Schweiz ist Schlusslicht

Mädchen pflegen ihre langen Wimpern, finden Technik pfui und üben sich im netten Plaudern. Die Buben pflegen ihre ersten Barthaare, begeistern sich an allem, was einen Motor hat, und markieren mit Rüpeleien Männlichkeit. Mit 13, 14 lernen Jugendliche, sich gegen aussen als Mann oder Frau zu definieren und zu behaupten. Mitten in der Pubertät müssen die meisten von ihnen einen schwerwiegenden Entscheid fällen: die Berufswahl.

Dabei werden die Jugendlichen mit einem Arbeitsmarkt konfrontiert, der nur eindeutige Männer- oder Frauenberufe anbietet. Über 90 Prozent der Lehrverhältnisse im Coiffeurgewerbe, in der Schönheits- oder der Krankenpflege werden in der Schweiz mit jungen Frauen abgeschlossen; umgekehrt beträgt der Männeranteil in den meisten technischen Berufen, im Holzbau oder im Baugewerbe über 95 Prozent. Im kaufmännischen Bereich, wo das Verhältnis noch am ausgeglichensten ist, stehen zwei Drittel Frauen einem Drittel Männer gegenüber. Die Fachleute sprechen von der «Segregation nach Geschlechtern bei der Berufswahl».

Volkswirtschaftlich dumm

Eine letztes Jahr erschienene Studie des Bundesamts für Statistik zeigt: Bei den Abschlüssen von Frauen in mathematischen, naturwissenschaftlichen und technischen Fachrichtungen ist die Schweiz europäisches Schlusslicht. Heidi Rebsamen, Gleichstellungsbeauftragte an der Berner Fachhochschule, sagt: «Volkswirtschaftlich kann sich die Schweiz einen solch geteilten Arbeitsmarkt nicht mehr lange leisten. Das Potential der Frauen wird nicht ausgeschöpft. Schon heute zeigt sich, dass zum Beispiel die skandinavischen Länder, welche dieses Potential besser nutzen, wirtschaftlich erfolgreicher sind.»

Tatsächlich: Den geteilten Arbeitsmarkt hat weder der liebe Gott beschlossen noch die Natur erzwungen. Wenn Berufe männlich oder weiblich sind, hat das nicht mit dem biologischen, sondern mit dem sozialen Geschlecht der Menschen zu tun. «Gender», so das Fremdwort dazu, heisst: Das Geschlecht ist nicht angeboren, es wird im Kopf jedes einzelnen Menschen gemacht. Die Ursache des zweigeteilten Arbeitsmarkts steckt deshalb nicht in den Genen, sondern in den Köpfen – vor allem in den deutschsprachigen. «In Deutschland, Österreich und der Schweiz gehört es ganz ausgesprochen zum ‘richtigen Mann’, über Technikkompetenz zu verfügen», sagt Rebsamen. Anders als beispielsweise im Italien der «Latin Lovers», wo mehr als doppelt so viele Frauen technische Berufe ergreifen als in der Schweiz. Rebsamen: «Solche Vorurteile, mit denen Jugendliche in Elternhaus, Schule und Medien flächendeckend konfrontiert sind, steuern die Berufswahl.»

Entsprechend anfällig sind Jugendliche für Geschlechterklischees: Die meisten jungen Männer fühlen sich durch Frauenberufe in ihrer Männlichkeit bedroht und haben zudem schnell verstanden, dass Frauenberufe schlechtere Löhne und Aufstiegschancen bieten.

Weil du ein Mädchen bist

Umgekehrt wählen junge Frauen mit einem Männerberuf einen schwierigen Weg. Rebsamen: «Du musst dich als junge Frau in einer manchmal rauhen Männerwelt durchsetzen. Du wirst dauernd angezündet. Du musst dich so anziehen, dass es möglichst wenig dumme Sprüche gibt. Es kann sein, dass es am Arbeitsplatz keine Frauentoilette gibt. Und mit den meisten deiner ehemaligen Schulfreundinnen kannst du immer weniger über deine beruflichen Probleme besprechen.» Man weiss: Ausgeprägte Männer- und Frauenberufe sind von einer entsprechenden Geschlechterkultur umgeben. Wer vom anderen Geschlecht dazukommt, fühlt sich ausgestellt, muss sich ständig beweisen und wird nicht selten in der fachlichen Kompetenz angezweifelt.

Aber wenn’s in anderen Ländern anders geht, wieso denn in der Schweiz nicht? «Wir leben hier mit sehr traditionellen Geschlechterrollen», sagt Rebsamen. Und diese werden von den Eltern an ihre Kinder weitergegeben. Die Eltern wiederum sind, das haben Forschungen gezeigt, bei der Berufswahl der Jugendlichen die wichtigsten Gesprächspartner.

Demnach, müsste man meinen, wäre das Aufbrechen der Geschlechterklischees bei der Berufswahl ein Fall für die Schulen. Gleichstellungsexpertin Rebsamen macht allerdings eine ernüchternde Beobachtung. Zwar nähmen viele Lehrkräfte für sich in Anspruch, in der Frage der Geschlechterungleichheit fortschrittlich zu sein und begriffen zu haben, was es zu begreifen gebe. Trotzdem belegen Studien, dass sich im Schulunterricht insgesamt die traditionellen Rollenklischees verstärken, nicht abbauen. Die Mädchen werden weiterhin vor allem in den Bereichen der Sprachbegabung und der sozialen Kompetenz gefördert, die Buben in jenen der Naturwissenschaften, der Technik und der Handwerke. «In Fächern wie der Mathematik oder der Physik werden Mädchen weniger bestärkt als Buben», weiss Rebsamen, «sind sie trotzdem an der Klassenspitze, so gelten sie lediglich als fleissig, Buben dagegen sind bei gleicher Leistung genial.» Verlieren Mädchen deshalb in jenen Fächern, die zu «Männerberufen» befähigen, das Interesse, heisst’s schnell: «Das sind halt Mädchen.» Ein Teufelskreis.

Papier ist geduldig

Müssten die naturwissenschaftlichen Fächer also in reinen Mädchenklassen unterrichtet werden? Für Rebsamen zwar sehr wohl eine diskutable Idee. Aber sie kennt auch die zwei Gegenargumente: Erstens kommen reine Frauenklassen erfahrungsgemäss sehr schnell unter Beschuss, sie würden das Qualitätsniveau der gemischten Klassen nicht erreichen. Und zweitens wollen die Lehrkräfte nicht in reinen Männerklassen unterrichten: Wenn auch nur ein Frau in der Klasse sitze, sei das Lernklima bereits viel angenehmer. «Frauen haben offenbar einen zivilisierenden Einfluss auf junge Männer», lacht Rebsamen.

Die Geschlechtersegregation des Arbeitsmarkts abzubauen, ist eine langwieriges und oft genug frustrierendes Unterfangen. Rebsamen bestätigt: Erforscht ist vieles, es gibt Laufmeter von Untersuchungen, «Gender»-Projekten, Unterrichtsmethoden, um Geschlechterklischees abzubauen. Eltern, Lehrkräfte und Arbeitgeber könnten nicht nur das Problem, sondern auch die Lösungsansätze kennen, wenn sie wollten. Trotzdem passiert wenig.

Auf absehbare Zeit sind deshalb in der Schweiz weiterhin nicht die Fähigsten an den wichtigsten Posten, sondern bloss die fähigsten Männer. Wie lange will sich das die Schweiz noch leisten?

 

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Daniela Düsentrieb und ihre Freundin «Roberta»

Gleichstellungsprojekte wollen Mädchen an Männerberufe heranführen. Trotz Erfolgen sollen sie weggespart werden. Aber jetzt wartet «Roberta» an der Grenze.

Die Berufswahl der Jugendlichen wird unter anderem von Vorbildern beeinflusst: Ein Bub wird auch deshalb Ingenieur, weil er einen Ingenieur kennt; Mädchen kennen eben eher Pflegefachfrauen oder Dentalassistentinnen. Je stärker ein Arbeitsmarkt in Männer- und Frauenberufe geteilt ist, desto weniger gegengeschlechtliche Vorbilder gibt es: Wer kann schon spontan den Namen einer Schweizer Ingenieurin nennen?

Ziel verschiedener schweizerischen Gleichstellungsprojekte ist es deshalb, Mädchen vor der Berufswahl für männlich besetzte, technische Berufe zu interessieren – zum Beispiel mit Technikschnuppertagen für Schülerinnen. Oder: Die Schweizer Vereinigung der Ingenieurinnen will mit dem Projekt «Kids-Info» die «zukünftigen Kolleginnen von Daniela Düsentrieb» ansprechen.

MÄNNER IM HAUSHALT. «Info + Lunch», ein Kooperationsprojekt der Schweizer Fachhochschulen, will Berufsschülerinnen für ein weiterführendes technisches Studium interessieren. Wichtige Impulse für eine geschlechtergerechte Berufswahl gehen bis heute vom 2004 abgeschlossenen Projekt «16+» aus, insbesondere der Tochtertag, der 2005 zum fünften Mal durchgeführt worden ist. Im Vorfeld wurden diesmal rund 7000 Jugendliche über ihre Zukunftsvorstellungen befragt. Ergebnis: «Eine Mehrheit der Mädchen möchte Chefin werden und wünscht sich Männer, die im Haushalt ihren Mann stehen.»

Dass Gleichstellungsprojekte aber zurzeit von der Sparhysterie besonders gefährdet sind, zeigt im Kanton Bern das Projekt «Amie». «Amie» ging von der Erfahrung aus, dass junge Migrantinnen – vermutlich weil sie mehr Vorbilder kennen – erfolgreicher für technische Berufe zu motivieren sind als junge Schweizerinnen. «Seit 1999 wurde das Projekt sieben Mal erfolgreich durchgeführt», sagt Stefanie Brander, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Bern. Trotzdem müssen nun links-grüne Parlamentarierinnen in Stadt und Kanton versuchen, mit Vorstössen die Streichung von «Amie» in letzter Minute zu verhindern.

VORURTEILE ÜBERWINDEN. In Fahrt gekommen ist dagegen das deutsche Projekt «Roberta – Mädchen erobern Computer». Sein Ziel es ist, das Selbstvertrauen von Mädchen in ihre technischen Fähigkeiten zu stärken, Vorurteile gegenüber Informatik, Technik und Naturwissenschaften zu überwinden und so Interesse für technische Schulfächer und Berufe zu wecken. Ursprünglich vom Fraunhofer-Institut in Sankt Augustin lanciert, wird «Roberta» seit 2003 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt. Seither sind 12 regionale «Roberta»-Zentren entstanden, in denen mit über 200 Kursen bisher rund 2600 Jugendliche angesprochen worden sind.

Seit diesem Jahr wird «Roberta» über ein EU-Projekt weiter verbreitet – bis die Lehrmaterialien übersetzt sind vorerst im deutschsprachigen Raum. Dazu würde die Schweiz ja eigentlich auch gehören. 

Siehe hierzu auch das Berufsporträt des Schnupperlernenden Nicola Zaugg (Work, 25. 8. 2006).