Swissness im Rosenbeet

Neue Hörspiele von Lukas Holliger und Lukas Bärfuss verweisen darauf, dass es unterdessen vermehrt junge Dramatiker gibt, die ihr Handwerk beherrschen und nachhaltig Irritierendes zu sagen haben. Erste Erfolge der vermehrten Förderung dramatischen Schaffens.

Die beiden Dramatiker Lukas Holliger und Lukas Bärfuss verbindet nicht nur der Jahrgang 1971, sondern auch ihr Interesse für das Radio-Hörspiel. In den nächsten Tagen kann man sich auf DRS 2 von ihnen je eine Arbeit anhören. Die musikalische Ebene der beiden knapp 40minütigen Stücke hat der Cellist und Elektroniker Martin Schütz gestaltet. Sie taucht den Text von Holliger in eine ironisch-melancholische, jenen von Bärfuss in eine alptraumhaft-abgründige Atmosphäre.

In seinem adaptierten Theaterstück «Letzte Worte eines Schweizers am Kreuz» porträtiert Holliger ein längst erwachsenes Geschwisterpaar. Rebecca, die im Ausland von einer Schlange gebissen worden ist und deshalb in die Schweiz zurückgekehrt, besucht ihren Bruder Daniel. Diese Begegnung wird in Varianten mehrmals durchgespielt, immer wieder sucht Daniel Ausflüchte, um die Schwester möglichst schnell wieder los zu werden. Er sei auf dem Weg an einen Designerkongress, er gestalte T-Shirts mit Schweizer Kreuz auf der Suche nach dem «guten Gefühl der Swissness». Für Rebecca hingegen ist klar: «Das höchste, was wir Schweizer erreichen können ist, im Ausland zu sterben.» Verstrickt sind sie beide in ihre Erinnerung an den toten Vater. Während Rebecca von ihm das Fernweh lernte, hat Daniel sich in ihn verliebt und damit an sein Schweiz-Bild gefesselt.

Das Hörspiel von Bärfuss heisst «Jemand schreit in unseren Rosen». Nach einem Besuch beim Sohn sucht ein älteres Ehepaar spät in der Nacht nach Schlaf. Der Mann, der allmählich in eine Alptraumwelt hinüber dämmert, wird von seiner Frau vors Eigenheim hinaus geschickt, um das fremde Kind, das in den Rosen sitzt, zu entfernen. Er tut es brachial, bringt es dann hinüber ins Gemeindehaus, wo es einen Kinderhort gibt. Dort gerät er in eine nächtliche Versammlung, an der ein weiblicher Guru den Sinn des Lebens lehrt. «Gib uns einen Sinn. Wir wollen dafür kämpfen. Gib uns Gewehre!», fordert das Publikum. «Ihr braucht keine Gewehre.» – «Wir wollen die Revolution.» – «Auf wen wollt ihr schiessen?» – «Auf die Unmenschen, die uns den Sinn rauben.» – «Dann müsst ihr auf euch selber schiessen.» – «So wollen wir auf uns selber schiessen.»

Die beiden Hörspiele sind gleichermassen scharf gedacht und formuliert, schnell inszeniert und musikalisch spannend kommentiert. Eine ausgesprochen kurzweilige Hörerfahrung, die darauf verweist, dass in der Deutschschweiz die Dramatikerförderung nicht nur beschworen wird, sondern es hier unterdessen vermehrt junge Dramatiker gibt, die ihr Handwerk beherrschen und nachhaltig Irritierendes zu sagen haben.

Anlass für den Beitrag war die bevorstehende Ausstrahlung der beiden Hörspiele auf Radio DRS 2.