Täxeler kennen alle Sprachen

Fast ein Vierteljahrhundert lang hat Gotthard Klingler als alternativer Manager für Kost und Logis gearbeitet. Brauchte er Geld, bezog er es aus der Gemeinschaftskasse. In der internationalen Longo Mai-Bewegung (siehe Kasten) lebte er mit Leuten, die das Politische und das Private nicht unterschieden wollten: Als grosse Familie war man permanent politisch tätig. Seit gut einem Jahr ist er jetzt Kleinstunternehmer: Er hat sein Auto zum «Gotthard-Taxi» gemacht und in der Stadt Bern eine Konzession gelöst.

Es ist früher Nachmittag, es bleibt Zeit für ein Gespräch. Erst ab halb fünf wird das Geschäft anziehen, er wird «laden», wo man ihn hinbestellt, und zwischendurch wird er «wischen» – was heisst, am Strassenrand winkende Kundschaft einzuladen. «Das Taxifahren», sagt er, «ist zur Zeit mein Broterwerb, aber eigentlich hätte ich einmal Lust, über meine Erfahrungen zu schreiben, nicht in Form eines trockenen Berichts. Eher romanhaft.»

Von Tarifen und Schikanen

Als Klingler vor einem Jahr Taxi zu fahren begann, lancierte er unter seinen neuen Kollegen die Idee, gemeinsam ein Billigpreis-Taxi-Angebot aufzubauen. Seine Devise: Billig fahren statt teuer stehen. Er ging mit dem Beispiel voran und fuhr zum Basler Tarif, der 25 Prozent unter dem bernischen liegt. Aber er fand keine Gleichgesinnten und musste den Versuch abbrechen: «Wenn du als Einzelmaske billiger fährst, verschenkst du einfach Geld.» Deshalb passte er seinen Tarif an. Resultat: «Ich nehme nun einen Viertel mehr ein und – weil die Preise höher sind – bekomme ich erst noch entsprechend mehr Trinkgeld.»

Ein Arbeitstag, der für Gotthard Klingler zurzeit meist am späten Nachmittag beginnt und bis morgens um zwei oder drei dauert, bringt einen Umsatz von 250 bis 350 Franken. Zu versuchen, über 75000 Franken brutto im Jahr zu verdienen, bringt nichts: Dort beginnt für die Selbständigen der Mehrwertsteuerbereich. Während rund einem Drittel der Arbeitszeit fährt Klingler, während zwei Dritteln wartet er: «Eine gute Geduldübung.»

In Bern werde den «Täxelern» das Leben nicht eben einfach gemacht, erzählt er. Zwar habe das Stadtparlament letztes Jahr ein neues Taxireglement verabschiedet, aber: «Als Taxifahrer lachst du dir einen Schranz. Wer das verabschiedet hat, hat keine Ahnung vom Metier.» Überhaupt sei in dieser Stadt die politische Diskussion um die Taxis «verideologisiert» und blockiert. Auch deshalb sei das Verhältnis der Taxileute zur Stadtpolizei allgemein «schlecht»: «Typisch ist das Hickhack um das Trottoir vor der Spaghetti-Factory.» Dort – gleich neben dem Zytgloggeturm – befindet sich nach Mitternacht der Hauptladeort in der Altstadt. Zwar wurde einen Steinwurf entfernt, neben dem Stadttheater, ein definitiver Taxi-Standplatz beschlossen, doch das Tiefbauamt richtet ihn aus unerfindlichen Gründen nicht ein. Deshalb duldet die Polizei zwar einerseits das Trottoir vor der Spaghetti-Factory als Standplatz, andererseits schikaniert sie die FahrerInnen trotzdem in regelmässigen Abständen mit Bussenandrohungen und Bussen.

Die multikulturelle Taxiwelt

«Wegen solcher Geschichten meiden die Täxeler die Polizei», sagt Klingler, «obschon ihre Beobachtungen nützlich sein könnten: Nach Mitternacht sind vielleicht noch zehn Polizeistreifen unterwegs, aber immer noch ein Mehrfaches an Täxelern aus rund drei Dutzend Nationen. Täxeler verstehen jede Sprache, kennen jedes Milieu und jedes Lokal.»

Wenn er jeweils die lange Taxikolonne beim Bahnhof sehe, frage er sich manchmal, wie man sich die erklären könne – kommerziell auf jeden Fall nicht: «Hier spielt der Markt nicht, eher könnte man von einer Taxi-Subkultur sprechen.» Es sei wie bei einem türkischen Quartierladen: «Man hat übers Wochenende offen und lebt mit der Familie im Laden. Kommt zwischenhinein ein Kunde, so bedient man ihn.»

Auch Klingler plaudert am Bahnhof gern mit seinen Kollegen – zum Beispiel mit jenem Ghanesen, der ihm erzählt hat, in seinem Dorf habe man grosse Probleme, weil es zu wenig Frischmilchprodukte gebe. Es müsse doch eine Möglichkeit geben, einige Schweizer Kühe dorthin zu transportieren. Zwischendurch fühlt sich der Internationalist Klingler am Berner Bahnhof wie in einem Longo-Mai-Dorf.

 

[Kasten]

25 Jahre Longo-Mai-Aktivist

Aufgewachsen ist Gotthard Klingler (* 1948) in einer «gutbürgerlichen Basler Arztfamilie». Er beginnt zu studieren, geht 1967/68 an eine US-amerikanische Universität, politisiert sich und wird nach der Rückkehr in Basel Mitglied des «ersten bösen roten Studentenschaftsvorstands». Er bricht das Studium ab, tritt der Lehrlingsorganisation «Hydra» bei und engagiert sich als linker Internationalist.

Dann die erste Terrorismushysterie um die deutsche Baadeer-Meinhof-Gruppe, «Rote Armee Fraktion», 1971/72: «Wir begriffen: Wenn wir jetzt nicht intelligent handeln, werden wir als international agierende Linke von der staatlichen Repression total blockiert.» Er hilft, die Longo-Mai-Bewegung aufzubauen, die nicht nur den Gegner bekämpfen, sondern auch Freiräume schaffen will und deshalb in ganz Europa Dörfer aufzubauen beginnt. Klingler kümmert sich als «Vertreter gegen aussen» um Geldbeschaffung und Öffentlichkeitsarbeit der Organisation.

Nach fast fünfundzwanzig Jahren zieht er sich zurück und übernimmt für zwei Jahre die Geschäftsführung des Vereins «Gemeinden Gemeinsam Schweiz», der den Austausch zwischen schweizerischen und ex-jugoslawischen Gemeinden fördert. Nach einem Freijahr beginnt er Taxi zu fahren, zuerst für eine kleine Firma in Zollikofen, seit einem guten Jahr auf eigene Rechnung in Bern. Sein durchschnittlicher Monatsverdienst bewegt sich zwischen 5000 und 6000 Franken brutto. Er ist Mitglied des Vereins Bärner Taxi, der zusammen mit den Grossen der Branche die IG Taxi bildet.

Mein Titelvorschlag hatte gelautet: «Laden, wischen und warten».