Tote Vögel, was tun?

Nein, heute ist im Zoo Zürich die Vogelgrippe nicht das vordringliche Problem: Fünfzig Zentimeter Schnee haben im Eingangsbereich die haushohen Bambusse kreuz und quer niedergedrückt. Seit morgens um halb sieben ist der Tierpfleger Arthur Kehl mit der Schneeschaufel im Einsatz gewesen. Jetzt steht er hinter der Glasscheibe vor den aufgeregt hin und her trippelnden Königspinguinen und lockt sie mit kurzen Pfiffen und toten Heringen in der weit vorgestreckten Hand.

Die Vogelgrippe droht auch hier

«Grundsätzlich», erzählt er danach im Arbeitsraum hinter den Schauräumen des Exotariums, «ist auch unser Zoo nicht gegen das Vogelgrippevirus gefeit.» Übertragen wird es vor allem über den Kot von Wildvögeln, eingeschleppt werden könnte es hier deshalb am ehesten von wilden Stockenten, die sich im Frühling gerne auf der Vogelwiese des Zoos niederlassen, um zu brüten.

Der erste Vogelgrippealarm vom Oktober 2005 betraf auch diesen Zoo. Damals wurden die 180 Hühner-, Gänse- und Straussenvögel der Vorschrift entsprechend eingeschlossen. Die Volièren wurden überdacht und seitlich geschützt, damit die Zoovögel nicht mit Kot von Wildvögeln in Kontakt kommen konnten. Im Rahmen eines Forschungsprojekts wurden zudem rund 160 dieser Vögel geimpft. Seither wurde ihr Blut mehrmals untersucht, um den Aufbau des Impfschutzes zu untersuchen. «Mit der zweiten Stallorder von Ende Februar haben wir wieder rund sechzig Vögel eingestallt und für die restlichen um eine Ausnahmebewilligung ersucht», sagt Kehl.

Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Zoos haben zudem ein Merkblatt erhalten mit dem Titel: «Fund eines toten Vogels – was machen?» Läge das tote Tier im Freien, würde die Zone um den Fundort abgesperrt und von den Angestellten nur noch durch eine Wanne mit flüssigem Desinfektionsmittel betreten und verlassen. Das Weitere würde entschieden, wenn die genaue Todesursache des Tieres feststände.

Das Wissen um die ansteckenden Krankheiten bei Tieren gehört zur Tierpflege. «Das geht schon los», erzählt Kehl, «wenn ein neues Tier in den Zoo gebracht wird: Es kommt zuerst für rund dreissig Tage in die Quarantänestation, in der es unter strengsten hygienischen Sicherheitsbedingungen untersucht und beobachtet wird.» Diese Massnahme ist unumgänglich: «Nehmen wir an, eine fremde Antilope würde die Maul- und Klauen-Seuche in unsere Herde tragen: Das wäre eine Katastrophe. Darum kommen neue Tiere erst dann in ihr Revier, wenn wir sicher sind, dass sie ‘sauber’ sind.»

Blick für Krankheiten und Stress

Bei Tieren gesundheitliche Störungen zu erkennen, ist häufig schwierig. Kehl: «In der freien Natur dürfen Tiere keine Schwäche zeigen, sonst fallen sie ihren Feinden als erste zum Opfer.» Er habe hier schon einen Elefanten sterben sehen, bei dem zuvor nichts als allenfalls eine gewisse Trägheit zu beobachten gewesen sei. Zur Arbeit hier gehört Aufmerksamkeit und eine exakte Beobachtungsgabe. Meistens erkenne man Krankheiten an verändertem Essverhalten, an der Konsistenz des Kots, manchmal an den Augen der Tiere. Er habe einmal eine schwangere Kleinkatze beobachtet, die plötzlich zwei Tage lang nicht mehr gefressen und keinen Kot mehr ausgeschieden habe. Er alarmierte den Tierarzt. Die Notoperation habe ergeben, dass das Junge im Bauch der Katze abgestorben gewesen sei. Das Muttertier habe durch den Eingriff gerettet werden können.

Aber nicht jedes untypische Verhalten verweise auf eine Krankheit. Kehl erzählt von einem Faultier, das er eines Tages scheinbar gesund am Boden des Geheges angetroffen habe, obschon Faultiere ihre Bäume eigentlich nie verlassen. Es habe sich dann gezeigt, dass das Tier am Boden von einem jüngeren, geschlechtsreif gewordenen Konkurrenten vertrieben worden sei: «In der Wildnis hätte es sich ein neues Revier gesucht. Dazu ist es aber hier zu eng. Darum mussten wir die beiden trennen.» Denn auch ein Tier, das ohne Fluchtmöglichkeit dauernd in akutem Stress leben muss, kann krank werden. Umgekehrt sei es nicht gut, wenn Tiere, weil ihnen die natürlichen Feinde fehlten, keinerlei Stress hätten. Darum gehe der Trend in der Tierhaltung dahin, in grösseren Gehegen Tiergemeinschaften zu bilden. Zurzeit ist im Zoo Zürich zum Beispiel ein neues Katzenhaus im Bau, in dem die Löwen zusammen mit Zwergottern leben werden.

Kehl versteht zwar die Neugierde der Presse aus Anlass der Vogelgrippe. Aber er relativiert: «Bei der Arbeit mit Tieren ist Leben und Tod manchmal nahe beieinander – schon nur, weil wir ja auch mit Tieren arbeiten, die wir als Futtertiere verwenden.»

 

[Kasten]

Der Schlosser im Elefantenhaus

Auf dem Bauernhof hat Arthur Kehl (43) immer gerne ausgeholfen. Aber gelernt hat er Carosserieschlosser im Lastwagenbau, und bis 25 hat er auf diesem Beruf gearbeitet. Dann meldete er sich beim Zoo Zürich als Tierpfleger. Unterdessen hat er in fast allen Revieren des Zoos gearbeitet, unter anderem sechs Jahre lang als Revierchef im Regenwald in der Masoala-Halle. Heute ist er «Ablöser» in verschiedenen Revieren, vor allem bei den Elefanten und den Menschenaffen.

Er ist Mitglied der VPOD-Gruppe Zoo und Kassier der Tierpflegerkasse. «Der VPOD hat sich hier für wirklich gute Arbeitsbedingungen eingesetzt», sagt Kehl. Trotzdem – oder gerade deswegen? – ist die Gruppe in den letzten fünfzehn Jahren gut um die Hälfte geschrumpft.

Arthur Kehl lebt mit Frau und zwei halbwüchsigen Kindern in der Stadt Zürich. Sein Hundertprozentlohn beträgt brutto rund 6000 Franken. Als Hobbys nennt er neben der Familie das Töfffahren und das Beobachten von Vögeln: Er arbeitet jeweils bei der Winterzählung der Vogelwarte Sempach mit.