Spitzensportler an der Fräsmaschine

Die Suva-Schutzbrille ins Haar zurückgeschoben misst Stefan Lauber mit dem Mikrometer einen dünnen Metallstab aus, es geht um jeden Hundertstelmillimeter. Die Werkhalle der «Lädere», der Lehrwerkstätten Bern, ist angefüllt von grünen Maschinen und roten Materialkästen. Die Tischdrehbank, an der er arbeitet, steht vorn am Fenster in der Nachmittagssonne. Draussen hinter dem Einschnitt der Aare, die obere Altstadt.

Seit zwei Tagen arbeitet Lauber in schwarzem T-Shirt und roten Latzhosen an seiner IPA, der «individuellen Produktivarbeit». Das ist der praktische Teil seiner Lehrabschlussprüfung als Polymechaniker. Sie besteht darin, in 38 Stunden aus einem Plan und dem Rohmaterial die Einzelteile einer Vorrichtung – in seinem Fall eine Miniaturdrehbank – zu fräsen, zu drehen, zu bohren und zu schleifen, danach zusammenzubauen und schliesslich zum Funktionieren zu bringen. Bewertet wird das abgelieferte Werkstück von seinem Lehrmeister Beat Oppliger, der für die Gesamtbeurteilung auch die Ordnung am Arbeitsplatz, das Vorgehen bei der Herstellung der Einzelteile und die Einhaltung der Sicherheitsauflagen einbeziehen wird.

Suche nach dem Alpha-Zustand

Die IPA gehört nicht nur zu Laubers Lehrabschluss, sie ist Teil seines Trainingsprogramms. Denn als amtierender Schweizer Meister in der Disziplin der Maschinenbautechnik steckt er voll in den Vorbereitungen für die 37. Berufsweltmeisterschaften, die Mitte Juni im St. Galler Olma-Gelände stattfinden. Dort messen sich die maximal 22 Jahre alten Kandidaten und Kandidatinnen aus 37 Ländern in 40 Berufs-«Disziplinen». Zu verteidigen hat die Schweizer Delegation 5 Gold-, 3 Silber-, 5 Bronzemedaillen sowie 14 Diplome, die sie im September 2001 in der südkoreanischen Hauptstadt Soeul gewonnen hat.

«Übernächstes Wochenende haben wir ein Alpha-Training», sagt Lauber im Aufenthaltsraum der «Lädere». Er erzählt, wie die Schweizer Delegation auf ihren Einsatz vorbereitet wird. «Schon beim letzten Training haben wir mit der Hand zwei Holzbrettchen zerschlagen. Da sagst du zuerst: Das geht auf keinen Fall. Wir haben uns aber gegenseitig aufgeputscht, bis ich ein Kribbeln gespürt habe. Dann habe ich das Brettchen zerschlagen.» Das sei der «Alpha-Zustand», in dem die Hirnströme ruhiger verlaufen als im gewöhnlichen Beta-Zustand. Auch im Spitzensport versuche man vor dem Einsatz, den Alpha-Zustand zu erreichen.

Neben diesem mentalen Training reist Lauber für das praktische jeweils nach Basel. Dort stehen Fräs- und Drehmaschinen von jenem Typ, der auch in St. Gallen zur Verfügung stehen wird. Da die Handräder und die Digitalanzeige in anderer Konstellation angebracht sind als bei den «Lädere»-Maschinen, müssen andere Bewegungsabläufe eingeübt und automatisiert werden. «Das ist wichtig, damit der Kopf frei bleibt für die gestellte Aufgabe», sagt Oppliger, der nicht nur Laubers Lehrmeister, sondern auch sein Trainer ist.

Konzentration ist alles

Nachdem sich das Scheichtum Dubai als Veranstalter zurückgezogen hat, findet die Berufs-WM nach 1997 zum zweiten Mal in St. Gallen statt. Stefan Lauber wird dort zwischen dem 19. und dem 22. Juni je 6, also insgesamt 24 Arbeitsstunden zur Verfügung haben, um die gestellte Aufgabe nach den Kriterien Funktionstüchtigkeit, Oberflächengüte und Masshaltigkeit optimal zu lösen.

Einfach wird das nicht werden. Die Arbeitsplätze sind lediglich durch Banden von den Gängen abgetrennt, durch die das Publikum zirkuliert – 1997 wurden die vier Wettkampftage von rund 150000 Zuschauer und Zuschauerinnen besucht. Bereits am ersten Tag werden zum Beispiel sämtliche Stifte der «Lädere» nach St. Gallen reisen. Was tut er, wenn seine Kollegen einer nach dem andern wissen wollen, wie’s denn so laufe? «I schaffe wyter», sagt er lächelnd.

Fehler wird er sich trotz aller Ablenkung keine erlauben dürfen. Sein Trainer Oppliger wird zwar anwesend sein, aber in der Funktion des Experten, der sich strikter Zurückhaltung befleissigen muss. Ein Gespräch unter vier Augen sei in diesen vier Tagen ausgeschlossen, sagt Oppliger: «Wenn ich sehe, dass er etwas Falsches macht, kann ich nicht eingreifen.» Und Lauber ist klar: Wenn er eine Auskunft braucht, wird er sich an einen anderen Experten wenden müssen.

Er nimmt’s gelassen und strahlt eine Ruhe aus, als wäre ihm Stress völlig fremd: «Die Vorbereitung stimmt und in St. Gallen habe ich einen Heimvorteil. Wenn es gut läuft, kann es bis zuoberst aufs Podest reichen.»

 

[Kasten]

Trompeter mit Quartalslohn

Stefan Lauber, 20, lernt im vierten Lehrjahr Polymechaniker in den Lehrwerkstätten Bern (LWB). Er lebt bei seinen Eltern in Beitenwil zwischen Worb und Rubigen. In Vielbringen und Rüfenacht besuchte er die Realschule, in Mathematik die Sekundarklasse. In der LWB profitiert er von einer grosszügigen Ferienregelung (14 Wochen). Allerdings steht während der Ferien einmal pro Jahr ein Praktikum in einer Privatfirma auf dem Programm, und der Lohn, der hier «Prämie» genannt wird, ist niedrig: 700 Franken pro Quartal.

Ende August 2002 hat er in der Disziplin der Maschinenbautechnik die Schweizer Meisterschaften gewonnen und sich so für die 37. Berufsweltmeisterschaften in St. Gallen qualifiziert. In der Freizeit ist er häufig mit seiner Trompete unterwegs: Er spielt in der Jugendmusik Worb sowie im Jugendsymphonieorchester und in einem Bläserquintett des Konservatoriums Bern. Er ist Mitglied der Gewerkschaft Smuv.

Work berichtet weiter über Laubers WM-Vorbereitungen.

 

[Nachzug 1, Work 18. 4. 2003]

Die Mannschaft wird eingekleidet

Noch sieben Wochen bis zum Start an der Berufweltmeisterschaft: Polymechstift Stefan Lauber hat im Moment Ferien und steckt mit seiner Trompete in Bärau im Emmental in einem einwöchigen Lager des Verbands bernischer Jugendmusiken. Rund siebzig Jugendliche, Durchschnittsalter 17 Jahre, üben in Gesamt- und Registerproben unter anderem an einem Arrangement mit Filmmusik von Nino Rota. Geprobt wird für eine kleine Tournee mit Konzerten in Bern, Interlaken, Biel und Tavannes – und für einen geschlossenen Anlass des Sponsors: der Berner Kantonalbank.

Vor den Ferien hat Stefan Lauber in der «Lädere» in Bern seine praktische Lehrabschlussarbeit abgeschlossen. Er ist zufrieden mit dem Ergebnis, auch wenn ihm, wie er sagt, einige kleine Fehler unterlaufen seien. Er hat 17 Einzelteile herstellen und sie anschliessend zur Miniaturdrehbank montieren müssen. Die abschliessende Präsentation der Arbeit vor den Experten sei für ihn auch deshalb «sehr gut» gewesen, weil er in verschiedenen Punkten Verbesserungsvorschläge am Projektplan habe machen können, nach dem er zu arbeiten hatte. «Im Ganzen eine gute Erfahrung», sagt er, «und eine gute Vorbereitung für die WM.»

Bereits am Wochenende vom 22. und 23. März hat Lauber ein WM-Vorbereitungswochenende absolviert (zufälligerweise ebenfalls in Bärau). Getroffen haben sich alle Experten und die 42 Schweizer Teilnehmerinnen und Teilnehmer der 40 Disziplinen (in Landschaftsgärtnerei und Mechatronik geht je ein Zweierteam an den Start). In erster Linie habe man sich kennen lernen können und sei darüber aufgeklärt worden, was wann wo laufe an der WM in St. Gallen.

Dann aber habe es im Modehaus Spengler in Bern auch eine Kleideranprobe gegeben. Die ganze Mannschaft wird in einheitliche, massgeschneiderte Jacketts, Hosen, Hemden, Schuhe und T-Shirts eingekleidet. Und auch bei den Arbeitskleidern habe man darauf geschaut, dass die Berufsgruppen – zum Beispiel die Mechaniker – einheitlich angezogen seien.

Bevor Stefan Lauber wieder hinter seine Maschinen steht, steht er jetzt mit dem Verbandsorchester der bernischen Jugendmusiken vor das grosse Publikum: zuerst im Kursaal Bern, danach im Kursaal Interlaken.

 

(Nachzug 2, 2. 5. 2003)

Training an der Emco-Drehbank

Noch 49 Tage bis zum Start an der Berufsweltmeisterschaft: Die Ferien von Stefan Lauber, der in St. Gallen in der Disziplin der Maschinenbautechniker starten wird, sind vorbei. Vom 22. und zum 24. April ist er zwischen Beitenwil bei Worb, wo er wohnt, und Basel dreimal hin und her gependelt, um in der mechanischen Werkstatt des Orthopädiezentrums WWB an einer Drehbank des Emco-Konzerns zu arbeiten. Eine Drehbank dieses Typs wird ihm in St. Gallen zur Verfügung stehen. In Basel hatte er täglich eine andere Aufgabe zu lösen: Am ersten Tag zum Beispiel war in vorgegebener Zeit ein Meisterprüfungs-Werkstück zu drehen. Es ist knapp geworden. Zum Säubern der Kantenbrüche reichte es nicht mehr. In St. Gallen wird so etwas Abzug geben.

Unterdessen ist der Auftritt der Trompeters Lauber mit dem Orchester des Verbands bernischer Jugendmusiken im Berner Kursaal vorüber. Das Publikum – wohl gegen tausend Leute – habe den weiten Saal fast ganz gefüllt. Es sei nicht von Anfang an nach Wunsch gelaufen, das Orchester habe einen Moment gebraucht, bis es zum Gestalten der Spannungsbögen und zum Musizieren gefunden habe. Höhepunkt sei ein Stück gewesen, das am Bühnenrand von zwei jonglierenden und Einrad-fahrenden Varieté-Künstlern illustriert worden sei: «Das ist sehr gut angekommen.»

Am Dienstag dieser Woche nun hat Lauber einen weiteren Teil seiner Lehrabschlussprüfung absolviert: die Präsentation der «Selbständigen Vertiefungsarbeit» (SVA), was zur theoretischen Prüfung des allgemeinbildenden Unterrichts gehört. Unter dem vorgegebenen Oberthema «Phänomen» verfasste er im Team mit einem Kollegen eine Arbeit über das Nordlicht. Die beiden suchten nach Leuten, die diese spezielle Lichterscheinung schon selber gesehen haben, und recherchierten, ob es in diesem Bereich touristische Angebote gebe – es gibt offenbar keine. Nun hatten die beiden die bereits zuvor eingereichte Arbeit in zwanzig Minuten zu präsentieren und sich danach im Einzelgespräch den Experten zu stellen.

 

(Nachzug 3, 16. 5. 2003)

Kurze Mittagspause im «Du Nord»

Noch 35 Tage bis zum Start an der Berufsweltmeisterschaft in St. Gallen: Punkt 12 Uhr kommt Stefan Lauber von der «Lädere» – den Lehrwerkstätten Bern – über die Lorrainestrasse herüber zum Restaurant «Du Nord». Es ist vorsommerlich warm, er trägt ein dunkles T-Shirt, kurze Hosen und Sandalen. Kaum haben wir uns gesetzt und bestellt – er nimmt das Menu mit Fisch und trinkt dazu Eistee – kommt er auf den 28. April zu sprechen.

An diesem Tag musste er im Rahmen der Lehrabschlussprüfung seine «Selbständige Vertiefungsarbeit» präsentieren. Er ist am Morgen um viertel vor acht gleich als erster drangekommen und hat seinen Gewerbeschul-Kollegen mit Stichwortkärtchen in der Hand frei sprechend über seine Nachforschungen zum Nordlicht berichtet. Von den zehn Minuten, die ihm zur Verfügung standen, brauchte er deren acht. Das anschliessende Einzelgespräch mit dem Klassenlehrer und dem Experten sei gut gegangen bis zur Frage, was die «Korona» des Nordlichts sei. Da habe er passen müssen.

Bereits um neun Uhr fuhr er an diesem Tag im Auto seines Vaters nach Lenzburg. In den Ausbildungsräumen der Swissmechanic, Sektion Aargau, erwartete ihn sein Lehrmeister und Trainer Beat Oppliger. Diesmal war eine Trainingseinheit an der Okamoto-Flachschleifmaschine angesagt – wie die Emco-Drehbank, die er letzthin in Basel getestet hat – einem Maschinentyp, der ihm an der WM in St. Gallen zur Verfügung stehen wird. Diese Maschine habe «extrem viele Knöpfe» und gebe die Masse digital auf den Zehntausendstel-Millimeter genau an. «Eine Spielerei», sagt er, «bereits ein Temperaturunterschied von wenigen Graden verändert das Mass um mehrere Tausendstel.» Für den gröberen Arbeitsgang, das «Schruppen», habe er die Maschine auf einen Hundertstel programmiert, für das anschliessende «Schlichten» auf fünf Tausendstel.

Und wo er als Smuv-Mitglied am 1. Mai gewesen sei? Gearbeitet habe er den ganzen Tag, wie alle anderen. Allerdings habe er in der «Lädere» nicht gefragt, ob er in die Stadt hinüber an den Umzug gehen dürfe. «Politik interessiert mich nicht wirklich», sagt er. Er habe zu wenig Zeit dafür – schon nur, bis man eine Meinung habe zu den Abstimmungen vom 18. Mai. Klar gebe es die Parolen der Parteien, aber da sei er misstrauisch: «Die manipulieren doch alle.» Stefan Lauber will es selber wissen, sonst lässt er es lieber.

 

(Nachzug 4, 30. 5. 2003)

Ruhe vor dem Sturm

Noch 21 Tage bis zum Start an der Berufsweltmeisterschaft: Für Stefan Lauber beginnt mit dem Juni ein verrückter Monat: Lehrabschluss als Polymechaniker in Bern, Berufs-WM in der Disziplin der Maschinenbautechniker in St. Gallen und Auftritt am eidgenössischen Jugendmusikfest in Chur. «Danach will ich mindestens einen Monat Ferien», sagt er. Und dann? Er möchte arbeiten, vorderhand bis zur Rekrutenschule, die er im nächsten Frühling als Militärmusiker in Aarau zu absolvieren hat. Bereits hat er eine Stellenbewerbung geschrieben und erste Gespräche geführt. Entschieden ist noch nichts.

Auf seinen Traumjob angesprochen, überlegt er nicht lange: Polymechaniker mit möglichst wenig Routinearbeiten. Am meisten reizen würde ihn der Bau von Prototypen, bei denen er von A bis Z alles selber machen und bei der Erprobung der Konstruktionen dabei sein könnte. «Spannend ist, wenn ich mit neuen Problemen konfrontiert werde. Wenn es keine Probleme mehr gibt, wird die Arbeit langweilig.»

Am letzten Wochenende hat er an einem weiteren Vorbereitungstreffen des Schweizer Teams in Bärau bei Langnau (BE) teilgenommen. Zuerst war Anprobe der massgeschneiderten Mannschaftskleider: Hosen, Hemden, Kittel, Schuhe. Dazu erhielt er ein Arbeitstenue und vier rote T-Shirts mit dem Aufdruck «Swiss» und verschiedenen Sponsorenlogos. Nach dem Fototermin folgte ein Referat über Motivation, das der Eishockeytrainer und SVP-Nationalrat Simon Schenk hielt. Ein wichtiger Teil des Weekends war wieder für das mentale Training reserviert: Flattern die Nerven im Körper, hilft es, in bestimmter Weise die Finger aufeinander zu legen; wenns im blockierten Kopf nicht mehr zu drehen aufhört, ist die Vorstellung einer Landschaft hilfreich; Atemtechniken können helfen, starke Emotionen zu kontrollieren.

Noch bleiben Lauber einige ruhige Tage. Bei der Firma Wyler in Ostermundigen kann er noch einmal einen Tag lang an einer Emco-Drehbank trainieren, und am 5. Juni muss er seinen persönlichen Werkzeugwagen in die Olmahalle 2 nach St. Gallen transportieren. Dann, am 12. Juni, beginnen die hektischsten zwei Wochen seines bisherigen Lebens.

 

(Nachzug 5, 13. 6. 2003)

Der Countdown läuft

Noch eine Woche bis zum Start an der Berufsweltmeisterschaft in St. Gallen: Für Stefan Lauber haben die hektischsten zwei Wochen seines bisherigen Lebens begonnen.

Transport der Werkzeugkiste: Am 5. Juni brachte Lauber mit einem Auto seine Werkzeugkiste in die Olmahalle 2 nach St. Gallen. Hier hatte er ein erstes Mal Gelegenheit, seinen Arbeitsplatz zu besichtigen, an dem er den Wettkampf bestreiten wird.

Abschlussfest: In den folgenden Tagen hat der Polymechaniker-Lehrling Lauber in der «Lädere», den Lehrwerkstätten Bern, allmählich seinen Arbeitsplatz geräumt. Am Nachmittag des 6. Juni stieg das Abschlussfest seiner Schulklasse.

Proben und lernen: Tage am Schreibtisch. Lauber repetierte für die Lehrabschlussprüfungen. Mit seinem Lehrmeister und Trainer Beat Oppliger führte er letzte Gespräche vor der WM – in St. Gallen amtet Oppliger als Experte, jedes vertrauliche Wort wird dann tabu sein. Fast jeden zweiten Abend nahm er an Proben der Jugendmusik Worb teil.

Schlussprüfungen I: Am 12. Juni absolvierte er den allgemeinbildenden Teil der Lehrabschlussprüfung.

Schlussprüfungen II: Am Vormittag des 13. Juni steht der Berufskunde-Teil der Lehrabschlussprüfung auf dem Programm. Anschliessend reist er nach St. Gallen, um sich der Schweizer Delegation der Berufsweltmeisterschaft anzuschliessen, die sich schon gestern getroffen hat.

Musikalisches Intermezzo: Am 14. Juni reist Lauber von St. Gallen nach Chur, um als Trompeter mit der Jugendmusik Worb am Eidgenössischen Jugendmusikfest teilzunehmen. Seine Teilnahme ist unabdingbar, weil er «zwei, drei Solos» spielen muss, die seine jüngeren Kollegen im Trompetenregister noch nicht drauf haben. Anschliessend Rückkehr nach St. Gallen.

Die Weltmeisterschaft: Am 15. Juni findet der offizielle Begrüssungsempfang statt. Bis zum 18. Juni stehen danach eine Stadtbesichtigung, das Einrichten der Arbeitsplätze und die offizielle Eröffnungsfeier auf dem Programm.

Der Wettbewerb: Am Donnerstag, 19. Juni, punkt 9 Uhr ist es so weit: In vier sechsstündigen Schichten läuft bis zum Sonntagnachmittag, 17.00 Uhr, der eigentliche Wettkampf.

Viel Glück, Stefan Lauber!

 

(Nachzug 6, 4. 7. 2003)

Laubers Kampf um Gold

Rang 2 vor dem abschliessenden Arbeitstag: Die letzten Wettkampfstunden von Stefan Lauber an der Berufsweltmeisterschaft sind hart: Er sieht nichts, hört nichts, fräst.

St. Gallen, Olma-Halle 9.0: Es ist Sonntagmorgen, 22. Juni. Vierter und letzter Wettkampftag an den 37. Berufsweltmeisterschaften. Seit 9 Uhr eilen die Konkurrenten der Disziplin Maschinenbautechnik wieder hochkonzentriert zwischen Fräs- und Bohrmaschine, dem Drehbank und ihrem Montagetisch hin und her. In Führung liegt der Japaner Horiaki Sugiura, Stefan Lauber folgt ex aequo mit dem Iren John Walsh, der Koreaner Jae Choon Lee liegt mit minimem Rückstand auf Rang 4. Punkt 17 Uhr müssen die Miniatur-Drehbänke aus Stahl und Messing, die die elf Konkurrenten nach dem gleichen Plan bauen, auf dem langen Tisch der Experten stehen. Dann muss Lauber unter den Augen von Experten und Konkurrenten seine Arbeit an die Druckluft anschliessen und zeigen, dass alles funktioniert.

14.40 Uhr, draussen ist es über 30 Grad, hier in der Halle nur unwesentlich kühler. Lauber im roten «Suisse»-T-Shirt schiebt den rollbaren Werkzeugwagen zur Fräsmaschine. Gestern hatte er einen kleinen Rückschlag. «Ein Mass war um einen Hunderstelmillimeter zu gross, das gab Abzug», sagt Beat Oppliger, Laubers Trainer, der hier als Experte seinen Schützling nur von fern beobachten kann. Zwischen der Maschine und dem Werkplan, der an der Rückwand des Werkzeugwagens aufgespannt ist, hastet Lauber hin und her, tippt neue Masse in die Tastatur der elektronischen Steuerung. Und schon steht er wieder am Schraubstock, feilt, die Beine weit ausgreifend gegrätscht, die Augen knapp über dem kleinen Stahlstift.

Die Zeit läuft davon

Irgendwo Applaus. In der riesigen Halle, in der auch die Werkzeugbauer, die Feinmechaniker, Mechatroniker, Dreher, Fräser, Kältetechniker und Polymechaniker ihren Wettkampf austragen, schliessen erste Wettkämpfer ihre Arbeiten ab. Lauber wird in seine letzte Pause geschickt, die er einhalten muss. Er hat keine Augen für die Scharen von Leuten, die flanierend die Wettkämpfe beobachten, nicht für die Künste der Köche, die kunstvoll verwinkelten Mauern der Maurer oder die Matterhörner auf blauem Grund, an denen die Plattenleger in Halle 5 pflastern. Lauber geht wie abwesend entlang der Banden ausserhalb des Wettkampfgevierts, schwingt die Arme, rollt den Kopf, wartet ungeduldig auf den Wink des Experten, eilt – Punkt halb vier jetzt – an seinen Tisch zurück, feilt weiter.

Hinter Lauber öffnet Justin Port, der Neuseeländer, probeweise das Ventil der pneumatischen Zuleitung, die einströmende Pressluft setzt seine kleine Drehbank in Bewegung. Port strahlt, lacht: Es funktioniert! Lauber sieht nichts, hört nichts, feilt. Bereits schliesst Sugiura, der Japaner, ab. «Seine Stahlteile müssten wir eigentlich gar nicht nachmessen, alles Mitte Toleranz, auf den Tausendstel», hat Oppliger vorhin gesagt. Endlich beginnt auch Lauber zu montieren.

16.20 Uhr: Sugiura spaziert ausserhalb der Bande hin und her, schaut Lauber zu, lächelt, geht wieder weg. Gelöste Feierabendstimmung neben verbissener Anstrengung: Lauber muss ein kleines Metallstück holen, das ihm vom Arbeitstisch gerollt ist. Halb aufgerichtet schraubend merkt er kurz darauf nicht, dass sein Hocker davonrollt. Er setzt sich ins Leere, stürzt rückwärts, rappelt sich auf. Oppliger kommt an die Bande: «Er ist spät dran.»

16.42 Uhr: Laubers Montage gelingt nicht auf Anhieb. Er beginnt zu demontieren, eilt mit einem Stahlstück zur Bohrmaschine, manipuliert hektisch, bohrt, eilt zurück, beginnt wieder zusammenzubauen. Jetzt läuft ihm die Zeit davon.

16.55 Uhr: Noch hat Lauber die Pneumatikstation nicht angeschlossen, wieder demontiert er, schleift, montiert. Dann springt der Zeiger auf die volle Stunde, Lauber arbeitet hektisch, ein Pfiff, ein Experte eilt heran, breitet seine Arme über den Arbeitstisch, ruft: «Stopp!» Lauber schaut auf, erwachend wie aus einem Albtraum.

Sorge um die neue Stelle

Eine Viertelstunde später analysiert er an der Bande: «Ich glaubte, für die Montage genügend Zeit zu haben. Deshalb habe ich zu lange an den Einzelteilen geschliffen.» Seine erste Sorge nach der Niederlage: «Vielleicht krieg ich jetzt meine Stelle nicht. Dort, wo ich mich vorstellen konnte, haben sie gesagt, ich bekomme sie nur, wenn ich Weltmeister werde.»

Übrigens: Nach Anschluss der Expertenauswertung der folgenden Tage bestätigt Oppliger, dass Lauber die Silbermedaille auf sicher gehabt hätte, wäre er fertig geworden. Gewonnen hat Sugiura vor Walsh, Lauber muss sich mit Rang 7 begnügen.