitzt sie in der Werkstatt des Gipser- und Malergeschäfts Jakob AG an einem langen Holztisch, isst Brot und Käse und beginnt zu erzählen. Wie sie auf dieses Jahr wieder eine Malerin geworden ist. Obwohl sie eigentlich Malermeisterin wäre.

Karriere und Mutterschaft

Vor acht Jahren in Bern war Beatrice Gerber noch Maler-Vorarbeiterin, bei der Sorrenti AG. «In dieser Zeit wollte ich noch einmal eine Weiterbildung machen und schwankte zwischen Berufsmatur und Meisterschule.» Schliesslich entscheidet sie sich für die Malermeisterin HFP (Höhere Fachprüfung), reduziert das Arbeitspensum auf 80 Prozent und geht für zwei Jahre vier Mal pro Woche in die Schule. Sie vertieft in dieser Zeit nicht nur ihre beruflichen Kenntnisse, sondern erweitert sie auch in Richtung Unternehmensführung und Rechnungswesen.

Dann wird sie in der Sorrenti AG zur Meisterin befördert und steigt in die Geschäftsleitung auf. «Das war mein Traum-Arbeitsmodell.» Gut die Hälfte der Arbeitszeit braucht sie für Büroarbeiten, insbesondere für die Planung und Organisation der Baustellen. Daneben bleibt ihr Zeit, um als Servicemalerin zu arbeiten: «Ich machte kleinere Renovationsarbeiten, für die der Aufwand, jemanden anzuweisen und mehrmals vorbeizuschicken, kaum rentiert hätte.» So habe sie in jenen Jahren auf verschiedenen Ebenen «wahnsinnig viel gelernt».

Als Gerber im Frühling 2011 schwanger wird, entscheidet sie sich, sich nach einer anderen Stelle umzusehen. «Man hat mir zwar eine Teilzeitstelle angeboten. Aber ich wusste, dass ich nun stärker darauf angewiesen sein würde, pünktlich Feierabend machen zu können. In einer leitenden Funktion ist das manchmal schwierig. Ich hatte das Gefühl, den Aufgaben Meisterin und Mutter nicht gleichzeitig komplett gerecht werden zu können.»

Beatrice Gerber arbeitet schliesslich halbtags, bis vor Weihnachten 2011. Am 19. Januar 2012 kommt ihre Tochter zur Welt. Wie es nach dem Mutterschaftsurlaub beruflich weitergehen sollte, hatte sie schon geplant: Während der Schwangerschaft hat ihr eine gute Kollegin aus der Malermeisterschule, die die Jakob AG führt, angeboten, sie als Maler-Vorarbeiterin zu sechzig Prozent anzustellen. «Jetzt arbeite ich hier von Montag bis Mittwoch. Die restlichen Tage bin ich zu Hause. Für mich ist das zurzeit die ideale Lösung.»

Phantasie und Flexibilität

Bereits 1990 in der Gewerbeschule sass Beatrice Gerber mit fünf Kollegen und zwei Kolleginnen in der Klasse. Seither ist das Interesse von jungen Frauen am Malerberuf ungebrochen hoch geblieben. Mit der Anzahl der Berufsjahre sinkt allerdings der Frauenanteil an den Arbeitenden rapid: von 39 Prozent bei den 18- bis 26jährigen über 22 Prozent bei den 27- bis 31jährigen und 15 Prozent bei den 32-bis 36jährigen bis auf 5 Prozent bei den 37- bis 41jährigen.

Für dieses Malaise sieht Beatrice Gerber mehrere Gründe: schlechte sanitäre Einrichtungen für Frauen auf den Baustellen etwa («obschon es heute schon sehr viel besser ist als noch vor fünfzehn Jahren») oder das Arbeitsklima («nicht selten allein unter lauter Männern – das ist nicht jeder Frau gegeben»). Der Hauptgrund seien aber fehlende Teilzeitstellen: «Im Malergewerbe gibt es Teilzeitstellen nur als ein gelegentliches Entgegenkommen des Arbeitsgebers, wenn er eine bewährte Angestellte nicht verlieren will. Aber wer auf dem Markt eine Teilzeitstelle sucht, wird grosse Mühe haben. Gewöhnlich finden Malereigeschäfte immer jemanden, der zu 100 Prozent arbeiten will.» So haben Malerinnen, die Mütter geworden sind, kaum mehr eine Chance.

Aber eigentlich ist das Malermetier kein Beruf, bei dem grosser Erklärungsbedarf bei Arbeitsübergaben notwendig ist. Wären denn hier Teilzeitregelungen nicht relativ einfach möglich? «Das finde ich auch!», sagt Beatrice Gerber. Klar müssten Chef und Malerin immer prüfen, ob es im konkreten Fall möglich sei, halbtags zu arbeiten. «Aber organisierbar ist vieles, wenn man will», wie sie aus eigener Erfahrung weiss. «Ich denke, es braucht einfach mehr phantasievolle Regelungen im Einzelfall. Und im allgemeinen etwas mehr Flexibilität bei den Chefs.»

Schon unter der Werkstatttür auf dem Weg zurück an ihre Arbeit sagt sie noch: «Die Betriebe investieren so viel in die Ausbildung von Malerinnen und lassen sie dann nach fünf oder zehn Jahren gehen, statt ihnen vierzig Berufsjahre zu ermöglichen. Ist das vernünftig?»

 

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Die Weltreisende

Beatrice Gerber (* 1976) wächst in Salvenach (FR) auf. Die Sekundarschule besucht sie in Murten. Nach mehreren Schnupperlehren macht sie die dreijährige Malerlehre in Kerzers (FR). Danach arbeitet sie für dreieinhalb Jahre in einen Kleinbetrieb in Liebistorf (FR). In dieser Zeit besucht sie berufsbegleitend die halbjährige Maler-Vorarbeiterschule an der Gewerblich-Industriellen Berufsschule (GIBB) in Bern. 1997/98 bereist sie ein Jahr lang Neuseeland, Australien und mehrere ostasiatische Länder. Dann: Vorarbeiterin in Lyss, im Winter geht sie jeweils auf Reisen. Nach vier Jahren kündigt sie, um in Ghana einen halbjährigen freiwilligen Arbeitseinsatz zu leisten. Zurück in der Schweiz jobbt sie als Malerin temporär und lernt so verschiedene Betriebe und Arbeitsverhältnisse kennen. Zwischen Sommer 2004 und Sommer 2012 ist sie bei der Sorrenti AG in Bern angestellt. Nun arbeitet sie für die Jakob AG in Oberburg (BE).

Beastrice Gerber ist Unia-Mitglied und hat bei einer Malerinnen-Umfrage der Unia-Sektionen Bern und Oberaargau-Emmental mitgearbeitet. Sie lebt mit ihrem Partner und der Tochter Anna in Worb (BE). Als Hobbies nennt sie neben dem Lesen und dem (zur Zeit eingeschränkten) Reisen «kulturelle Veranstaltungen von Konzert über Kino bis Theater».