Untypisch männlich!

Zweiter Stock des Unia-Hauses in Bern, Vormittag. Eben hat Nicola Zaugg vom Leiter der Kommunikationsabteilung, Nico Lutz, einen neuen Auftrag erhalten: Er soll Belegexemplare von neugedruckten Prospekten verschiedener Unia-Sektionen in Couverts stecken, diese beschriften und in einer Hängeregistratur ablegen. Der vierzehnjährige «Niggi», wie er sich nennt, begreift schnell und beginnt konzentriert zu arbeiten. Ab und zu schiebt er sich den hohen schwarzen Zylinderhut aus den Augen, den er sich in diesem Grossraumbüro von einer Ablage geschnappt hat und jetzt aus Jux trägt.

«Ziemlich locker» sei es hier, sagt er in der nächsten Arbeitspause. Ihm passe, dass es nicht nur «um Einfahren, Arbeiten und Ausfahren» gehe: «Hier spricht man miteinander.» Die «drei Glücklichsten» seiner Schulklasse allerdings seien in eine Kinderkrippe gekommen. Den ganzen Tag mit Kindern zu spielen, das hätte er sich auch vorstellen können. Aber nun haben ihn seine Lehrkräfte Heidi Münger und Peter Staudenmann zur Unia geschickt, um einen Berufsmann zu begleiten, der sich heute Mittag pünktlich um halb eins in einen Hausmann verwandeln wird.

«Fürabeträff» im Quartierzentrum

«Avanti» heisst das Projekt zur Berufswahlvorbereitung, das die Schweizerische Konferenz der Gleichstellungsbeauftragten entwickelt hat. Während der drei Praktikumstage trifft sich Nicola Zauggs siebte Klasse abends im Quartierzentrum «Villa Stucki» zum «Fürabeträff», um die neuen Erfahrungen auszutauschen.

Begeistert sei gestern Abend eine Kollegin gewesen, erzählt er, die zusammen mit einem Maler einen Gartenzaun und danach eine Fassade gestrichen habe. Mehrere der «Modi» hätten allerdings gejammert, ihnen tue alles weh, sie könnten am nächsten Tag unmöglich weitermachen: «Die eine hat zum Beispiel geklagt, sie habe den ganzen Tag unter einem Auto stehen müssen.» Gelacht habe man am meisten über jenen Kollegen, der mehr als zwei Stunden zu spät an seinem Arbeitsplatz auftauchte, weil er verschlafen und danach auch noch das falsche Tram erwischt habe.

Das Projekt «Avanti» verfolgt mehrere Ziele: Zum einen gehe es darum, sagt Lehrer Staudenmann, bei den Jugendlichen Rollenvorurteile abzubauen, in der Phase der Berufswahlvorbereitung neue Möglichkeiten aufzuzeigen und so den Horizont zu erweitern. Deshalb werden die Mädchen mit typischen Männerberufen konfrontiert. Und die Buben begegnen einerseits Männern, die wie Lutz zwischen Berufsarbeit und Hausarbeit hin und herswitchen, andererseits solchen, die wie zum Beispiel Kleinkindererzieher in typischen Frauenberufen arbeiten.

Schichtwechsel im Kinderzimmer

Halb eins. Eben besprach Nico Lutz noch mit einer Kollegin eine Unia-Stellungnahme zu den aktuellen Entwicklungen in Reconvilier. Auf dem Nachhauseweg hat er dann Tortellini gekauft, die er nun ins kochende Wasser gibt, während neben ihm am Schüttstein Nicola Zaugg steht und den Kopfsalat wäscht, den er zuvor aus dem Garten geholt hat.

Während man sich vor das Haus zum Essen setzt, bringt die Mutter von Lutz den Bébéfunk und verabschiedet sich: Sie hat während des Vormittags die Kinder gehütet, jetzt schlafen sie. Die Kinderbetreuung wird hier minutiös geplant – «wir funktionieren fast wie in einem KMU», sagt Lutz. Im Haus leben drei kleine Kinder von zwei Paaren, wobei alle vier Erwachsenen Teilzeit arbeiten und abwechslungsweise zu den Kindern schauen.

Nicolas Teller ist noch halbvoll, als der Bébéfunk Alarm schlägt. Er holt den kleinen Theo aus dem Schlafzimmer und bietet ihm von seinen Teigwaren an. Nichts zu machen: Für den eben erwachten Zweijährigen hat’s hier zu viele fremde Gesichter, um zu essen. Er greint. Lutz gelingt es, ihn zu beruhigen, während er am Handy mit seinem Chef André Daguet über die Stellungnahme zu Reconvilier diskutiert. Nicola bläst derweil drüben auf dem Rasen für die Kleinen das Plastikplantschbecken auf und lässt mit dem Gartenschlauch Wasser einfliessen.

Später sitzen Nicola und Nico nebeneinander am Stubentisch und falten Kinderbodies zusammen: Ärmel einklappen und dann den Body in drei gleiche Teile falten. Während die anderen zwei Kinder noch schlafen, sitzt Theo nun munter auf dem Stubenboden und hat viel Arbeit mit seinen Spielsachen.

Noch später legt sich Nicola für einen Augenblick in die Hängematte, die an einem Dachbalken der Stube hängt. Viel Zeit zur Erholung bleibt ihm nicht: Für 16 Uhr ist im «Familientreff» des Quartiers für die Kinder der Coiffeurtermin angesagt.

 

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Der Aikido-Kämpfer

Nicola Zaugg (14) lebt in Bern mit seiner Mutter und einem zweieinhalb Jahre älteren Bruder zusammen, der das Gymnasium besucht. Am Mittag sei es bei ihnen jeweils so, dass, wer zuerst nach Hause komme, das Essen, das man am Morgen vorbereitet habe, für alle warm mache. Sein älterer Bruder sei für die Wäsche zuständig, er müsse sie dann manchmal bügeln.

In einem Jahr möchte er ins Gymnasium übertreten und danach ein Studium in naturwissenschaftlicher Richtung beginnen. In der Freizeit betreibt er Aikido, das er als «die Krone der Kampfkunst» bezeichnet. Deshalb fasziniert ihn die asiatische Kultur, und deshalb kreist seine berufliche Neugierde um «die östliche Medizin». Als Beruf könnte er sich später Akupunktur vorstellen oder Naturheilkunde oder Chiropraktik. Das Studium, vielleicht der Medizin, soll dazu als Grundlage dienen.

Die Gewerkschaft Unia war ihm schon vor der «Avanti»-Projektwoche ein Begriff. Denn Nicola Zaugg ist ein interessierter Zeitungsleser.

Siehe hierzu auch «Schweiz ist Schlusslicht», den Bericht zum geschlechtersegregierten Arbeitsmarkt der Schweiz (Work, 3. 3. 2006).