Prostituierte sollten sich organisieren

«Gewöhnlich beginne ich im Lauf des Nachmittags zu arbeiten», sagt die Gassenarbeiterin Irene Scharpff. Meistens trifft sie sich zuerst mit Klientinnen, die sich vorangemeldet haben. Bis morgens um halb zwei ist sie danach an der Arbeit, oft unterwegs bei den Sexarbeiterinnen und über ein spezielles Geschäftshandy jederzeit erreichbar: «Jeder Tag ist anders. Ich improvisiere, suche nach Lösungen; ständig stellen sich neue Herausforderungen – darum ist meine Arbeit derart spannend.»

Der Beruf, der keiner sein darf

Sexarbeit sei ein Arbeitsfeld, sagt Scharpff, auf dem sehr verschiedene Frauen mit sehr verschiedenen Motiven tätig seien: «Die einen sehen es als ihren Lebensverdienst; andere arbeiten für die Drogenbeschaffung oder weil sie in Not sind. Vor allem aber arbeiten die Frauen aus der professionellen Überzeugung, dass dies der Job sei, den sie machen wollen.»

Als Gassenarbeiterin ist Irene Scharpff bei den Sexarbeiterinnen immer dann gefragt, wenn es Probleme gibt. Geldprobleme; Probleme mit gewalttätigen Freiern; Probleme mit der Gesundheit oder Wissenslücken bei der Gesundheitsprävention; Probleme mit Ämtern und Behörden. Sie hilft aber auch, wenn eine Drogenabhängige aus der Sexarbeit aussteigen, in ein Methadonprogramm aufgenommen werden will oder Sozialhilfe braucht. Manchmal geht es einfach um ein klärendes Gespräch über diese spezielle Arbeit, die einerseits hartnäckig ignoriert und tabuisiert, andererseits selbstverständlich in Anspruch genommen wird.

Sexarbeit, sagt Scharpff, sei ein Beruf, der verschiedene Qualifikationen verlangt: «Eine Sexarbeiterin muss Psychologin sein, um auch ohne zu verletzen sich abgrenzen und klarstellen zu können, was sie anbietet und was nicht – zum Beispiel, dass sie nur mit Kondom arbeitet. Und sie muss Geschäftsfrau sein, die den Preis durchsetzt. Denn es ist so, dass Freier bei einem höheren Preis mehr Respekt haben und die Durchsetzung des Preises deshalb direkt gewaltverhindernd wirkt.»

In den Medien werde der Beruf der Sexarbeit gewöhnlich skandalisiert und einseitig dargestellt: «Es gibt ja auch eine Normalität des Alltags, und ich kann mit den Frauen zwischendurch herzhaft lachen. Bloss die Öffentlichkeit braucht immer Skandale, weil sie anders diese tabuisierte Arbeitswelt nicht wahrnehmen darf.» Klar gebe es oft genug ernste Geschichten. Aber es gebe auch anderes: etwa, dass viele Frauen ihre Arbeit als Form der Machtausübung sehen oder dass sie darin bestätigt werden, auf Männer attraktiv zu wirken.

Oft staune sie, wie weltfremd die Gesellschaft an der Idealvorstellung der lebenslangen fixen Partnerschaft festhalte: «Wenn es so wäre – warum haben dann so viele Sexarbeiterinnen Stammkunden aus allen sozialen Schichten und aus allen Altersgruppen – und zwar auch viele Familienväter? Warum wäre dann innert der letzten Jahre das Angebot – vom Internet über Erotikcenter bis zu neuen Bordells – so viel reichhaltiger geworden?» Ein Tabu sei, dass viele Männer Prostituierte in Anspruch nähmen, gerade weil sie die Beziehung zu ihrer Partnerin nicht aufgeben, aber trotzdem einmal alle ihre sexuellen Wünsche ausleben möchten. «Moralisieren bringt da gar nichts. Ich meine, dass es okay ist, wie es ist, aber dass es darum geht, den Sexarbeiterinnen zu möglichst guten Arbeitsbedingungen zu verhelfen.»

Fernziel: eine neue Unia-Branche

«Sexarbeit ist ein Beruf, der auch als Beruf anerkannt werden soll», sagt Irene Scharpff. Darum engagiert sie sich bei «Prostitution – Kollektiv – Reflexion» (Prokore), einem nationalen Netzwerk von Organisationen, Projekten und Einzelpersonen, die sich für die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen von Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern einsetzen und nach den Postulaten einer gemeinsamen Charta vorgehen.

Ihr Vorschlag: «Sexarbeiter und Sexarbeiterinnen müssten sich gewerkschaftlich organisieren können – auch wenn sie als Selbständigerwerbende gelten.» So utopisch ist der Vorschlag nicht: Zum einen haben sich Teile der Sexarbeitenden im «International Committee on the Rights of Sex Workers in Europe» (ICRSE) bereits selber organisiert, zum andern setzt sich die deutsche Dienstleistungsgewerkschaft Verdi seit einiger Zeit mit der Frage der Rechte der Sexarbeit aus gewerkschaftlicher Sicht auseinander.

«Wenn die Unia eine Möglichkeit sieht, den Dienstleistungsbereich der Sexarbeit zu organisieren», sagt Irene Scharpff, «bin ich selbstverständlich bereit, die ersten Kontakte zur Branche zu vermitteln.»

 

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Drogenfachfrau

Aufgewachsen ist Irene Scharpff (* 1962) in Pfäffikon (ZH). Nach der Diplommittelschule und einem Welschlandaufenthalt als Schwesternhilfe in Nyon (VD) Ausbildung zur Krankenschwester. Nach vier Berufsjahren in Zürcher Spitälern wechselt sie in das städtische Krankenzimmer für Drogenabhängige. Ab 1990 absolviert sie die Kantonale Maturitätsschule für Erwachsene und beginnt ein Studium (zuerst Umweltnaturwissenschaften, dann Medizin). Nach Abbruch des Studiums und grösseren Reisen Rückkehr in die Drogenarbeit: In Zürich und in Zug fünf Jahre lang Aushilfe in Kontakt- und Anlaufstellen und in Heroinabgabeprojekten. Daneben Weiterbildungen im Bereich der niederschwelligen Drogenarbeit und Nachdiplomstudium Sozialversicherungen.

Seit acht Jahren arbeitet Irene Scharpff nun mit Sexarbeiterinnen. Sie steht im Dienst der Stadt Zürich: «Ich bin zu guten Bedingungen angestellt und werde recht bezahlt.» Sie ist Mitglied des VPOD und lebt in der Region Uster auf dem Land, wo sie als passionierte Reiterin ihre beiden Pferde selber betreut.