[Testimonal einer Bundesangestellten]

«Seit 2004 arbeite ich hier im neunten Stock des Hochhauses am Bahnhof von Neuenburg. Unsere Sektion heisst ‘Bildungssysteme und Wissenschaft’. Das Programm ‘Bildung und Arbeitsmarkt’, das ich leite, gehört zur schweizerischen Bildungsstatistik und umfasst drei Projekte, an denen insgesamt neun Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten: die Absolventenstudien, die Weiterbildungsstatistik und die Berufsbildungsindikatoren. Leider bin ich durch die Leitungsfunktion immer mehr zur Managerin geworden.

Wofür ich mich leidenschaftlich interessiere, ist dies: Wie bringe ich die Zahlen zum Sprechen ohne ins Geschichtenerzählen zu kommen? Wir sind ja der Objektivität und Sachlichkeit verpflichtet. Andererseits ist es wichtig, statistische Tabellen zu erklären, mit Begleittexten Hilfen zu geben für Interpretationsmöglichkeiten. Im letzten Jahr habe ich zum Beispiel eine Publikation zur schweizerischen Weiterbildung im internationalen Vergleich verfasst, im Jahr zuvor den Artikel über Bildung im Statistischen Jahrbuch neu geschrieben.

Zu mehr hat es neben meinem Management-Pflichtenheft nicht gereicht. Dazu gehören zum Beispiel die Neuanstellungen für das Programm. Oder die jährlichen Personalentwicklungsgespräche. Oder die Finanzpläne für die Aufträge, die von anderen Bundesämtern fremdfinanziert werden. Oder die Stellvertretung der Sektionschefin.

Der spannendste Aspekt der Leitungsfunktion ist für mich das Coachen der Mitarbeitenden; die Teamsitzungen am Dienstag, die häufigen Besprechungen zu zweit, zu dritt oder zu viert, bei denen auftauchende Fragen besprochen werden: Welche Definitionen treffen wir? Wie und was werten wir aus? Wie gehen wir weiter? Da wirds interessant – immer mehr, weil in den letzten Jahren jüngere Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen zum Team gestossen sind und Entscheide, die wir vor zehn und mehr Jahren getroffen haben, mit neuen Argumenten in Frage stellen.

Zum Pflichtenheft gehört auch die Mitarbeit an der internationalen Bildungsstatistik. Seit 1990 gehöre ich zu einer Arbeitsgruppe der OECD. Regelmässig fahre ich zudem nach Luxemburg zu Gesprächen und Tagungen mit den Kollegen und Kolleginnen von Eurostat, dem statistischen Amt der EU.

Bevor ich zum Bundesamt für Statistik kam, habe ich Soziologie studiert – zuerst in Youngstown/Ohio, danach in Zürich. Mich als Zahlenmensch haben die quantitativen Fragestellungen immer mehr fasziniert als die qualitativen. Nach Jahren als Assistentin an der Uni Zürich habe ich bei zwei Nationalfondsprojekten mitgearbeitet. Im ersten ging es um Frauen-Erwerbsbiografien, im zweiten um die Humanisierung der Arbeitswelt. Zum Bundesamt für Statistik kam ich 1987.

Seither hat sich hier Vieles verändert. Wir müssen uns heute als Bundesamt auf dem Informationsmarkt positionieren, weil die Konkurrenz im Bereich der Aufbereitung von Statistiken grösser geworden ist. Berechnungen, die 1987 dreimal eine ganze Nacht beanspruchten, sind heute in zehn Minuten erledigt. Das Internet hat in den letzten Jahren für alle Interessierten die Möglichkeit geschaffen, veröffentlichte Statistiken anhand der Rohdaten zu überprüfen: Dadurch ist ein grösserer Druck entstanden, fehlerfrei zu arbeiten. Grösser geworden ist wegen der gewachsenen Rechenkapazitäten auch der Anspruch, möglichst vollständig zu sein – das Argument: ‘Dafür haben wir keine Zeit’ gibt es heute nicht mehr. Obschon: Selbstverständlich hat man immer zu wenig Zeit, alles zu berechnen, was sich berechnen liesse. Darum ist mein altes Motto so aktuell wie eh und je: Zuerst denken, dann rechnen.

Geändert haben sich schliesslich in diesen zwanzig Jahren auch meine Anstellungsbedingungen: Nach der ersten Anstellung mit befristeten Verträgen bin ich in den Neunzigerjahren Bundesbeamtin geworden. Damals habe ich mich als vpod-Mitglied und Präsidentin des Personalausschusses im Bundesamt stark berufspolitisch engagiert. Die Abschaffung des Beamtenstatus hat dann insbesondere bei der Kündigungsfrist eine Verschlechterung gebracht. Vielen andere aber, die sich zuvor von einer befristeten Anstellung zur anderen gehangelt haben, brachte die Abschaffung eine Verbesserung, weil auch sie nun unbefristete Verträge erhielten.

Ärgerlicher als die Aufhebung des Beamtenstatus ist für mich, dass die Löhne im Bundesamt für Statistik schon immer tiefer waren als in anderen Bundesämtern, weil wir keine politisch bedeutsame Aufgabe hätten und unsere Arbeit deswegen von vornherein weniger komplex sei, wie begründet wird. Und ein Skandal sind die beschlossenen Verschlechterungen bei unserer Pensionskasse, die dazu führen, dass Bundesangestellte mehr einzahlen müssen und trotzdem später weniger zurückerhalten werden. Diese Regelung ist der wichtigste Grund, weswegen ich mich nächstes Jahr vorzeitig pensionieren lasse: So komme ich noch um diese Verschlechterung herum.

Ein bisschen weh tun wird es mir natürlich, hier zu gehen. Die Fragen um Bildung und Arbeitsmarkt bleiben ja weiterhin interessant. Ich werde mich, um an meinen Themen weiterarbeiten zu können, deshalb nächstes Jahr wohl um Aufträge im Mandatsverhältnis bemühen.»

Der Beitrag hatte keinen inhaltlichen Titel. Der ganzseitigen Porträtfotografie von Monika Flückiger war als Titelei gegenübergestellt: [Porträt] «von Anna Borkowsky, 59, Programmleiterin ‘Bildung und Arbeitsmarkt’ im Bundesamt für Statistik.»