Teurer Gotthelf – Die Werkausgabe vor Herausforderungen

Seit zehn Jahren entsteht an der Universität Bern eine Gotthelf-Edition. Elf von geplanten 67 Bänden sind bisher erschienen. Nun ist das Projekt in eine organisatorische Krise geraten. Finanzielle Unwägbarkeiten kommen hinzu.

Pfarrer Albert Bitzius (1797–1854) war ein wichtiger sozial- und erziehungspolitischer Reformer, ein politischer Reaktionär und – unter dem Pseudonym Jeremias Gotthelf – ein Schriftsteller, der in knapp zwanzig Jahren ein riesiges Werk geschaffen hat. Die bis anhin massgebliche Gotthelf-Ausgabe des Rentsch-Verlags, zwischen 1911 und 1977 erschienen, besteht zwar aus 24 Werk- und 18 Zusatzbänden, dokumentiert aber nur eine Auswahl der Predigten, Briefe und journalistischen Arbeiten.

Im Herbst 2004 haben deshalb an der Universität Bern zwei Projektteams unter der Leitung von Barbara Mahlmann und Christian von Zimmermann die Arbeit an der historisch-kritischen Gotthelf-Edition (HKG) in Angriff genommen. 2012 sind die ersten acht Bände erschienen: politische Publizistik, Kalendergeschichten, zwei Bände mit Predigten. Im Moment liegen elf Bände vor.

Im vergangenen Winter ist das Editionsprojekt in eine Krise geraten. Einerseits haben sich die beiden Projektleitenden derart zerstritten, dass Martin Täuber, der Rektor der Berner Universität, zuerst eine Supervisorin einzuschalten versucht und dann von den Zerstrittenen ultimativ Auskunft verlangt hat, «wie sie das Projekt der Gotthelf-Edition künftig organisatorisch aufgleisen wollen». Mit Brief vom 2. April teilte die Projektleitung Täuber daraufhin mit, dass von Zimmermann die Gesamtleitung des Projekts übernehme, Mahlmann bis zu ihrer Emeritierung ohne Leitungsfunktion weiterarbeite und eine Mitarbeiterin aus von Zimmermanns Projektteam stellvertretende Leiterin werde. Am 28. April hat die Universitätsleitung diesem Vorschlag zugestimmt.

Anderseits ist die Edition finanziell ein Fass ohne Boden. Die Anschubfinanzierung von je 6 Millionen Franken durch den Schweizerischen Nationalfonds und den Kanton Bern gehen zur Neige. Nun sollen die bisherigen Projektteams zu einem Kernteam von Festangestellten vereinigt werden, das die Edition um 2038 abschliessen soll. Ohne Drittmittel in zweistelliger Millionenhöhe ist das voraussichtlich nicht zu finanzieren.

Bekannt ist, dass die Universität Bern zurzeit mit einem anonymen «privatwirtschaftlichen Mittelgeber» verhandelt, der im Bereich Finanzberatung und Controlling arbeite und als Gotthelf-Liebhaber gelte. Die Universitätsleitung dementiert gegenüber dem Berner Onlinemedium «Journal B», dass es sich um Christoph Blocher handle, bestätigt aber, dass Verhandlungen im Gang seien. Informiert werde nach deren Abschluss.

Zwei zusätzliche Probleme werden die Editoren weiterhin beschäftigen. Zum einen arbeitet die Projektleitung, so Christian von Zimmermann, seit 2012 an der anspruchsvollen Umstellung auf computerphilologische Arbeitsverfahren, beabsichtigt sei aber nicht, «die Bibliotheksedition einzustellen oder zu kürzen». Die Strategie gehe vielmehr in Richtung einer «Mehrfachnutzung» des erarbeiteten Materials: «Wir sind nicht mehr allein auf das Buchmedium angewiesen, sondern können zugleich eine digitale Edition oder Teiledition vorbereiten und unsere Daten für kleinere Ausgabeformate wie Auswahleditionen oder Taschenbücher bereitstellen.»

Das zweite Problem ist eine bernische Schildbürgerei: Der Arzt Christoph von Rütte hat Teile des handschriftlichen Nachlasses seines Ururgrossvaters Albert Bitzius geerbt und weigert sich seit Jahren standhaft, die Manuskripte – unter denen, wie er sagt, sehr viele auch intime Briefe der Brautleute liegen – dem Editionsteam in irgendeiner Weise zur Verfügung zu stellen. Zehn Jahre historisch-kritisches Engagement für seinen Vorfahren haben ihn bisher nicht umzustimmen vermocht.

Die vorliegende Version des Textes wurde für den Zeitungsdruck noch geringfügig gekürzt.