Sinn als Gewinn

moneta: Etienne Bonvin, in letzter Zeit sind die Medien voll von Berichten über die Börse, die verrückt spiele und von Aktien, die dramatisch an Wert verloren hätten. Trotzdem laden Sie dazu ein, jetzt weitere ABS-Aktien zu zeichnen. Warum sollte man?

Etienne Bonvin: Es gibt zurzeit auch ABS-AktionärInnen, die uns anrufen und fragen: Was ist mit meinen Aktien? Sind die jetzt auch im Keller? Darauf sagen wir: Nein, genau so wenig, wie sie in den letzten Jahren gestiegen sind, sind sie jetzt gesunken. Ihr Wert liegt nach wie vor bei 1100 Franken. Das ist der Kurs, der dem inneren Wert der ABS entspricht und den wir so verantworten können. Unsere Aktien kann man nicht mit börsenkotierten Akten vergleichen, bei denen die Leute gewinnen, wenn sie im richtigen Augenblick einsteigen und aussteigen, ansonsten aber verlieren. Gegen das spekulative Börsengeschäft hat sich die ABS immer gewehrt. Der Kauf einer ABS-Aktie ist eine Investition, keine Spekulation.

ABS-Aktien zu kaufen, ist demnach risikolos?

Was in der Tat wegfällt, ist das Marktrisiko. Was nicht wegfällt, ist das unternehmerische Risiko, das die AktionärInnen als TeilhaberInnen des Unternehmens mittragen. Neben der strengen bankengesetzlichen Aufsicht wird aber in den Leitlinien der ABS die Transparenz gross geschrieben.

Kleineres Risiko bedeutet auch kleinerer Gewinn. Was hat man von ABS-Aktien?

Einen materiellen und einen ideellen Gewinn. Der materielle hält sich allerdings in Grenzen. Bei der ABS ist statutarisch festgelegt, dass die maximale Dividende so hoch sein kann wie der durchschnittliche Sparzinssatz des letzten Jahres – zurzeit knapp 1 Prozent. Reich wird mit ABS-Aktien also niemand. Der Gewinn liegt deshalb vor allem im ideellen Bereich: Unsere AktionärInnen ermöglichen nun schon zwölf Jahre das Bestehen einer Bank, die nicht nur von Jahr zu Jahr mehr Aktionärinnen und Kunden hat, sondern auch immer mehr sinnvolle Projekte finanziert.

Die ABS hat gut 4300 AktionärInnen. Wie viele will man mit der laufenden Kampagne zusätzlich gewinnen?

Möglichst viele! Wir sind froh um jeden Neuaktionär und um jede ABS-Aktionärin, die weitere Aktien kauft. 

Wie setzt sich denn das heutige Aktionariat zusammen?

Laut der Statistik für die Nationalbank aus gut 4000 Privathaushalten. Dazu kommen gemeinnützige private Organisationen und juristische Personen des privaten und öffentlichen Sektors. Schliesslich halten knapp neunzig Aktionäre im Ausland ABS-Aktien.

Wen wünscht sich die ABS nun als neue AktionärInnen?

Noch einmal: Wir sind froh um jede gekaufte Aktie, um jede Aktionärin, jeden Aktionär. Andererseits freuen wir uns, wenn Organisationen aus unserem Umfeld, die gute Ideen haben, in die Zusammenarbeit mit uns ein bisschen Kraft oder Arbeit investieren. Für sie sind die «Stimmrechtsaktien» gedacht, die nominal 100 Franken kosten statt 1000. Wer solche A-Aktien besitzt, verfügt an der Generalversammlung pro 1000 Franken, die er investiert, über 10 Stimmen statt bloss über eine. Allerdings kann laut Statuten kein Aktionär mehr als 3 Prozent der Stimmen auf sich vereinen. Heute gibt es eine einzige Aktionärin, die diese Grenze annähernd erreicht und knapp fünf Dutzend, die über mehr als je 100 Stimmen verfügen.

Die ABS wächst zurZeit fast zu schnell (siehe Kasten]) Wie steht’s in einer solchen Zeit mit den ethischen Richtlinien, nach denen sie ja eigentlich handeln will? 

In der Anfangsphase waren die Ansprüche sicher höher. Damals konnte man schon aus finanziellen Gründen nur die aus ethischer Sicht einwandfreisten Projekte finanzieren. Seither haben sich nicht nur unsere Kunden und unsere Mitarbeiterinnen verändert, sondern das gesamte Umfeld und die Zusammensetzung unseres Aktionariats. Während es zu Beginn aus Leuten bestand, die im positiven Sinn auch schon als «Überzeugungstäter» oder «Fundis» bezeichnet worden sind, kamen später solche dazu, die anders motiviert waren. Heute müssen wir versuchen, beiden Polen des Aktionariats gerecht werden.

 

[Kasten]

Warum mehr Aktienkapital nötig ist

Die ABS ist auf Wachstumskurs. Das ist erfreulich und ein Problem zugleich, denn: Die ABS wächst nicht gleichmässig. 2001 ist die Bilanzsumme um gut 13 Prozent gestiegen, das Aktienkapital jedoch nur um knapp 7 Prozent. 

Ideal wäre, wenn diese beiden Kennziffern gleich gross wären. Denn alle Kredite und Hypotheken, die die ABS gewährt, müssen mit Eigenmitteln unterlegt werden zur Absicherung von Bonitäts-, Markt- und Währungsrisiken. Wird das Eigenkapital im Vergleich zur Bilanzsumme zu knapp, ist die Bank vermehrt gezwungen, Geld dort anzulegen, wo die Risiken am kleinsten sind: bei anderen Banken. 

Das Geld so zu «parkieren» ist allerdings nicht im Sinn des ABS-Leitbilds. Gefördert werden sollen ja nicht Banken, sondern zum Beispiel Projekte in den Bereichen Ökologie, Selbstverwaltung, angepasste Technologie, gemeinschaftliches Wohnen, Frauen und kulturelle Freiräume. Deshalb muss die wachsende ABS darauf bedacht sein, dass ihre Eigenmittel ebenfalls wachsen. Daran arbeitet sie: Anfang 2000 konnte das Aktienkapital auf 27,4; Anfang 2001 auf 29,3 und Anfang 2002 auf 30,7 Millionen Franken erhöht werden.