Und jetzt – was nun?

Über die Produktionsstrasse des Sammelhefters läuft die neuste Ausgabe der Zeitschrift «50 plus». Samuel Rüegger füllt 16seitige Druckbogen in die Maschine, die er bündelweise von aufgereihten Paletten holt. Bloss die Bogen nicht verwechseln, sonst gerät die Seitenreihenfolge durcheinander! Die Maschine fügt automatisch zusammen, heftet, schneidet aufs richtige Format und spukt fertige Hefte auf den wachsenden Stapel.

«Ich kann zwar in dieser Halle ausser an den Druckautomaten überall eingesetzt werden», sagt Rüegger. «Aber meistens arbeite ich am Sammelhefter.» Aber nur noch bis zum 31. Dezember 2013.

Der Schliessungsentscheid

Die Reinhardt Druck AG in Basel bildet zusammen mit dem Reinhardt Verlag eine Holding. Jahrzehntelang hat die Druckerei den Verlag quersubventioniert. «Aber in den letzten Jahren war es umgekehrt, weil die Druckerei Defizite schrieb», erzählt Rüegger.

Überkapazitäten und Preiszerfall haben weit über die Schweiz hinaus zu einem Druckereisterben geführt. Rüegger: «Die Schliessung der Reinhardt-Druckerei ist allerdings nicht vergleichbar mit jener der Basler Zeitung im Frühjahr. Dort wäre, wie man weiss, genug Vermögen vorhanden gewesen, um die Schliessung zu vermeiden – es ging um Kostenoptimierung und Gewinnmaximierung. Hier aber geht es nach dem Rückzug eines Druck-Grossauftrags darum, den Verlag zu retten, bevor die ganze Holding bachab geht.» So gesehen müsse er den Schliessungsentscheid auch als Gewerkschafter akzeptieren. «Als Syndicom-Vertrauensmann kämpfe ich in nächster Zeit vor allem für einen guten Sozialplan.»

Ende September sind bei Reinhardt alle 44 Stellen gekündigt worden. Bekannt ist, dass acht Angestellte in den Verlag und zehn bis zwölf in die Basler Werner Druck AG wechseln können. Letzteres ist möglich, weil die Novartis, der FC Basel und andere ihre Reinhardt-Druckaufträge an die Werner Druckerei weitergeben. Erste Kollegen haben anderweitig eine neue Stelle gefunden. «Es gibt am Schluss weniger als zwanzig Arbeitslose. Aber es wird Härtefälle geben», sagt Rüegger.

Die neue Perspektive

Nein, Trauer oder Angst habe er nie empfunden, seit die Geschäftsleitung am 16. September den Schliessungsentscheid bekanntgegeben hat. «Zuvorderst war bei mir schnell die alte Idee des Branchenwechsels.» Buchbinder sei zwar «ein toller Beruf», aber dass es in der Druckbranche enger und sein Berufsweg längerfristig zur Sackgasse werden könnte, sei ihm in den letzten Jahren klar geworden.

Darum will er jetzt ein Hobby zum Beruf machen. Schon als Oberstufenschüler hat er sich mit Software- und Webentwicklung beschäftigt – «learning by doing», sagt er. Heute baut er nebenbei gegen ein Spesenentgelt die Websites von politischen Gruppierungen – etwa jene von «AKW Mühleberg-Ver-fahren» oder jene des Komitees beider Basel für die 1:12-Initiative.

Rüeggers neue Berufsperspektive liegt deshalb auf der Hand: Informatik. Er plant ab Frühling 2014 eine berufsbegleitende Ausbildung an der Höheren Fachschule Richtung Wirtschaftsinformatik oder Systemmanagement. Berufsbegleitend? Ja, darum suche er mit Hochdruck eine neue Stelle, sagt er: «Die Luxusvariante wäre eine Informatikfirma, die mich einstellt. Die pragmatische Variante ist, dass ich wieder als Buchbinder in eine Druckerei gehe. Und die dritte: Ich finde eine Druckerei, die Web- und App-Entwicklungen im Portfolio hat und mich flexibel im Informatikbereich oder in der Druckerei einsetzt.» Im Januar auf das RAV zu gehen, zieht er nur als «Worst Case» in Betracht.

Rüegger ist ein ausserordentlich politischer Kopf. Er surft gern auf dem Onlineforum «politnetz.ch». Dort verfolgt er die Debatten und mischt sich mit Beiträgen ein, wenn ihn das Thema speziell interessiert. «Ich beteilige mich aber nicht am Glaubenskrieg, der Markt richte alles, oder umgekehrt, der Sozialismus sei das Paradies. Mich interessieren Argumente, die mit Fakten und Zahlen gestützt sind. So macht die Debatte Spass, auch wenn man unterschiedlicher Meinung bleibt.»

Ein Polit-Theoretiker ist Rüegger nicht. Er ist als Syndicom-Gewerkschafter Aktivist und gehörte in Basel in letzter Zeit zu den Referendumskomitees gegen längere Ladenöffnungszeiten und gegen die Unternehmensgewinnsteuersenkungen. Im Moment arbeitet er für die 1:12-Initiative. «Ich liebe die Region Basel», sagt er. «Ich kenne hier viele Leute und mache gerne Politik in dieser Stadt.»

 

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Der Aktivist

Samuel Rüegger (* 1988) ist in der Stadt Basel und in Dottikon (AG) aufgewachsen. Nach dem zehnten Schuljahr in Aarau machte er bei der Druckerei Kasimir Meyer AG in Wohlen (AG) die dreijährige Lehre als «Printmedienverarbeiter Fachrichtung Druckausrüstung (EFZ)», kurz: als Buchbinder.

Eine Weiterbildung im Bereich «Druckausrüstung Fachrichtung Bindetechnologie» bricht er ab, weil er mit dem Chef nicht klarkommt. Er geht als administrative Hilfskraft in ein Call-Center jobben und wird entlassen, weil er sich am Telefon gegenüber Reklamierenden zu kulant verhält. Nach kurzer Arbeitslosigkeit übernimmt er eine Stellvertretung im Wohlener Lehrbetrieb und wird danach Papierschneider bei der Fischer Papier AG in Härkingen (SO). Weil sein Privatleben unter den regelmässigen Nachtschichten leidet, sucht er weiter.

Seit Oktober 2011 arbeitet er bei der Reinhardt Druck AG in Basel. In der Gewerkschaft Syndicom ist er Vorstand der IG Jugend, Vizepräsident der Sektion Region Basel, Mitglied des Branchen- und Mitglied des Zentralvorstands. Er ist SP- und Juso-Mitglied. Rüeggers Monatslohn beträgt 4500 Franken brutto. Er wohnt in einer Altbauwohnung in Kleinbasel. Als seine Hobbys bezeichnet er neben der Arbeit am Computer seine Partei- und Gewerkschaftsarbeit.