Siege im Akkord

«Heute und morgen mauern wir zu zweit mit einem Handlanger das ganze Erdgeschoss eines Einfamilienhauses samt Garage», sagt der Akkordmaurer Stefan Brunner. Er arbeitet für eine Firma, die sich auf das Hochziehen von Backsteinmauern spezialisiert hat. Solche Firmen sind gesucht, weil sich die Baugeschäfte heute beim Bau neuer Häuser häufig auf die Hauptarbeiten konzentrieren: aufs Schalen, Betonieren, Verlegen von Eisen und Leitungen, Abdichten und Verputzen. Die spezialisierten Firmen arbeiten im Akkord: Sie werden pro Quadratmeter gebauter Mauer bezahlt und verdienen deshalb umso mehr, je schneller sie fertig sind.

Ein harter Job: Pro Tag gehen durch Brunners Hände an die anderthalb Kubikmeter Mörtel mit einem Gewicht von ungefähr drei Tonnen. Dazu kommt das Gewicht der Steine: «Pro Tag trage ich im Minimum fünf Tonnen herum. Zum Glück ist mein Rücken gesund.»

Keiner mauert bis 60 im Akkord. Zudem ist diese Arbeit nicht mehr so gut bezahlt wie früher: Um mehr zu verdienen als andere Maurer, braucht es immer mehr Leistung. Aber genau darum geht es Brunner – nicht wegen des Verdiensts, sondern wegen des Trainings: Er will seine Bewegungsabläufe so weit automatisieren, dass er auch bei grösster Geschwindigkeit höchstmögliche Präzision erreicht.

Sieg in Burgdorf

Stefan Brunner ist der diesjährige Schweizer Meister der Maurer. Den Titel hat er Ende März in Burgdorf gewonnen. In vier Tagen standen dort exakt 21 Arbeitsstunden zur Verfügung, um eine weisse Wand mit zwei roten, leicht vorstehenden Wandscheiben aus Sichtmauerwerk zu bauen. Die eine zeigte den Berner Bären, die andere den Schriftzug «100 Jahre BVOE» (für: Baumeisterverband Oberaargau-Emmental). Rund ein Drittel der 500 vermauerten Steine mussten zu diesem Zweck mit der Nassfräse millimetergenau zugeschnitten und eingepasst werden. Das Schlussresultat ergab sich aus rund hundert Einzelnoten, die die Schiedsrichter beim Vergleich der Planmasse mit jenen der ausgeführten Arbeit ermittelten.

Den Start in Burgdorf hat sich Stefan Brunner in Ausscheidungswettkämpfen verdient: Zuerst musste er sich in einer ostschweizerischen Regionalausscheidung für die Vorausscheidung qualifizieren. Bei dieser massen sich dann Ende Januar 2007 die drei Besten der Regionalausscheidungen Ost-, Zentral- und Westschweiz im Rahmen der Fachmesse «Swissbau» in Basel. Die ersten sechs von Basel qualifizierten sich schliesslich für die Schweizer Meisterschaft. Für Brunner am schwierigsten war der Umgang mit dem Publikum, das bei solchen Wettbewerben fachsimpelnd, manchmal aber auch zugunsten eines Mitkonkurrenten bewusst störend die Arbeitsplätze umsteht. Unterdessen arbeitet er mit Kopfhörern, um seine Ruhe zu haben: «Ich kam in Versuchung, zeigen zu wollen, wie schnell und fehlerfrei alles läuft und arbeitete deshalb nicht mehr immer sauber.»

Stefan Brunner hat in Burgdorf mit 292,21 Punkten gewonnen. Sein schärfster Konkurrent erreichte 266,46. Ein Kantersieg. Dass er deswegen ein Kunsthandwerker sei, will er nicht hören: «Ich bin einfach ein genauer Maurer und tue etwas gegen den schlechten Ruf, den mein Beruf bei manchen Leuten hat.»

Und jetzt die Weltmeisterschaft

Für seinen Sieg erhielt Brunner eine Bohrmaschine, eine Arbeitsjacke, ein Goldvreneli – und die Berechtigung für die Teilnahme an der Berufsweltmeisterschaft 2007. Diese findet zwischen dem 15. bis 18. November in Shizuoka südwestlich von Tokio statt. Dort wird er gegen Konkurrenten aus 23 anderen Ländern antreten.

Das fachbezogene Training absolviert er in diesen Wochen in der Maurerlehrhalle in Gossau (SG). Dort brütet er zusammen mit einem Experten über dem Plan, der aus Japan bereits zugeschickt worden ist und von dem er weiss, dass er zu siebzig Prozent wird umgesetzt werden müssen, zu dreissig Prozent jedoch noch abgeändert wird. Ein Detail in diesem Plan, das ihn im Moment speziell beschäftigt: das Mauern eines Rundbogens.

Und eben ist Brunner aus Morges (VD) zurückgekehrt, wo die 43-köpfige Schweizer Delegation das dritte Vorbereitungswochenende absolviert hat. «Unter anderem haben wir Mentaltraining gemacht, auch einen Feuerlauf und einen Scherbenlauf, um Grenzen zu überwinden. Das hat mir wirklich etwas gebracht.» Zur Teambildung gehört zudem ein Einheitstenue mit Arbeitshose, T-Shirt und Schuhen. «Sogar eine Schale habe ich bekommen», lächelt Brunner. Ziel der Schweizer Delegation: wie letztes Mal in Helsinki und vorletztes Mal in St. Gallen im Medaillenspiegel der Nationen obenauszuschwingen. Brunners Ziel: «Ich werde enttäuscht sein, wenn ich keine Medaille hole.»

 

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Der Asienfahrer

Stefan Brunner (* 1986) ist zusammen mit fünf Geschwistern auf einem kleinen Bauernhof in der Nähe von Ganterschwil (SG) aufgewachsen. Nach der Sekundarschule macht er in Niederuzwil eine dreijährige Maurerlehre. Danach vier Monate Akkordmauern, 21 Wochen Militär und Rückkehr in der Lehrfirma.

Im November 2006 wechselt er in eine spezialisierte Firma. Seither arbeitet er ausschliesslich als Akkordmaurer. Er ist Unia-Mitglied. Seit er zu Hause ausgezogen ist, hat er ein Hobby, in das er jede freie Minute investiert: Zusammen mit zwei Kolleginnen und zwei Kollegen renoviert er in der Nähe des Bahnhofs Wil (SG) eine 8-Zimmer-Altbauwohnung. Zurzeit schläft er dort mitten in einer Baustelle. An Weihnachten soll alles fertig sein. Beruflich ist er nach der Weltmeisterschaft in Japan offen für Neues. Ein Projekt hat er allerdings: Am 7. Januar 2008 fliegt er nach Sri Lanka, um im Auftrag der Schweizer Allianz Mission drei Monate Aufbauhilfe zu leisten.

An der Berufsweltmeisterschaft in Shizuoka hat Stefan Brunner dann ein Diplom gewonnen.