Selbsthilfe, aber nicht auf dem Silbertablett

Der Schlagzeuger Franz Aeschbacher ist einer der profilierten frei improvisierenden Musiker Berns. Als er vor Jahren einem alten Bekannten begegnete, fragte ihn der nach freundschaftlicher Begrüssung mitfühlend: «Fräne, tuesch immer no trümele?»

Geht es um die WIM, halten sich in Bern die Vorurteile hartnäckig. Für die einen machen dort vor allem jene Musiker und Musikerinnen mit, die mit ihrem Instrument nichts Rechtes anzufangen wissen und deshalb improvisieren. Für andere, zum Beispiel den «Bund»-Musikkritiker Tom Gsteiger, sind WIM-Konzerte «asketisch-masochistische Improvisationsrituale ohne (erkennbare) Form» in einer «künstlerischen Sackgasse». («Bund, 17.11.2001) Dass Gsteiger für diese Einschätzung zum Ehrenmitglied der WIM ernannt und mit dem geschmacklosesten Zinnteller bedacht worden ist, das sich in der Eile finden liess, spricht nicht gegen das Vorurteil, sondern für den Galgenhumor der MusikerInnen.

Im Ernst ist die Innovationskraft und die Kreativität des WIM-Umfelds unbestritten: Grosse Musikpreise des Kantons Bern erhielten zum Beispiel Urs Peter Schneider (zusammen mit Erika Radermacher, 1983), Jürg Solothurnmann (1996) und Katharina Weber (2001) – und 1998 auch die WIM Bern als Organisation. Eine hohe Ehre für einen Zusammenschluss, den einer seiner Mitbegründer, der Violinist Hans Burgener, lakonisch als «Pro-forma-» und «Chaotenverein» bezeichnet.

Der Übungskeller am Pavillonweg

Burgener sagt im Rückblick, die Hauptsache sei gewesen, dass man damals von verschiedenen Seiten her begonnen habe, «die Fühler auszustrecken und sich zu formieren: Weg von Einengungen und Konventionen, weg von festen, starren Grenzen. Man wollte ausbrechen und etwas Eigenes kreieren, und zwar im Kollektiv, so gut das geht.» Der musikalische und kulturpolitische Prozess, der damals initiiert wurde, habe sowohl an die 68er- als auch an die 80er-Bewegung angeknüpft.

Aeschbacher erinnert sich an die eigentliche Initialzündung. Er habe damals in der Altstadt einen Übungskeller gehabt, in dem er zusammen mit anderen mit freier Improvisation zu experimentieren begonnen habe. Als sie gehört hätten, dass es im Umfeld des Konservatoriums Bern eine Gruppe junger MusikerInnen gebe, die in eine ähnliche Richtung gehe, habe man ihr einen Besuch abgestattet. An diesem Abend habe er den Saxophonisten und Klarinettisten Philippe Micol kennengelernt, der davon erzählt habe, dass es in Zürich eine Werkstatt für improvisierte Musik gebe. Das war 1982.

Micol wohnte damals im Haus der Evangelisch-reformierten Universitätsgemeinde, dem «EUG», am Pavillonweg. Der Keller dieser Liegenschaft konnte als Spielort genutzt werden. Dort traf man sich von nun an wöchentlich, Micol und Wädi Gysi, Regula und Mich Gerber, Ruedi Bühler und Katharina Weber, Aeschbacher und Burgener, bald kamen weitere dazu. Im EUG-Keller trafen heterogene musikalische Erfahrungen aufeinander. Ein Teil der Gruppe war geprägt von Urs Peter Schneider, der mit dem Ensemble Neue Horizonte seit 1968 die neue Musik des 20. Jahrhunderts auf dem Platz Bern und weit darüber hinaus entscheidend befördert hatte; ein anderer kam vom US-amerikanischen Freejazz; Aeschbacher spielte nach 1968 jahrelang als Schlagzeuger in einer Rockband; Burgener in den siebziger Jahren als Folkmusiker an den Festivals in Lenzburg und auf dem Gurten. Dazu kamen neue Einflüsse, von denen Burgener insbesondere die Szene der frei Improvisierenden in der DDR hervorhebt: «Dieses Phänomen, dass du mit Musik direkt politische Aussagen vermitteln kannst, nicht mit dem Wort, sondern mit einer bestimmten Musik und einer bestimmten Lebenshaltung – das wurde für mich persönlich ein wichtiger Aspekt.»

Die ersten Konzerte haben im Keller des EUG stattgefunden, spätere im Theater am Zytglogge  und im Probelokal der alten Tobler-Fabrik. 1986 gehörte die WIM zu jenen Kräften, die den Kulturbetrieb in der zuerst besetzten und später von der Stadt als Kulturraum freigegebenen Dampfzentrale initiierten. Dort realisiert sie bis heute den grössten Teil ihrer musikalischen Projekte.

1987 konstituierte sich die WIM als Verein. Grund: Die Stadt Bern hatte signalisiert, dass eine finanzielle Unterstützung dann möglich sei, wenn sich die WIM zur juristischen Person mausere. Die Vereinsgründung war eine Formalität, Micol, Aeschbacher und Burgener bildeten den ersten Vorstand, der Zweckartikel hält fest: «Der Verein bezweckt die Förderung der improvisierten Musik im Raum Bern und Umgebung.» Wie die MusikerInnen-Selbsthilfeorganisation IGIM (heute «Be Jazz») und das Veranstalterkollektiv «Jazz now» (heute «Impro Bern») kam die WIM so zu einer jährlichen Unterstützung von anfänglich 15’000 Franken – unterdessen sind es 28’000. Dazu kommt der subsidiäre Beitrag des Kantons, sodass heute 45’500 Franken zur Verfügung stehen.

Mit diesem Geld führt die WIM offene und geleitete Werkstätten durch, Workshops mit international bekannten MusikerInnen und Treffen mit Gruppen improvisierender MusikerInnen (etwa aus Freiburg im Breisgau, Paris, Dresden, London, Toulouse oder Amsterdam). Dazu organisiert sie Veranstaltungsreihen wie jene zurzeit laufende zu ihrem zwanzigjährigen Bestehen, die am kommenden Wochenende mit dem Hauptfestival ihren Höhepunkt erreicht.

Das weltweite Beziehungsnetz

Kann man also die Geschichte der WIM Bern in einem Satz zusammenfassen als Weg von einer Selbsthilfegruppe zur subventionierten Organisation? Burgener: «Für mich ist die WIM bis heute ein Selbsthilfeprojekt, auch finanziell: Bei den Konzerten, die wir selber veranstalten, bezahlen wir eine Gage von 150 Franken pro Musiker. Da kann niemand von Lohn reden, das ist bestenfalls eine Spesenentschädigung.» Auch Aeschbacher sticht die Formulierung von der WIM als subventionierter Organisation in die Nase: «Wenn ich die unentgeltliche Arbeit, die ich allein für diesen Jubiläumveranstaltungen geleistet habe, nach dem Ansatz berechnen würde, nach dem ich als Lehrer an einer Musikschule bezahlt werde, dann ginge das in die tausende von Franken.»

Als Selbsthilfe kann bis heute auch der musikalische und der intellektuelle Austausch gesehen werden, für den die WIM den Rahmen bietet: «Wenn zwei, die musikalisch in eine ähnliche Richtung gehen, sich treffen, entsteht eine Reibungsfläche – und das ist das, was interessiert», charakterisiert Burgener diesen Austausch, der sich längst aus dem lokalen Rahmen gelöst hat. Aeschbacher: «Die Mitglieder der WIM haben in diesen zwanzig Jahren ein weltweites Beziehungsnetz über alle Spartengrenzen hinweg geknüpft.»

Selbsthilfe ist es schliesslich auch gewesen, dass die WIM begonnen hat, ihre eigenen Konzerte zu organisieren, und so Auftrittsmöglichkeiten zu schaffen für Leute, deren Musik von vornherein für ein kleines Publikum gedacht war. Das hat bedingt, dass sich immer wieder WIM-Mitglieder motivieren liessen, in der so genannten «Kerngruppe» am Karren zu ziehen. Zwar bedeutet das viel ehrenamtliche administrative Arbeit, aber auch die Möglichkeit, eigene Ideen einzubringen, im Kollektiv zu verwirklichen und persönlich vorwärtszukommen. Denn in der Kerngruppe kann man sich profilieren, kommt in Kontakt mit den Leuten in den Institutionen, Verwaltungen und Medien, mit denen auch dann verhandelt werden muss, wenn es einmal um die Verwirklichung eines eigenen Projekts geht. «Jeder und jede, die bei der WIM mitmacht und sich engagiert, hilft auch sich selber», ist Aeschbacher überzeugt. Und Burgener ergänzt: «Selbsthilfe bei der WIM heisst eben nicht, dass alles auf dem silbernen Tablett serviert wird, sondern dass den Leuten die Möglichkeit gegeben wird, sich selber in den Arsch zu klemmen und etwas zu machen.»

Selbsthilfe nicht nur im Sinn des musikalischen Austauschs, sondern als kulturpolitisches Konzept? «Konzept?», fragt Burgener zurück, «ja, vielleicht. Aber wir habens einfach gemacht.» «Es war primär Intuition», wirft Aeschbacher ein, und Burgener führt den Gedanken zu Ende: «Vielleicht ist eben vieles unbewusst gelaufen, das sich im Nachhinein als richtig erwiesen hat.»