Realität statt Milch und Honig

1979, mit 40, ist H. U. Müller am Ende. Nach mehreren Krisen bricht er zusammen, wird er freiwillig zum Seelenzuchthäusler, liefert er sich selber in der Psychiatrischen Klinik «Burghölzli» in Zürich ein. Dabei hat er vorher viele Jahre normal funktioniert. Er hat sich eine Karriere aufgebaut, hat es als Sozialdemokrat zum Chef einer kleinen Stabsabteilung in einer mittelgrossen Schweizer Firma gebracht; er hat geheiratet, ist Vater zweier 1979 bereits schulpflichtiger Kinder. Jedoch: «Durch seinen übergrossen Einsatz an der Arbeitsfront, wo er die meiste Kraft und Energie verbrauchte, entstand zu Hause bei Frau und Kindern ein Vakuum, das er auf die Dauer allein mit seinem hohen Salär nicht zu füllen vermochte.» (III/56)(1) Deshalb wird er ein ungenügender Mann. Er zerbricht an seinen beruflichen und privaten Unmöglichkeiten. In der Firma wird er dem steigenden Druck nicht mehr Herr, seine Arbeitsleistung nimmt ab, sein Selbstvertrauen schwindet. Zu Hause zerbricht die Ehe: Seine Frau verlässt ihn und nimmt die Kinder mit.

Freiwillig unterwirft er sich der klinischen Psychiatrie: geschlossene Abteilung, «Klinik-Hackordnung», chemische Knebel. Am tiefsten Punkt seiner Krise erwacht in ihm Überlebenswille: «Wollt ihr mir mit Haldol meine Renitenz austreiben?», fragt er den Klinikdirektor bei einer Aussprache (I/62). Er beginnt sich zu wehren, versucht eine «Patienten-Gewerkschaft» zu gründen, was zwar scheitert, ihm aber die Kraft gibt, aus seiner depressiven Lethargie auszubrechen. Er organisiert sich eine Schreibmaschine: «Mit Schreiben, der intensiven Verarbeitung der traumatisch erlebten Geschehnisse, schaufelt er sich zuletzt doch raus –.» Er nimmt seinen privaten «Befreiungskrieg» auf, indem er beginnt, sich «das Geschwür von der Seele [zu] hacken.» (I/27)

Am 1. Mai 1980 wird er entlassen. Noch einmal versucht er, ein nützliches Glied der Gesellschaft zu werden, nimmt die Stelle des Buchhalters in einem auf Steuerangelegenheiten spezialisierten Treuhandbüro an. Aber er ist weiterhin nicht der Mann, «der über einen klaren, entstörten Kopf und ein von keinerlei Halluzinationen getrübtes Verhältnis zu mathematischen Operationen wie Subtrahieren und Addieren» verfügt (II/12). Er begeht buchhalterische Fehler, rutscht in eine neue Krise: Schuldgefühle, Verfolgungsängste, monatelanger Horror, neue schwere Depressionen. Die Befürchtungen, für seine Rechenfehler ins Gefängnis zu kommen, sind jedoch unbegründet. Per Handschlag löst sein Chef das Arbeitsverhältnis mit ihm auf. Jetzt gelingt es Müller, sich aus der Maschine auszuklinken. Er beginnt, den Freiraum zu nutzen, den ihm sein neuerliches Nichtfunktionieren eröffnet, nimmt eine Gesprächstherapie auf und kippt – irgendwann 1982 – sein ganzes Tablettensortiment ins WC, erkennt, «dass Psychopillen immer nur etwas zuschütteten, zementierten, niemals aber die ersehnte Besserung, Heilung bringen konnten.»

Er nimmt das, was er heute «existentielles Überlebensschreiben» nennt, wieder auf. Zuerst in Auseinandersetzung mit seiner Therapeutin beginnt er, seine Erinnerungen an den viermonatigen «Burghölzli»-Aufenthalt aufzuarbeiten. Schreibend kriegt er Boden unter die Füsse. Er entdeckt in sich «eine lange zurückgestaute, ungeheure Wut». Seine Schreibmaschine wird zur Waffe, zu seiner «Schreib-Axt»: «Seine Finger huschten über die Tasten. Der Elektromotor summte, das Anschlagen der Buchstaben klang wie Trommelfeuer. Er fühlte sich glücklich. Konzentriert verfolgte er die blitzschnellen Bewegungen des Kugelkopfes – ja, das Schreiben war das Grösste, das Gewalttätigste für ihn geworden – einfach drauflosschreiben. Szenarien entwerfen. Erinnerungen hervorholen, Amok laufen, jemanden auf dem Papier töten, auf den Gedärmen herumtrampeln.» (II/71)

Je weiter er das Schreiben als Strategie gegen seine seltener werdenden manisch-depressiven Zustände einsetzt, desto mehr erkennt er, dass Schreiben für ihn nicht nur Notwehr und Therapie ist, sondern ihm Sprache zum Medium künstlerischer Darstellung wird. Parallel zum Überlebensschreiben nimmt er deshalb eine andere Form der Spracharbeit auf: das «produktive Schreiben». Er beginnt den Materialsteinbruch des eigenen Lebens zu bearbeiten, zerkleinert den diffusen Horror in einzelne bedrängende Fragen und formt diese zu «lebensbegleitenden Berichten», die er zwischen 1984 und 1988 in drei Bänden «gestalteter Autobiografik» veröffentlicht.

Die insgesamt 836 Seiten umfassende Textsammlung – Manfred Züfle hat sie als «Roman-Trilogie» bezeichnet – ist ein «Entfesselungs-Akt», ein Dokument der Emanzipation, eines ungebrochenen Sprachbewusstseins, ehrlich bis zur Selbstentblössung, provozierend, ärgerlich, überraschend; in den erzählenden und beobachtenden Passagen präzis und direkt, in den reflektierenden ohne fertige Theorie, ich-bezogen, selbstquälerisch-hinterfragend, Oberflächen aufhackend: «spechtisch», sagt Müller. Er arbeitet mit «eine(r) möglichst kräftige(n) Sprache», mit der er «Lärm erzeugen» will (III/152), weil er etwas sagen muss, etwas zu sagen hat. Mit seinen Berichten sucht er Formen für seine Inhalte – in der marktkonformen Literaturproduktion verläuft diese Suche heutzutage meistens in umgekehrter Richtung.

Selten haben mich Texte mehr auf meine Lebensängste als Mann, auf meine intellektuellen Unzulänglichkeiten zurückgeworfen als jene von Müller, die sich schonungslos mit den Lebensängsten und intellektuellen Unzulänglichkeiten des Autors auseinandersetzen. Trotz ihrer zweifellosen Wirkung wird aber Müllers Trilogie von Germanistikseminaren und Literaturkommissionen nicht zur Prämierung hinaufgejubelt werden. Zu selbstbewusst spricht er seine Sprache ausserhalb des elaborierten Diskurses anerkannten Literarisierens. Zu vehement verstösst er gegen das Tabu von «Literatur», subjektive Erkenntnisprozesse als das darzustellen, was sie vor allem sind: ein Taumeln von Irrtum zu Irrtum entlang von Vorurteilen, Ressentiments und Lebensängsten. Müller demontiert aus Gründen seines Erkenntnisinteresses seine Erkenntnissouveränität radikal.

Im erster Bericht der Trilogie, «Der Ausgerissene», bearbeitet Müller seine Klinikkarriere. Den Protagonisten Ed Bär erfindet er, «weil sich beim Schreiben herausstellte, dass die Ich-Form eine zu grosse Nähe zum kaum verkrafteten Irrenhaus-Erlebnis bedeutet hätte» (I/5). Schritt für Schritt schildert Müller Bärs herannahende Krise als Zerfall von beruflicher und privater Handlungskompetenz bis zur völligen Handlungsunfähigkeit und Bevormundung auf der geschlossenen Abteilung der Klinik «Burghölzli». Parallel dazu zerfällt Bärs Wirklichkeitswahrnehmung, verzerrt und ver-rückt sich, teils wegen der schlimmen psychischen Verfassung, teils wegen der Psychopharmaka. Die Freischreib-Orgie, für die ihn die Weisskittligen schliesslich mit der Freilassung belohnen, wird als privater Überlebensakt geschildert. Aus der Klinik rettet Bär nichts als sein Leben.

Der zweite Band, «Der Entfesselte», ist aufgeteilt in verschiedene reportageartiger Berichte. Der Protagonist agiert immer noch in der dritten Person Einzahl, heisst aber jetzt «H. U.» und wohnt in einer kleinen Wohnung im Zürcher Kreis 3 – «ausgestanzt, ohne jeden Bezug zu den Menschen» (II/290). Allmählich arbeitet er sich durch psychische Krisen, Abstürze und Rückfälle schreibend aus seiner Weltlosigkeit, seiner völligen sozialen Isolation heraus. Er beginnt hinauszugehen, nimmt «Augenscheine an Tatorten» vor, und, indem er hinschaut, beginnt sich allmählich sein prekärer, halluzinierender Blick auf die Wirklichkeit zu verändern. H. U. durchstreift, zuerst als penetrant unbeteiligter Voyeur, die Stadt; begafft am Utoquai die öffentlich fixenden Jugendlichen; beginnt mit Menschen zu reden, zum Beispiel mit den Clochards unter der Selnaubrücke; besucht die «Collection de l'art brut» in Lausanne; setzt sich mit der Amerikanisierung Zürichs und seiner eigenen Person auseinander; stellt seine Männerrolle in Frage, die «archaischen Grundmuster männlichen Verhaltens» (II/276); beginnt, zuerst vor allem moralisierend, zum zweiten Mal in seinem Leben eine Welt-Anschauung zusammenzubauen; wird ein erstes Mal sozial aktiv, als er nachtwachenschiebend das Sterben eines krebskranken Kollegen begleitet. Am Schluss dieses Bandes hat er einen Fuss in der Tür zur Welt und will versuchen, sich als trotziger Kleinbürger zu behaupten: «Er hegt die Hoffnung, dass der individuell-egoistische Weg sein Weg in die Zukunft sein könnte.» (II/332)

Der dritte Band, «Der Unvergleichliche», bringt fünf Berichte, von denen zwei weit zurückliegendes biografisches Material bearbeiten, die anderen drei von aktuellen, drängenden Fragen ausgehen. Selbstironisch blickt Müller nun zurück: «Unser Psychosomatiker wollte statt mit der Herstellung von Realität tatsächlich mit ‘Milch und Honig’ geheilt werden.» (III/116) In den drei «aktuellen» Berichten redet jetzt ein autobiografisches Ich und sagt: «Ich als Linker» (III/176). Und dieses Ich beginnt zu handeln, wirft einen alten, verbitterten Rechtsextremen aus dem Spunten, weil dieser lautstark eine türkische Familie beschimpft. Bei seiner Lektüre stösst Müller auf den Begriff «Kränkung», leitet davon die «Kränkungsgesellschaft» ab und analysiert: «Wir leben alle in einer schwerste Kränkungen verursachenden menschlichen Gemeinschaft. Uns werden schwerste persönliche Verletzungen beigebracht – von anderen Menschen wie auch von Institutionen und Strukturen. Vom Staat. Wir leben folglich innerhalb kollektiver Kränkungs-Strukturen.» (III/191) Im Vorwort des ersten Bandes hatte Müller noch geschrieben: «Nicht eine bestimmte Klinik ist angeklagt, (...) sondern wir, unser Verhalten an der Urne, unser Verhalten Aussenseitern gegenüber.» (I/6) In seinen Berichten hat Müller viele Wege gemacht, jener von der konventionellen, sozialdemokratischen Larmoyanz zum Konzept der Kränkungsgesellschaft ist einer davon.

Es gibt in diesen Berichten Passagen, die haben mich geärgert: Da formuliert Müller sehr vorläufig, argumentiert wirr, moralisiert bemühend, lässt Halbgedachtes stehen. In unserem Gespräch kritisiere ich dann seine Auseinandersetzung mit der Gewalt als politischer Praxis (III/7f). Er geht von einem Diktum des Philosophen Günther Anders aus, das in der Linken kontrovers diskutiert worden ist: «Da die Bedrohung total und die mögliche Vernichtung global ist, hat unsere Notwehr total und global zu werden.» Dass Müller dieses Argument nur als Zumutung liest, Strommasten sprengen zu müssen, ist für mich konfus. Müller wehrt sich, argumentiert mit fortschreitendem, unfertigem, offenem, prozesshaftem Schreiben, seine Auseinandersetzung mit Anders sei noch nicht abgeschlossen. Tags darauf schickt er mir einen Brief, in dem er «das riskante Abenteuer» der Beschreibung von «Abläufen, die jetzt passieren», ausformuliert: «Während ich dann diese Geschichte zu schreiben versuche, habe ich null Abstand, und diese Situation zwingt mich, nichts auszulassen: Weder das Klare noch das Unklare, das Verdaute noch das Unverdaute. Es ist dann mein Ehrgeiz als Autor, aus zwei Dingen einen Text zu machen: aus einem tatsächlich jetzt laufenden schwierigen psychischen oder emanzipatorischen Entwicklungsprozess und aus der Beschreibung dieses Prozesses, seiner Umsetzung in eine Geschichte.»

In der Tat muss ich zugeben, dass jene Abschnitte, in denen Müller dieses prozesshafte Schreiben am konsequentesten betreibt (Band II: «Im Innern des Monoliths» und «Ermordung eines Politikers»; Band III: «John Miller, der Archetyp» und «Der Specht»), gleichzeitig am meisten provozieren und anregen.  Das Stehenlassen des «Unverdauten», das In-der-Schwebe-Lassen der unabgeschlossenen Prozesse ergibt die Möglichkeit, lesend mitzudenken, mitdenkend argumentativ einzugreifen, eingreifend zu den Wirrheiten im eigenen Kopf vorzustossen. Das macht den Unterhaltungswert von Müllers Berichten aus; eine Art von Unterhaltung freilich, die vom Markt der Literatuzak ignoriert wird. Was soll's. Müller schreibt weiter. 

(1) Die Seitenzahlen beziehen sich auf Müller Trilogie von autobiografischen Texten, die Anlass zum vorliegenden Porträt gewesen sind. I = «Der Ausgerissene». II = «Der Entfesselte». III = Der Unvergleichliche». 

Nachgedruckt in: Fredi Lerch: Mit beiden Beinen im Boden, Zürich (WoZ im Rotpunktverlag) 1995, 167-173. (Dokumentiert wird die Buch-Version.) – H. U. Müller lebt als Schriftsteller in Zürich. Die Trilogie «Der Ausgerissene. Ein Bericht» (1984), «Der Entfesselte. Ein Bericht aus Zürich» (1986) und «Der Unvergleichliche. Fünf Berichte vom Fremdsein und Menschsein» (1988) ist im eingegangenen Basler Z-Verlag erschienen. Müllers spätere Veröffentlichungen habe ich rezensiert: «Zürich-Bilder aus dem Traumbergwerk» (zu «Eldorado City», 1992); «An den hereinbrechenden Rändern» (zu: «Stadt ohne Echo», 2000); «Tödlicher Schuss im Gemälde» (zu: «Nachlass des Buchhalters», 2003) sowie «Die Rätselhaften in Single City» (zu: «Single City», 2009).