Psychose-Seminare? Ja, aber.

Ist es eine gute Sache, eine schöne Erfahrung oder gar «eine Erlösung»? So urteilen Teilnehmerinnen über das erste Berner Psychose-Seminar, das seit einigen Wochen im Gang ist. Alle drei Wochen treffen sich Psychose-Erfahrene, Angehörige und Klinikprofis, um in einem nicht-therapeutischen Rahmen gemeinsam ins Gespräch zu kommen. Die Initiative ging Ende September von der Direktion Mitte/West der Universitären Psychiatrischen Dienste Berns aus, die ein «Zeichen des Aufbruchs» setzen wollte, «hin zu einer stärkeren Gemeindeorientierung und einer engeren Zusammenarbeit mit den von seelischer Krankheit direkt oder indirekt Betroffenen».

Im Rahmen der diesjährigen Schreibwerkstatt der «Wunderbar»[1] wurden am 8. Dezember drei Teilnehmerinnen des Psychose-Seminars eingeladen, im gemeinsamen Gespräch über ihre ersten Erfahrungen zu berichten: Jacqueline Jost als Psychiatrie-Betroffene, Lilo Werner als Angehörigenvertreterin und die Psychiatrieschwester Orlanda Lehmann. Als erstes fällt auf, dass das Psychose-Seminar durchwegs positiv und als entwicklungsfähig eingeschätzt wird. Lehmann rühmt als Stationsschwester der Abteilung B 2 in der Waldau die grössere Offenheit im Gespräch, die der hierarchiefreiere Raum des Seminars ermögliche. Werner betont die Möglichkeit, im Rahmen des Seminars in einem nicht belehrenden Ton über eigene Erfahrungen reden zu können. Für Jost ist wichtig, über Probleme reden, Ratschläge geben, aber auch selber etwas mitnehmen zu können.

Die verschiedenen Interessenlagen der Anwesenden werden aber erst beim genaueren Hinhören deutlich: Etwa wenn Werner betont, jede Veranstaltung brauche einen Leitfaden, ein sozusagen didaktisch gesetztes Thema, das es zu «erarbeiten» gelte; Jost aber widerspricht, für sie sei wichtig, dass man während der Veranstaltung das Thema wechseln könne, dass man also – wenn es sein muss in chaotischer Abfolge – über das reden könne, was einen spontan bewegt. Wer wird schliesslich mit welcher Absicht darüber bestimmen worüber geredet werden soll? Differenzen auch, wenn allgemein der hierarchiefreiere Disput gelobt wird, Lehmann aber selbstkritisch eingesteht, die Fachpersonen müssten noch lernen «obenabezcho». Ist der Offizier kein Offizier mehr, wenn er im Ausgang den Uniformkittel auszieht?

Der Weg soll, so wird immer wieder angedeutet, das Ziel sein. Aber der gute Wille der Einzelnen täuscht nicht darüber hinweg, dass es nicht einen Weg gibt, dass die drei teilnehmenden Gruppen am Psychose-Seminar sehr verschiedene Wege vor sich haben. Für mich ist klar: Ein Psychose-Seminar hat dann und nur dann seine Berechtigung, wenn es den Psychiatrie-Erfahrenen hilft, aus ihrer Krise heraus zu neuer Zuversicht zu kommen und sich von der langfristig verhängnisvollen Nabelschnur zur psychiatrischen Institution zu lösen. Jede andere Zielsetzung führt zur Gängelung der direkt Betroffenen und in der Konsequenz zur Chronifizierung ihres psychischen Leidens.

[1] Diese zweite Schreibwerkstatt wurde vom Schriftsteller Beat Sterchi bestritten (die erste, die am 3./4. Dezember 1994 stattfand und zur Lancierung des «Kuckucksnests» führte, vomSchriftsteller H. U. Müller).