«Sich ab und zu in Erinnerung rufen»

«Ein gibt ein Flughafenvirus», sagt Rolf Hengartner, «und der wirkt so: Egal, ob es Probleme gibt bei der Arbeit oder mit den Vorgesetzten, der Flughafen ist immer ein schlagender Grund, um zu bleiben.» Es vergehe keine Woche, in der sich der Flughafen Zürich nicht verändere. Immer wird irgendwo gebaut, immer ist etwas neu, jeder Tag bringt andere Herausforderungen.

Der Juli zum Beispiel. Er bringt statt der durchschnittlich gut 60’000 Passiere an Spitzentagen bis zu 85’000. Entsprechend höher werden die Frequenzspitzen während des Tages sein: die erste wegen der eintreffenden Langstreckenflüge aus aller Welt bereits ab sechs Uhr früh. Die zweite ab 10 Uhr bis nach dem Mittag. Die dritte zwischen 16 und 18 Uhr und die vierte abends ab etwa 20 Uhr. «Dieser unregelmässige Arbeitsanfall ist für die Personalplanung eine grosse Herausforderung», sagt Hengartner.

Wissen, wovon man redet

Deswegen arbeiten zum Beispiel in der Gepäckwagenlogistik viele Teilzeitangestellte, während der Sommermonate häufig auch Studenten und Studentinnen. Eine der körperlich anstrengendsten Arbeiten dabei das Einsammeln und Bereitstellen der Gepäcktransportwägelchen, die nach dem Gebrauch im ganzen Terminalbereich verstreut stehen gelassen werden. «Das ist ein Knochenjob.»

Er selbst arbeitet bei der Flughafen Zürich AG zu 40 Prozent als Präsident der Personalvertretung und zu 60 Prozent als «Projektmitarbeiter Terminal & Cargo Operation». Seine Aufgabe ist es, bei allen aktuellen Neu- und Umbauprojekten – zurzeit etwa dem Bau einer zentralisierten Sicherheitskontrolle – die infrastrukturellen Bedürfnisse der Flughafen-Partnerbetriebe im Auge zu behalten. Zum Beispiel jene der Careport AG, die mobilitätseingeschränkte, behinderte oder reiseunerfahrene Passagiere durch den Flughafen begleitet. «Sämtliche Flughafenbauten», sagt Hengartner, «müssen den Bedürfnissen dieser Passagiere gerecht werden. Es braucht deshalb zum Beispiel Parkplätze für Elektrofahrzeuge und Rollstühle, freie Fahrwege, Behinderten-WCs.»

Um die Probleme kennenzulernen, die sich im Alltag stellen, leistet er zwischendurch Schichteinsätze bei der Careport AG oder bei der firmeneigenen Abteilung der Airport-Guides. Dann kontrolliert er Bordkarten, lotst Passagiere durch Pass- oder Sicherheitskontrollen, sichert den Business- und Firstclass-Passagieren den Vortritt, erteilt jederzeit jede gewünschte Auskunft oder ist zur Stelle, wenn jemand auf einer Rolltreppe stürzt: «Als Mitarbeiter bei der Planung von Bauprojekten brauche ich solche Erfahrungen: Ich muss wissen, wovon ich rede.»

Wenn Rolf Hengartner auf dem kleinen Rundgang durch das riesige Areal führt, wird schnell klar: Eigentlich besteht Kloten aus zwei Städten, aus der politischen Gemeinde und aus dem 880 Hektaren grossen Flughafenareal. Für dessen Betrieb wird ungefähr so viel elektrischer Strom gebraucht, wie eine 30’000köpfige Stadt benötigt. Der öffentliche Bereich ist während 365 Tagen rund um die Uhr geöffnet. Bei täglich um die 730 Flügen zählte der Flughafen 2010 gegen 23 Millionen Passagiere. Mit rund 1’500 Angestellten und 30 Lernenden bietet die Flughafen Zürich AG den Reisenden jede erdenkliche Dienstleistung – bis hin zum Andachtsraum für jede Glaubensrichtung und bis zur meistfrequentierten Seilbahn der Schweiz: der Skymetro zwischen dem Airside Center und dem Dock E.

Gewerkschaftsarbeit ohne Gewerkschaft

Daneben ist Rolf Hengartner Präsident der Personalvertretung. Bei den Verhandlungen mit dem Management der Flughafen Zürich AG führt er die Arbeitnehmerdelegation an. In den jährlichen Lohnrunden zum Beispiel oder zurzeit in den Verhandlungen um die Revision des Anstellungsreglements. Das VPOD-Mitglied Hengartner macht gewerkschaftliche Arbeit ohne Unterstützung einer Gewerkschaft. Das Flughafenpersonal hat sich in einer Urabstimmung so entschieden. Hengartner war anderer Meinung, war nach der Abstimmung aber solidarisch mit dem Personal: «Solange wir mit internen Verhandlungen zu befriedigenden Lösungen kommen, muss man nichts ändern», sagt er.

Dank seiner Kontakte kennt Hengartner die Personalsituation in anderen Firmen. Er ist zufrieden: «Klar müssen wir uns hier ab und zu in Erinnerung rufen, wenn auftauchende Probleme auch personalrelevante Aspekte haben. Aber grundsätzlich ist der Kontakt zur Geschäftsleitung sehr gut.» Meetings zum aktuellen Geschäftsgang, wie sie hier regelmässig stattfinden würden, seien in anderen Betrieben alles andere als selbstverständlich. «Und unsere Löhne und Arbeitsbedingungen sind in Ordnung.»

 

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Der Multifunktionale

Aufgewachsen ist Rolf Hengartner (59) in Zürich-Höngg. Bei Escher-Wyss hat er Rohrschlosser gelernt. In der Rezession Mitte der siebziger Jahre sucht er krisensichere Arbeit. Er findet sie Anfang 1976 im Dienst des kantonalen Amts für Luftverkehr beim Betriebsflächenunterhalt am Flughafen Zürich. Gut 34 Jahre arbeitet er hier im Werkhof. Seine Arbeitsgebiete: Flächenmarkierungen, Pflege der Grünflächen, Kanalisationen, Winterdienst. Er wird Vorarbeiter, dann Sektionsleiter, dann stellvertretender Abteilungsleiter.

Nach der Privatisierung des Flughafens im Jahr 2000 wird er bei der Flughafen Zürich AG ehrenamtlicher Präsident der Personalvertretung (PeV). Kurz darauf wird er mit den Folgen des Swissair-Groundings konfrontiert und denkt wegen Arbeitsüberlastung an Rücktritt. Er bleibt, weil ihm sein Arbeitgeber für die Arbeit als PeV-Präsident 40 Stellenprozente anbietet.

Auf den 1. Januar 2011 hat er nun in die Abteilung Terminal & Cargo Operation gewechselt. Als Gewerkschafter ist Hengartner Vorstandsmitglied der VPOD-Sektion Luftverkehr. Er ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und lebt mit seiner Frau in einem eigenen Haus in Dübendorf. Die Pflege des Gartens und das Velofahren sind seine Hobbies.