Sender kann man orten

Gehe ich von der Berner Altstadt her über die Kirchenfeldbrücke und entlang der Helvetiastrasse zur Nationalbibliothek, komme ich am Museum für Kommunikation vorbei. Der langgezogene Bau beherbergt vorn an der Strasse eine Quartierpost mit fensterloser Mauer gegen die Altstadt hin. Daran hängt auf hellen Steinplatten eine grosse, postgelbe Leuchttafel mit einer Aufschrift in roten Versalien: «NUR SENDER KANN MAN ORTEN». Links unten platziert besagt ein silbernes Schildchen, das sei ein Werk des Konzeptkünstlers Hans Ruedi Fricker (* 1947): «Schild und Wechselschrift, 1998 / Projekt für das Museum für Kommunikation» steht da.

In letzter Zeit vermehrt habe ich mich gefragt, was Fricker mit diesem Satz 1998 wohl hat sagen wollen. Man kann ihn ja als Drohung oder als Aufmunterung lesen. Als Androhung von Zwang: «Pass auf, Sender kann man orten – was du sagst, macht dich behaft- und belangbar.» Oder als Aufmunterung, die Möglichkeiten der elektronischen Revolution als epochale Demokratisierung der Sendekanäle und als neue Freiheit zu verstehen und zu nutzen: «He, misch dich ein, wer bloss rezipiert, hat schon verloren! Nur Sender kann man orten.» Ich vermute, der Künstler hat die Aufmunterung im Kopf gehabt, sonst würde er das «nur» eher weggelassen haben. Und ist Kommunikationsoptimismus an diesem Ort nicht angemessen?

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Unterdessen hängt Frickers Werk seit sechzehn Jahre hier, und die Welt spricht von Edward Snowden, der vom Systemadministrator für US-amerikanische Geheimdienste zum Whistleblower geworden ist und 2013 – so wird kolportiert – 1,7 Millionen Dateien an die Medien weitergab. Es gibt jetzt Bücher wie jenes der «Spiegel»-Redakteure Marcel Rosenbach und Holger Stark, «Der NSA-Komplex – Edward Snowden und der Weg in die totale Kontrolle», das mit Sätzen wie diesem zusammengefasst wird: «In ihrem Buch zeigen sie die gesamte Dimension eines Überwachungsapparates auf, die nicht nur die Privatsphäre bedroht, sondern die Grundlagen demokratischer Gesellschaften – und damit selbst diejenigen, die bislang glaubten, sie hätten nichts zu verbergen.»

Die Drohung, dass man Sender orten kann, ist innert sechzehn Jahren sogar zum kleineren Problem geworden. Auch jene, die sich weigern oder nicht die Möglichkeit haben, Sender zu sein, werden durch das System dieser totalen Kontrolle erfasst. Lockte der Konzeptkünstler Fricker 1998 noch im idealistischen Sinn von Hölderlins Aufforderung «Komm! ins Offene, Freund!» ist unterdessen unübersehbar: Das scheinbar Offene droht zum Innenhof eines weltumspannenden Gefängnisses zu werden. Der Philosoph Byung-Chul Han sagt: «Die digitale Vernetzung und Kommunikation hat uns am Anfang sehr viel Freiheit versprochen. Nun erweist sie sich als Zwang. […] Das digitale Medium etabliert sich immer mehr als ein Herrschaftsmedium und verdrängt sein Emanzipationspotenzial.» (Das Magazin, Nr. 39, 27.9.2014)

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Andersherum: Auch wenn ich mich so gut wie möglich zu weigern versuche, Sender zu sein, bin ich es für die Rechenzentren der Geheimdienste und Konzerne wider Willen trotzdem. Alles, was ich von mir gebe, nützt nicht mir – im Gegenteil: Alles Gesendete dient meiner Beherrschbarkeit als Bürger und meiner Ausbeutbarkeit als Konsument. Was nützt aber eine formal unbeschädigte Demokratie, wenn sie statt dem Leben von freien BürgerInnen jenem von Marionetten dient, deren zukünftig sehr wahrscheinliches Handeln bereits vorausberechnet ist?

Dazu kommt in meinem Fall: Nach über dreissig Jahren publizistischer Tätigkeit bin ich ein Sender, egal, ob ich das heute sein möchte oder nicht. Daraus ergibt sich die Frage: Wie gehe ich mit dieser Technologie um? Lässt sie mir als Sender Möglichkeiten, Handelnder zu bleiben und nicht von vornherein manipulierter Behandelter zu sein? Konkret: Was tue ich mit diesem Portal, dieser elektronischen Textwerkstatt? Und was tut sie allenfalls mit mir?

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Wie Hunderttausende im Land bin auch ich unterdessen zur Ich-AG geworden, zu einem Schreiberling, der sich prekär durchs Leben schlägt und mehr und mehr dazu genötigt wird, sich über die Arbeitskraft hinaus zu entäussern. Das gilt heute für die meisten Lohnabhängigen noch mehr als für mich (als Schreiberling bin ich doch immerhin Narzisst): Wer heute überleben will, muss sich gegenüber Arbeitgebern jederzeit mit Haut und Haar, Leib und Seele, Kopf Herz und Hand anpreisen und zur Verfügung stellen. Heute gilt: NUR SENDER SOLLEN ÜBERLEBEN.

Die elektronische Revolution der letzten fünfzehn Jahre hat mit Plattformen wie Facebook oder Sendern wie Smartphone den neoliberalen Anspruch auf den physischen und psychischen Totalverschleiss der Lohnabhängigen zu einer gesamtgesellschaftlichen Bedrohung gemacht. Die Menschen sind noch in ihrer Privatheit gläsern und bis ins Innerste hinein ausbeutbar geworden.

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Was ist so gesehen meine Textwerkstatt? Entblödet sich hier nicht eine dieser Ich-AG’s, alles bisher Geleistete exibitionistisch zugänglich zu machen, bloss um Sender bleiben zu können – bloss, um nicht nichts zu sein? Hat da nicht darüber hinaus einer das Grundlegendste nicht begriffen, wenn er das tut, ohne zumindest ein Kassenhäuschen aufzustellen? Geht es nicht um die Unterwerfung unter jene «smarte Macht», von der Byung-Chul Han im erwähnten Interview sagt, sie fordere auf, «mitzuteilen, zu teilen, teilzunehmen, unsere Meinungen, Bedürfnisse, Wünsche und Vorlieben zu kommunizieren und unser Leben zu erzählen»; die Unterwerfung – mit anderen Worten – unter die Macht hinter der digitalen Oberfläche, die nicht mehr repressiv bricht, sondern manipulativ steuert? 

Das mag alles nicht einfach falsch sein.

Jedoch meine ich, es sei möglich, die technologische Basis dieser gläsernen Gesellschaft zu nutzen, ohne ihr Opfer werden zu müssen. Voraussetzung ist, mich selber radikal als janusköpfig zu verstehen: Dachte ich mich früher als Mensch mit einer privaten und einer öffentlichen Seite, muss ich heute versuchen, ein soziales und ein existentiell-biologisches Gesicht zu tragen, die nichts mehr miteinander zu tun haben.

Ob im Privaten oder in der Öffentlichkeit: Das soziale Gesicht ist immer eine Inszenierung – je mehr der Mensch zum Opfer gemacht wird, desto mehr wird diese Inszenierung zur zwangsweisen gesellschaftlichen Zuschreibung. Wer aber wie ich die Chance hat, nicht nur Opfer zu sein, kann diese Inszenierung mitbestimmen. Diese Mitbestimmungsarbeit – so verstehe ich es – hat der deutsche Künstler Joseph Beuys 1967 gemeint, als er die «soziale Plastik» ins Spiel brachte und definierte: «Jeder Mensch ist ein Künstler.»

Meine elektronische Textwerkstatt verstehe ich im Sinn von Beuys als eine solche «soziale Plastik». Sie ist im Bau. Ihr Ziel ist meine Selbstrekonstruktion als Text. Aber sie wird, solange ich lebe, im Bau bleiben, weil mein Leben nicht genügen kann, sie fertigzustellen. Die Arbeit daran hat einen paradoxen Effekt: Je mehr Texte – zum grossen Teil rein journalistische – ich hochlade, desto mehr produziert der Versuch, dahinter ein einheitliches Autoren-Ich zu finden, eine Fiktion, die mit mir immer weniger zu tun wird. Wie die Schlangenhaut, die am Wegrand im Gesträuch hängt, so wird dieses Textarchiv schliesslich im Netz hängenbleiben: Es wird zwar auf meine soziale Inszenierung verweisen, aber mit mir nichts zu tun haben.

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Übrigens: Zur Zeit habe ich häufig in der Nationalbibliothek zu tun, und klar beschäftigt mich, dass im Nordirak Schurni-Kollegen als kriegsberichterstattende Sender vor laufenden Kameras enthauptet werden. Mag sein, deshalb ist mein inneres Auge zur Zeit ein bisschen überreizt: Blicke ich zum Beispiel beim Museum für Kommunikation auf die fensterlose Rückmauer der Quartierpost, sehe ich rechts neben Frickers Werk «NUR SENDER KANN MAN ORTEN» ein zweites hängen: gleiche Höhe vom Boden, gleiches Format, gleiche Farbe und gleiche, blutrote Versalien: DOCH SENDER KANN MAN MORDEN. (1.10.2014)