Und zu Weihnachten die Kündigung

Schlechte Zeiten für die Maschinenindustrie: Die Rieter AG in Winterthur zum Beispiel verzeichnete im ersten Halbjahr 2008 bei den Textilmaschinen einen Bestellungsrückgang von 61 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Zunächst wurden Überzeiten abgebaut, Temporäre nach Haus geschickt, vorzeitige Pensionierungen vereinbart, schliesslich hat man 30 Kündigungen ausgesprochen.

Im Herbst dann die grosse Finanzkrise: Die Auftragslage bricht weiter ein. Rieter beschliesst Kurzarbeit auf Januar und einen weiteren Abbau von bis zu 60 Stellen. Der Maschinenoperateur Karl Reisacher ist vorinformiert, dass er noch im Dezember die Kündigung erhalten werde. «Und wenn nicht ein Wunder geschieht» sagt er, «wird eine weitere Kündigungswelle ungefähr Mitte 2009 fällig sein».

Wer will einen selbständigen Kopf?

Nach der Lehre bei der Lokomotiv- und Maschinenfabrik SLM in Winterthur (seot 1961 Teil der Sulzer AG) tritt der junge Werkzeugmacher Karl Reisacher am 1. Januar 1975 seine erste Stelle an bei Amiet & Eppenberger in Degersheim (SG). Zu jener Zeit bricht dort eben die Auftragslage ein als Folge der ersten Ölkrise. «Nach zehn Monaten sagte man mir: Der letzte, der gekommen ist, muss als erster gehen. Das war ich.»

Für anderthalb Jahre geht Reisacher zur Wehrle AG in Flawil (SG). Dann muss sich der Vater zweier Buben sagen: «Wenig Lohn, kein dreizehnter Monatslohn, keine Grati – so komme ich mit der Familie nicht durch.» Er wechselt zur Bühler AG in St. Gallen Winkeln und arbeitet die nächsten vier Jahre mit Druckgussformen. 1981 kehrt er als als Leiter der Schleiferei und als Lehrlingsausbilder zur SLM zurück.

Ende 1990 geht er wieder: «Das sinkende Schiff soll man verlassen, bevor’s untergeht.» Er sieht deutliche Krisenzeichen und wechselt, bevor er gekündigt wird. Diesmal zur «Pfanni» Kuhn AG nach Rikon (ZH). Hier hat er Probleme mit seinem Chef, weil er zwar sauber, aber für dessen Geschmack zu selbständig arbeitet. Reisacher fühlt sich eingeengt, immer mehr Aufgaben werden ihm entzogen. Der Streit eskaliert. Er erhält er die Kündigung und wird für die restliche Arbeitszeit in die Firma Spring in Eschlikon (TG) versetzt.

1993 übernimmt er Schleiferei und Lehrlingsausbildung bei der Createchnic AG in Nürenstorf (ZH). Hier hat der die Selbständigkeit, die er braucht: «Das war mein Himmelreich.» Aber im Sommer 1998 nimmt ihn sein Chef zu Seite: «Ich gehe. Und ich empfehle Ihnen: Sehen Sie sich auch um.» Reisacher tut’s und hat bereits eine neue Stelle, als er kurz darauf wegen der schlechten Auftragslage entlassen werden soll.

Bei der Alme AG in Aadorf (TG) begegnet er einem rüpelhaften Vorgesetzten. Nach zehn Monaten höflichem Schweigen sagt er: «Reden Sie anständig mit ihren Leuten, wir reden mit Ihnen auch anständig.» Man wisse ja hier, erhält er zur Antwort, dass er schon bei Kuhn in Rikon Probleme gehabt habe – drei Stunden später hat er die fristlose Kündigung. «Von diesem Moment an wusste ich, dass die Episode bei Kuhn meinen ganzen weiteren Berufsweg belasten wird. Da bist du machtlos.»

Er geht temporär zur Hebag AG in Vordemwald (AG), wo er das Angebot, Werkstattchef zu werden ausschlägt, «weil die Arbeit nicht auf meinem Gebiet lag». Stattdessen übernimmt er auf Juli 1999 die Schleiferei der Jossi AG in Islikon (TG). Es kommt zu Differenzen mit dem Chef, weil er versucht, Lehrlinge zu selbständigem Arbeiten anzuleiten. Nach gut zwei Jahren wird er entlassen. Jetzt wird er erstmals arbeitslos. Seit März 2002 arbeitet er bei der Zahnradfabrik Maag GearSystems AG in Wallisellen (ZH); Entlassung nach anderthalb Jahren im Rahmen einer Strukturanpassung.

Langsam liegen die Nerven blank

Im November 2003 beginnt er bei der Maschinenfabrik Rieter AG, zuerst temporär, seit viereinhalb Jahren fest als Maschinenoperateur an einer konventionellen SIP-Bohrmaschine. Vor drei Wochen fand das jährliche Mitarbeitergespräch statt. Sein Chef und er stellten fest, es gehe in die richtige Richtung, kleinere Probleme wurden notiert, die man in einem Jahr wieder besprechen wollte. Eine Woche später kündigte ihm dieser Chef die Entlassung an. Sein letzter Auftrag: zwei jüngere Kollegen in seine Arbeit einzuführen.

«In letzter Zeit liegen die Nerven manchmal blank», sagt Karl Reisacher, «ich habe fast keine Geduld mehr». Er weiss aber genug, um den Entscheid zu verstehen: «Löhne sind variable Kosten, die fährt man herunter, wenn’s eng wird.» Aber er weiss auch: «Jeder, der die Stelle verliert, fällt psychisch in ein Loch.» Er hat wieder begonnen, Stelleninserate zu lesen: «Immer häufiger sind Englischkenntnisse gefragt und Erfahrung auf computergesteuerten CNC-Maschinen. Und vor allem müsste ich jünger sein: Ab 55 ist man abgeschrieben. Ich werde im Mai 58.»

 

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Nie ausgelernt

Karl Reisacher (* 1951) ist in Winterthur geboren und aufgewachsen. In den bald vierzig Berufsjahren als Werkzeugmacher hat er sich kontinuierlich weitergebildet, und zwar in Buchhaltung, PC-Anwendung, NC-Bearbeitung (Arbeit mit numerisch gesteuerten Werkzeugmaschinen), in technischem Rechnen, Umformtechnik, Mathematik und computergestütztem Konstruieren. Er hat die Industriemeisterausbildung (2000/01) gemacht sowie einen Führungs- und einen Teamkurs.

Seinen gegenwärtigen Lohn schätzt er als unterdurchschnittlich ein. Er ist Unia-Mitglied in der Sektion Winterthur. Er hat zwei erwachsene Söhne, seine Frau ist vor fünf Jahren gestorben. Als Hobbies nennt er das Velofahren und den Winterthurer Kalender, den er fotografiert, produziert und in der Stadt in den Verkauf gibt. Zudem baut er Standvitrinen für Modelleisenbahnen – eine Dienstleistung, die er unter dem Namen «Mobatech-Swiss» anbietet, die Freude macht, aber kaum etwas einbringt.