Subkultur: Fünf Faktoren und neun Thesen

«A walk on the wild side»: Unter diesem Titel waren bis Ende Mai im Stapferhaus in Lenzburg Materialien zu den die «Jugendszenen der Schweiz von den 30er Jahren bis heute» zu besichtigen: Insignien von Jugendbewegungen, multimedial. Hinweise auf Halbstarke, Rocker und Punks; auf Mods, Yuppies und Technos, auf die politischen Szenen von 1968, 1980 und 1993 – kaum von den Strassen verschwunden in musealer Verfremdung inszeniert. Hinweise auf jeweils spezifische Settings von Attitüde, Outfit und Habitus, auf Freizeit- und Konsumverhalten, Wertvorstellungen, Sprachregelungen, Ausdruckmedien, Musikstile. Dokumente von Szenen, die teils Lebensstile propagierten, teils mit neuen Lebensformen experimentierten, teils Rebellionen inszenierten, indem sie Rebellion verweigerten. Unvereinbare Vielfalt von Subkulturen als Ausdruck einer fragmentierten Kultur. Bloss: Inwiefern sind solche Jugendszenen überhaupt «Subkulturen»?

Golowin: «Volkskultur» und «Untergrund»

Mitte der fünfziger Jahre begann in Bern der junge Sergius Golowin von «Volkskultur» zu sprechen, wenn er die für ihn nihilistischen Auswüchse der modernen Zivilisation kritisierte: gegen die «dröhnenden Fabriken» und den «Grosstadtluxus» stellte er Bräuche und Märchen und den «ewigen Geist» der gotischen Dome. Wenn er zehn Jahre später das gleiche Phänomen meinte, sprach er nicht mehr von «Volkskultur», sondern von «Untergrund»: Jetzt ging es ihm weniger um die gotischen Dome, als um die Lebensweisheit der Steinmetze. Bis heute, so seine Idee, gebe es unter der Hochkultur eine «Untergrund-Kultur» der namenlosen Leute, deren ExponentInnen die jeweiligen gesellschaftlichen AussenseiterInnen seien. Bänkelsänger und Hexen früherer Jahrhunderte waren für ihn «die grossen Aufrührer gegen alle ‘Stile’ der Oberschicht, diese ‘geordneten’, damit erbärmlich gezähmten Musen.»[1] So gut wie damals war ihm dieser kulturelle Untergrund – als «Sub-Kultur» – auch am Ende der sechziger Jahre notwendiger Nährboden für die sterile Hochkultur der gesellschaftlichen Eliten. Und was seinerzeit Zigeuner und fahrende Schüler, HausiererInnen und Gaukler gewesen waren, waren ihm die Hippies, die Rocker und Freaks jener Tage.

Hollstein: «Subkultur» und «Gegenkultur»

Gleichzeitig versuchte damals auch der Soziologe Walter Hollstein das Phänomen des «Untergrunds» zu beschreiben[2]: Sub- oder Teilkultur definierte er als «einen akzidentiellen Dissens von der herrschenden Kultur, der sich zeitlich beschränkt in eigenen Normen, Verhaltensweisen und Gruppenbeziehungen ausdrückt». Weil in der Theorie die Differenz zwischen Teil- und Gesamtkultur als «niemals grundsätzlich» vorgesehen war, führte Hollstein, beeindruckt vom politischen Schwung der 68er-Bewegung, einen neuen Begriff ein: «Das Subkultur-Theorem mag Gestalt und Bedeutung der Teenager-Kulturen zureichend erklären; der jugendlichen Protestbewegung […] wird es nicht mehr gerecht. Vielmehr handelt es sich beim bezeichneten Phänomen um eine Gegenkultur, die sich als entschiedene Opposition zum bestehenden System ausdrückt und auch so verstanden werden will.» Als er in einem Aufsatz einige Jahre später den Begriff «Subkultur» erneut skizzierte[3], formulierte er allerdings vorsichtiger: «Beat-Generation, Provo-Bewegung, Underground wollten nicht Subkulturen, sondern Gegenkulturen (‘counterculture’) sein. Inwieweit sie diesen Anspruch auch konkret gesellschaftlich einlösten, ist eine andere Frage.» Sie hätte schon damals beantwortet werden können: Der ideelle Anspruch, den eine Subkultur formuliert, macht sie noch nicht zu dem, was sie postuliert.

Die 5-Faktoren-Subkultur

Sowohl Golowin als auch Hollstein haben ihre «Subkultur»-Begriffe ideologisch zurechtgebogen, um jene Szenen und Programme erklären zu können, die sie interessierten. Darum fransen ihre Begriffe ins Unbelegbare aus – Golowins Begriff in eine mythische Geschichtskonstruktion («Volkskultur»), jener von Hollstein in politisches Wunschdenken («Gegenkultur»). Statt den ausfransenden Rändern bestehender Szenen entlang Begriffsbestimmungen zu zimmern, ist auch ein umgekehrtes Verfahren denkbar: zuerst einen idealtypischen Begriff festlegen, danach klären, was an konkreten Phänomenen subkulturell ist. Meine Definition:

Unter «Subkultur» verstehe ich heute einen Prozess, der überall dort entsteht, wo sich Menschen unter Einsatz ihrer ökonomischen Möglichkeiten ohne formelle Organisationsstrukturen zusammentun, um sich mit verschiedensten Kommunikationsformen und über verschiedenste Kanäle mit öffentlichem Anspruch Gehör zu verschaffen für die ideellen Werte, die sie für unbedingt emanzipativ halten.

Demzufolge liegt dann eine idealtypische Subkultur vor, wenn fünf Faktoren gegeben sind:

1. Der Aggregatszustand von Subkultur ist die Bewegung. Subkultur ist Prozess, nicht Produkt.

2. Die ökonomische Basis von Subkultur ist die Unvernunft gegenüber dem Kapitalismus: Das Geld stellt sich in den Dienst der Sache, nicht umgekehrt.

3. Die subkulturelle Organisationsstruktur ist informell und deshalb instabil. Nicht nur ihr Zerfall, auch ihre Verfestigung ist das Ende der entsprechenden Subkultur.

4. Die Kommunikationsstrategie von Subkultur hat eine untrügliche Doppeleigenschaft: Sie ist öffentlich und dissident zugleich.

5. Subkultur hat einen ideellen Anspruch – und wäre es der Versuch von dessen Negation.

Kein konkretes Phänomen entspricht einer solchen Definition von Subkultur vollständig und restlos. Um ein Phänomen zu würdigen, muss es unter jedem der fünf Faktoren gewürdigt werden. Das Ergebnis sind graduelle Entsprechungen. Es gibt keine reine Subkultur, aber es gibt andererseits auch kaum Kultur ohne subkulturelle Anteile. Es gibt Phänomene, die noch nicht Subkultur und solche, die nicht mehr Subkultur sind – noch nicht, weil sie zum Beispiel noch vollständig im Privaten ablaufen; nicht mehr, weil zum Beispiel die Administration professionalisiert wird etc. Der Witz einer solchen Definitionsmethode: Sie kann an der Snowboardszene so gut wie an einer Basler Fasnachtsclique, an Blochers AUNS so gut wie an der Roten Fabrik in Zürich erprobt werden. Sie erlaubt, auch in postmodern unübersichtlichen Zeiten relativ präzis über Subkultur zu sprechen.

Thesenspiel: Universum der Kultur

Aber wie verhält sich die idealtypische Subkultur zum Universum der Kultur? Eine Frage, die zum spekulativen Fantasieren in Form eines kleinen Thesenspiels einlädt:

These 1. Das Universum der Kultur unterteilt sich in drei sozial übereinander geschichtete Sphären: in die Sphäre der Prozesse, in die Sphäre der Produkte und in die Sphäre der Personen.

These 2. Die Sphäre der Prozesse, also die Subkultur, ist jene, in der sich Kultur ereignet. Menschen treten hier als Handelnde, als Kulturschaffende anonym in Erscheinung: Nicht ihre Person, sondern ihr Tun ist bedeutend, und zwar genau insofern, als es auf die Weiterentwicklung eines kollektiven, kulturellen Prozesses Einfluss nimmt.

These 3. In der Sphäre der Produkte hat sich der Prozess zum Produkt verfestigt. Einzelne Menschen treten hier den Produkten zugeordnet auf als deren HerstellerInnen, also als «KünstlerInnen». Der Strom des kulturellen Prozesses, der ihre Produkte als Strandgut ans Ufer wirft, erscheint in dieser Sphäre verengt zum munteren Bächlein: als Schaffensprozess einzelner Genialbegabter.

These 4. In der Sphäre der Personen erscheint Kultur nur noch in symbolisierter Form. Namen von Werken, Schulen oder Personen werden Distinktionsmerkmale; Anspielungen darauf werden im Gespräch zu Spielmarken, die gesellschaftliche Abgrenzung und Zugehörigkeit signalisieren.

These 5. In der Sphäre der Prozesse, wo Kultur produziert wird, herrscht das Wertechaos. Was sich ereignet, ereignet sich, wenn auch als Absichtsvolles, so doch zuallererst als Wertfreies – aus der Perspektive der Gesellschaft als Wertloses. In der Sphäre der Produkte, der Ebene der Kunst, wird das produkthaft Verfestigte geeicht nach den herrschenden Massstäben von Kritik und Markt: Es erhält über die mit dem Markt gekoppelte feuilletonistische Kritik einen gewissen Marktwert und damit eine entsprechende ästhetische Bedeutung: Verfestigte Kultur ist Kunst ist Ware. Auf der Ebene des Kunstbetriebs dient die feuilletonistische Produktion von ästhetischen Werten und die Manipulation von Marktwerten zur Spekulation mit nichtökonomischem Kapital. Die Sphäre der Personen ist, mit anderen Worten, die Börse für kulturelles und soziales Kapital.

These 6. Die soziale Schichtung des Universums der Kultur ist analog derjenigen der Gesellschaft: Während das Engagement im kulturellen Prozess vorab Menschen der Unterschichten und des Kleinbürgertums eine Aufstiegsperspektive bietet, überwiegen auf der Ebene der Kunst jene mittelständischen Halbreichen, die es nötig haben, ihr Geld zu zeigen und über genügend Geld verfügen, um durch Beeinflussung der Nachfrage wertemanipulierend zu intervenieren. Auf der Ebene des Kulturbetriebs schliesslich tummeln sich alle, die Kulturprodukte rezipieren – dominiert wird sie allerdings von jenen, die am meisten Vermögen an kulturellem und sozialem Kapital auf sich vereinen. Eine solche Stellung erreicht niemand durch reine Spekulation, sie ist eine Frage der Herkunft.

These 7. Historisch betrachtet hat sich das Verhältnis der drei Sphären in den letzten zweihundert Jahren dramatisch verschoben. Mit dem Aufkommen des Bürgertums hat die Sphäre der Produkte gegenüber jener der Prozesse stark an Bedeutung gewonnen, weil sich bürgerliche Kunst am Markt viel stärker zu bewähren hatte als zuvor das Kulturschaffen unter aristokratischer Protektion. Nach der Explosion der kulturindustriellen Produktion einerseits, andererseits mit der Revolutionierung der audiovisuellen Abbildung des Kunstbetriebs, die das Angebot an Produkten und an Selbstinszenierungsmöglichkeiten gleichermassen ins Unendliche gesteigert haben, hat sich in der Sphäre der Personen die Attitüdenjägerei zum Massenphänomen entwickelt.

These 8. Wenn die Sphäre der Prozesse als Raum der Kulturproduktion bezeichnet würde, dann wäre die Sphäre der Produkte der Raum der Sterilisierung und Konservierung von Kultur und die Sphäre der Personen der Raum der Verschlingung – der Konsumtion, Vertilgung und Destruktion des Kulturellen. Kultur in Produktform wird durch Rezeption verschlissen wie andere Waren auch. Die Aufbereitung verschlissener Kultur gehört ins Fach von Kulturindustrie und Massentourismus.

These 9. Die Sphäre der Prozesse schafft Sinn, Interaktion und Identität. Die Sphäre der Produkte schafft nichts, sie ist die Transformationsebene, die das Erschaffene (und damit die Erschaffenden) auf den Ranglisten der herrschenden gesellschaftlichen Werte einreiht. Die Sphäre der Personen schliesslich schafft Simulation von Identität: Narzissmus. Narzissmus als bombastischer Widerschein der eigenen Individualität im Spiegel des kulturellen Universums ist der Gegenpol zur Identität, die in der Sphäre der Prozesse wachsen kann. Narzissmus verhält sich zu Identität wie Zucker zu Honig.

Und jetzt Du!

Ein solches Thesenspiel glaubt kein Mensch, sagst Du? Gut möglich. Spiele muss man ja auch nicht glauben, sondern entwerfen und spielen. Formulier Dein eigenes! Such Leute, diskutier Deine Thesen, lös einen Prozess aus, daraus kann eine neue Subkultur entstehen. Das weitere wird sich weisen.

[1] Sergius Golowin: Berner Märit-Poeten, Bern (Sinwel-Verlag) 1969, S. 107.

[2] Walter Hollstein: Der Untergrund. Zur Soziologie jugendlicher Protestbewegungen, Neuwied/Berlin (Luchterhand) 1969, S. 156ff.

[3] Walter Hollstein: Der Hedonismus in den "Subkulturen", in: Frankfurter Hefte. Zeitschrift für Kultur und Politik", 4/1975, S. 97.