«Uns darf kein Mensch abstürzen»

Spätestens seit die 23jährige Lena Frank vor knapp zwei Monaten in den nationalen Vorstand der Grünen Partei gewählt worden ist, gilt sie als politische Senkrechtstarterin. Bereits im letzten Herbst zog sie als VPOD-Kandidatin in das Bieler Stadtparlament ein.

Am Stubentisch ihrer Bieler Altstadtwohnung spricht Frank politisch routiniert, als wäre sie seit Jahren im Geschäft. Vermutlich sei das so, sagt sie, weil sie zuhause als Einzelkind viel mitbekommen habe: «Meine Mutter ist SP-Politikerin und Gewerkschafterin.» Zwischen 14 und 17 hat sie im Bundeshaus vier mehrtägige Jugendsessionen mitgemacht. Und als die USA im März 2003 im Irak einmarschiert ist, habe sie erstmals aus eigenem Entschluss an einer Demo teilgenommen. Endgültig zur Politikerin gemacht hat sie Ende November 2010 ihre Empörung über das Volks-Ja zur Ausschaffungsinitiative.

Weil ihr der kleinere Apparat behage, sei sie nicht den Jusos, sondern den Jungen Grünen beigetreten. «In der Stadtrats-Fraktion arbeite ich aber an den roten Themen, die grünen sind gut abgedeckt», sagt sie. Letzthin hat sie sich – erfolglos – gegen eine bürgerliche Motion zur Privatisierung von Alters- und Pflegeheimen gewehrt. Jetzt gilt es, bei der Umsetzung Gegensteuer zu geben. Auf nationaler Ebene engagiert sie sich für das GSoA-Referendum gegen die Kampfjets und die Initiative zur Aufhebung der Wehrpflicht.

Ein Frühdienst

Als Pflegefachfrau arbeitet Lena Frank auf einer Abteilung der «Inneren Medizin» mit 26 Betten im Spitalzentrum Biel. Ihr Frühdienst beginnt exakt um 7.06 Uhr. Als erstes liest sie sich über ihre durchschnittlich sechs Patientinnen und Patienten ein: Diagnosen, medizinische Anamnese, Pflegebericht, Vitalwerte. Wie viel Hilfe ist nötig bei der Körperpflege? Was steht an Untersuchungen oder Verbandwechseln auf dem Programm? Anhand dieser Angaben macht sie ihre Tagesplanung.

Dann die «Morgenrunde» an den Krankenbetten: «Ich gebe Medikamente ab, messe Blutdruck, nehme Blut, verteile Frühstück und versuche wahrzunehmen, wo die Sorgen drücken.» Gemessene Werte trägt sie via Laptop sofort in die Krankengeschichten ein.

8.30 Uhr. Erstes «Standort»-Teamtreffen: Wer ist wann bei der Arztvisite dabei? Wer braucht wo Unterstützung? Wer hat Zeit zu helfen? Nach der Znüni-Pause, ab 9.10 Uhr, ist Arztvisite. «Schwierig ist», sagt Frank, «dass wir nie wissen, wann genau sie beginnt und wie lange sie dauert. Wir müssen unsere Arbeit kurzfristig drumherum organisieren.»

Damit die Betreuung der Patientinnen und Patienten gewährleistet ist, nimmt das Team das Mittagessen gestaffelt ein. Am Nachmittag stehen dann Verbandwechsel, weitere Untersuchungen und Gespräche mit Angehörigen an, «dazu Kontakte mit Physiotherapie, Ernährungsberatung, Sozialdienst und dem neuen Case Management für die komplizierteren Spitalaustritte».

Um 15 Uhr noch einmal «Standort»: Jetzt werden einzelne Fälle und Pflegediagnostisches besprochen. Vor dem Feierabend um 16.15 Uhr schliesst jede Pflegefachfrau die eigene Arbeitserfassung – auf fünf Minuten genau – ab.

Belastungen des Berufs

Dass Lena Frank Pflegefachfrau HF geworden ist, ist Zufall. «Mit 16 wusste ich nicht, was ich werden sollte.» An der Fachmittelschule habe sie sich zuerst für Sozialarbeit interessiert. Diese Ausbildung hätte sie aber erst mit 20, nach einem Zwischenjahr, anfangen können. Darum geht sie ans Berner Bildungszentrum Pflege und merkt hier bald, dass Lernende kaum noch davon ausgehen, in der Pflege pensioniert zu werden.

Die Gründe dafür hat sie seither kennengelernt.  Die neuen technischen Möglichkeiten haben den Berufsalltag beschleunigt: Statt wie früher über Rapporte und direkte Gespräche läuft die Kommunikation über die elektronischen Krankengeschichten, die von allen Seiten in Echtzeit aktualisiert werden. Knappe personelle Ressourcen und – seit 2012 – die Fallkostenpauschalen schaffen zusätzlichen Effizienzdruck. Dazu kommt die grosse Verantwortung am Krankenbett: «Du weisst immer, dass du im Stress jemandem schaden könntest.» Daneben die körperliche Anstrengung, etwa beim Lagern der Patientinnen und Patienten.

«Dass Pflegefachfrauen im ersten Berufsjahr tausend Franken weniger verdienen als Informatiker, stört mich», sagt Lena Frank: «Dem Informatiker kann ein Compi abstürzen, uns ein Mensch.» Und dass in den bernischen Spitälern seit zwanzig Jahren Nacht- und Wochenenddienste unverändert mit einer Pauschale von bloss 5 Franken pro Stunde vergütet würden, sei nicht richtig.

Beruf und politische Aktivitäten ergeben zusammen für Lena Frank anstrengende Tage. «Es ist viel», bestätigt sie. Um sich zu erholen, nehme sie zwischendurch eine Auszeit, in der sie nicht erreichbar sei. Im Übrigen: «Wenn nichts läuft, ist mir schnell langweilig.»

 

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Die Engagierte

Lena Frank (* 1989) wächst in Langnau im Emmental auf und besucht ab 2005 in Bern die Fachmittelschule, Fachrichtung Soziales. 2008 entscheidet sie sich für die dreijährige Pflegeausbildung am Berner Bildungszentrum Pflege mit Praktika im Spitalzentrum Biel (Innere Medizin und Gynäkologie) und im Alters- und Pflegeheim Utzigen. Ihre erste Stelle nimmt sie auf der Wochenbett-Abteilung des Spitalzentrum Biel an. Seit September 2012 arbeitet sie dort wieder auf der Inneren Medizin.

Lena Franks 100 Prozent-Bruttolohn beträgt 5200 Franken. Sie ist Unia- und VPOD-Mitglied, dazu Aktivistin der Grünen Partei: Mitglied des nationalen Vorstands; Co-Präsidentin der Jungen Grünen Schweiz, Gründerin der Jungen Grünen Biel und Mitglied des Bieler Stadtparlaments.

Sie lebt in der Bieler Altstadt und schätzt als Hobbies Kochen, Lesen und die Ruhe zuhause. Bei ihrem Freund – dem Gründer der Bieler Zirkusschule Tocati – besucht sie zurzeit den Erwachsenenkurs für Akrobatik.